Interview mit Kiefersfeldens Bürgermeister Gruber

Corona-Quarantäne beim Grenzverkehr nach Österreich? Wintersport lieber mit Köpfchen organisieren

Bürgermeister Hajo Gruber (Unabhängige Wähler) hielt die Sitzung für dringend notwendig.
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Bürgermeister Hajo Gruber (Unabhängige Wähler) hielt die Sitzung für dringend notwendig.
  • Klaus Rimpel
    vonKlaus Rimpel
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Kiefersfelden – Nach Bayern hat jetzt auch Österreich strenge Quarantäne-Regelungen für Reisende beschlossen. Besonders hart trifft das grenznahe Orte wie Kiefersfelden. Wir sprachen mit Bürgermeister Hajo Gruber (Unabhängige Wählergemeinschaft).

Was bedeuten die Corona-Maßnahmen schon jetzt für Kiefersfelden und ihre österreichische Nachbargemeinde Kufstein?

Hajo Gruber: Bisher ist der kleine Grenzverkehr noch privilegiert. Wir dürfen rüber nach Österreich, ohne danach in Quarantäne zu müssen – allerdings muss man einen wichtigen Grund nachweisen, also Arbeit, Schule oder Verwandtenbesuch. Viele Kufsteiner arbeiten bei uns, zum Beispiel als Pflegekräfte in unseren drei Altenheimen. Umgekehrt gehen viele Kieferer Kinder in Kufstein aufs Gymnasium. Selbst im strengen ersten Lockdown lief deshalb der kleine Grenzverkehr weiter. Aber trotzdem ist schon jetzt der Austausch zwischen Kufstein und Kiefersfelden wesentlich weniger geworden.

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Woran merkt man das?

Gruber: Normalerweise fahren viele Kufsteiner zu uns zum Einkaufen, weil es bei uns ein wenig günstiger ist. Gerade heute früh habe ich mit einem Lebensmittelhändler gesprochen, dass kaum noch ein Kunde aus Österreich kommt, obwohl es noch erlaubt ist. Aber es haben sich Gerüchte verbreitet, dass man Strafen zahlen müsse – das stimmt nicht, aber es schreckt die Menschen ab.

Wie wichtig sind die österreichischen Kunden für Kiefersfelden?

Gruber: Die Einzelhändler brauchen den regen Austausch unbedingt. Die Grenzregion lebt vom Handel. Dass wir in Kiefersfelden relativ viele Geschäfte haben, liegt vor allem an unserer Grenzlage.

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Wie streng wird die Grenze kontrolliert?

Gruber: Im ersten Lockdown war die Grenze ständig besetzt, und wer zum Arbeiten rüber wollte, musste einen Nachweis vom Arbeitgeber oder der Gemeinde dabei haben. Derzeit wird stichprobenartig kontrolliert.

Was halten Sie dann davon, das Virus mit Grenzschließungen und strengen Quarantäne-Regeln zu bekämpfen?

Gruber: Eine absolut dichte Grenze halte ich für völlig unpraktikabel. Wenn ich mir den Landkreis Rosenheim anschaue, der lange ähnlich hohe Infektionszahlen hatte wie Kufstein, zeigt sich doch, wie unsinnig das ist: Wenn ich nicht nach Österreich rüber fahren darf, dürfte ich dann auch nicht nach Rosenheim. Ich bin an der Grenze aufgewachsen, ich bin überzeugter Europäer: Die Regionen sollen grundsätzlich zusammenwachsen.

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Und was halten Sie von Markus Söders strengen Einschränkungen für den Wintersport?

Gruber: Ich komme aus dem Wintersport, sitze jetzt zwar nach einem Unfall beim Skispringen im Rollstuhl, bin aber immer noch begeisterter Langläufer. Wir in den Bergen sind überzeugt, dass man mit viel Hirn den Wintersport so organisieren könnte, dass hier keine Ansteckungsgefahr besteht! Ich kann Söders strenge Regelung wegen Ischgl einerseits nachvollziehen. Aber andererseits sehe ich, wie sehr sich die Liftbetreiber um gute Hygienekonzepte bemühen. In unserem Nachbarort Oberaudorf im Skigebiet Hocheck etwa gab es ein System, dass man nur mit Voranmeldung im Sessellift fahren konnte. Ein bisserl mehr Differenzierung hätte ich mir schon gewünscht. Wintersport draußen stärkt doch das Immunsystem, was gerade in dieser Pandemie wichtig ist. Aber grundsätzlich halte ich die Maßnahmen unserer Bundes- und Landesregierung für richtig. Wir hatten bei 7000 Einwohnern 13 Corona-Todesfälle. Wenn wir nichts gemacht hätten, wären wir in eine Katastrophe geschlittert.

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