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Einziger heimischer Singvogel, der taucht und schwimmt - Gewaltige Kugelnester

Kein Vogel wie jeder andere

Rosenheim/Mühldorf - Naturfreunde, die beim Spaziergang an einem fast zugefrorenen Gebirgsbach einen fröhlich schwätzenden, rauhen, zwitschernden Gesang, unterbrochen von leisen pfeifenden Tönen hören, wissen, dass es sich nur um eine Wasseramsel handeln kann. Männchen und Weibchen singen das ganze Jahr über, auch bei tiefen Temperaturen und Schnee.

Die Wasseramsel ist unser einziger Singvogel, der tauchen und schwimmen kann. Friert dem ansonsten ortstreuen Vogel das Gewässer gänzlich zu, so weicht er in größere Fließgewässer flussabwärts aus. In Oberaudorf zum Beispiel von den Gebirgsbächen in den meist offenen Inn, der wieder eine relativ gute Wasserqualität hat. In diesen Winterausweichrevieren gibt es keinen Revieranspruch. Bis zu acht Wasseramseln konnte ich beobachten, ohne dass es zu Streitereien kam. Brüten habe ich sie aber am Inn nie gesehen. Wenn die angestammten Biotope eisfrei werden, zieht sie sich wieder in ihr Brutrevier zurück.

Der Name der Wasseramsel (Cinclus cinclus) ist irreführend, sie ist mit der Amsel nicht im geringsten verwandt. In ihrem Aussehen ist sie unverwechselbar und leicht an ihrem weißen Kehl- und Brustlatz zu erkennen. Der 18 Zentimeter große Vogel ist etwas kleiner als ein Star, aber "runder" und etwas gedrungener. Die Färbung des Gefieders ist auf der Oberseite bräunlich, schiefergrau bis schwarz, der Bauch rotbraun. An ihren kräftigen Füßen hat sie lange Krallen, um am Gewässergrund besseren Halt gegen die Strömung zu finden, oder an Felsen im Uferbereich besser klettern zu können.

Die Wasseramsel ist sehr eng an ihren Lebensraum gebunden, man sieht sie nirgendwo anders. Oft sitzt sie auf vom Wasser umspülten Steinen, von denen sie ihre Tauchgänge startet. Manchmal nervös mit dem ganzen Körper knicksend, dann wieder dösend, fast apathisch wirkend. Obwohl sie über 1,5 Meter tief tauchen kann - sie setzt dabei geschickt die Flügel als Paddel ein - hat ihr die Evolution keine Schwimmhäute geschenkt. Dafür aber eine überproportionale Bürzeldrüse, mit der sie ihr sehr dichtes Federkleid einfettet, um vor Nässe und Unterkühlung gefeit zu sein. Bis zu 30 Sekunden kann der kleine Vogel abtauchen, meist ist er aber viel kürzer unter Wasser.

Der Großteil der Nahrung wird unter Wasser erbeutet. Da ist die Wasseramsel in ihrem Element. Sie taucht, lässt sich mit der Strömung treiben oder hält nur den Kopf unter Wasser, um sich nach etwas Fressbarem umzusehen. Schnell fließende saubere Bäche, deren Ufer mit genügend Vegetation versehen sind, kiesiger Untergrund, gepaart mit seichten Stellen und tiefen Gumpen versprechen eiweißhaltige Nahrung das ganze Jahr über. Bei ihren häufigen Tauchgängen wird der Bachgrund intensiv nach Larven von Steinfliegen, Eintagsfliegen, Köcherfliegen, Flohkrebsen und so weiter abgesucht. Dabei werden auch kleinere Steine mit dem Schnabel umgedreht, um Insekten aus ihrem Versteck zu holen. Dass ab und zu auch ein kleiner Fisch den Speisezettel bereichert, ist ihr nicht übel zu nehmen. Längst sind die Zeiten vorbei, in denen Fischer sie als maßgeblichen Fischräuber einstuften und für jede erlegte Wasseramsel eine Prämie zahlten.

Sehr früh im Jahr beginnt die Wasseramsel mit der Balz, die einige Rituale beinhaltet. Der Gesang wird intensiver, das Brutareal wieder bezogen und verteidigt. Schwirrend ist der Verfolgungsflug knapp über der Wasseroberfläche, es folgt ein gemeinsamer Gesang, der Partner wird mit kurzen Tippelschritten oder schwimmend umkreist. Wenn sich die Partner gegenseitig füttern, ist die Verpaarung akzeptiert. Ein Brutpaar beansprucht an einem mittelgroßen Bach etwa einen Kilometer, davon sollte ein halber Hektar flaches kiesiges Gewässer sein. Wenn die Witterung es zulässt, beschäftigt sich das Männchen schon im März mit dem Nestbau. Hat sich ein Weibchen hinzu gesellt, bauen beide weiter, wobei das Männchen nun zum Hilfsarbeiter degradiert wird. Es darf nur noch Nistmaterial heranschleppen, verbaut wird es - möglichst nass - vom Weibchen.

Das Nest besteht aus einer großen Mooskugel, die bis zu 50 Zentimeter Durchmesser haben kann, vor allem wenn es über mehrere Jahre benützt und immer wieder angebaut wurde. Im Innern der Kugel befindet sich ein napfförmiges Nest aus Grashalmen. Das Gelege wird immer über Wasser gebaut. Deshalb findet man die Nester häufig in Anschwemmmaterial, an Uferfelsnischen, sogar hinter Wasserfällen und sehr oft unter Brücken. So zu beobachten am Auerbach in Oberaudorf unter der Eisenbahnbrücke. Das Weibchen legt vier bis fünf Eier. Die Brutzeit beträgt 16 Tage, die Aufzuchtzeit drei Wochen. Die Jungen verlassen das Nest sehr frühzeitig und können nur mühsam fliegen. Schwimmen und tauchen können sie indes von Anfang an. Das musste meine Jagdhündin Kessi, wenn sie mich beim Fliegenfischen begleitete und Verfolgungsversuche unternahm, immer wieder verblüfft feststellen. Nach sechs Wochen verlassen die Jungen ihre Heimat, um in unbesetzten Biotopen der engeren Umgebung, aber auch bis zu mehreren Kilometern entfernt, ein eigenes Revier zu finden. Die Altvögel sind derweil schon mit der zweiten Brut beschäftigt.

Durch Kläranlagen und Bachrenaturierungen wurde die Wasserqualität deutlich verbessert und dient wieder als Lebensraum von Wasserinsekten. Zusätzlich half auch das Anbringen von Nisthilfen. Wurden in den 60er-Jahren bei den Wasseramseln noch drastische Bestandseinbrüche registriert - viele Gräben und Bäche wurden damals unnötig und ohne Rücksicht auf ökologische Bedürfnisse begradigt - so hat sich heute der Bestand wieder auf hohem Niveau stabilisiert. Den Wasseramseln geht's wieder gut - hoffentlich bleibt das so!

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