Dramatische Krise in El Alto

Kampf ums nackte Überleben: Corona bedroht Lebenswerk von Rosenheimer Pfarrer in Bolivien

Corona-Bekämpfung auf bolivianisch: Ein Mann im Schutzanzug versprüht in La Paz Desinfektionsmittel auf zwei Hochzeitspaare. Fünf Monate strikte Quarantäne haben auch dem Lebenswerk Obermaiers arg zugesetzt.
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Corona-Bekämpfung auf bolivianisch: Ein Mann im Schutzanzug versprüht in La Paz Desinfektionsmittel auf zwei Hochzeitspaare. Fünf Monate strikte Quarantäne haben auch dem Lebenswerk Obermaiers arg zugesetzt.
  • Ludwig Simeth
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Was wird aus seinem Lebenswerk in Bolivien, wenn ihn der Herr zu sich ruft? Diese Frage hat sich der 2016 verstorbene Rosenheimer Pfarrer Sebastian Obermaier zu Lebzeiten oft genug gestellt. An alles hat er gedacht. Nur an Corona nicht. Jetzt geht es in „seiner“ Stadt El Alto ums nackte Überleben.

Rosenheim/La Paz – Es sollte alles weitergehen auch ohne den „Padre“, den „Vater“, wie ihn die Bolivianer bewundernd-ehrfürchtig nannten – in all den Pfarreien, Schulen, Waisenhäusern, Senioren- und Gesundheitszentren und sonstigen Sozialprojekten, die er in El Alto gegründet und gebaut hat. Nur eine Pandemie hatte der Rosenheimer Missionar, Boliviens „Mann des Jahres“ 2007, nicht auf dem Zettel.

Corona hat Bolivien in eine dramatische Krise gestürzt. Für die Ärmsten geht es nur noch darum, die Krise lebend zu überstehen. Auch und vor allem in Obermaiers El Alto, der Zwillingsstadt von La Paz in 4000 Meter Höhe.

Herzinfarkt vor der Morgenmesse

Morgen wäre der Padre – geboren am 24. Oktober 1934 am Rosenheimer Ludwigsplatz – 86 Jahre alt geworden. Doch 2016, er bereitete sich früh am Morgen auf die nächste Messe vor, riss den rastlosen „Macher“ aus Bayern ein Herzinfarkt mitten aus dem Leben.

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Also machte Eugenio Scarpellini, Bischof von El Alto, das Lebenswerk des Padre zu seiner persönlichen Herzenssache – ein Segen für die Armen und Schwachen in El Alto, für die Pfarrei „Cuerpo de Cristo“ und die Gönner in der Heimat Obermaiers. Um nichts dem Zufall zu überlassen, reiste der in ganz Bolivien hochanerkannte Bischof sogar extra nach Rosenheim – und das gleich mehrmals.

Die politische Katastrophe

Es gab ja einige Entscheidungen zu treffen, Weichen zu stellen und Probleme aus der noch coronafreien Welt zu schaffen: in Obermaiers Kinder-, Jugend- und Seniorenzentren, in den Pfarreien, in der Stiftung, im Sender. Doch dann kamen die drei Katastrophen: eine weltweit medizinische, eine landesweit politische und eine persönlich tödliche.

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Das Vermächtnis des Padre Obermaier

Den Auftakt machte die Wahl im Oktober 2019. Beobachter warfen Staatspräsident Evo Morales und seiner sozialistischen MAS-Partei Betrug vor. Es folgten Unruhen, Demos, Proteste, blutige Straßenkämpfe, Boykotte und Lebensmittelknappheit. Der Präsident trat zurück, floh ins Exil. Es regierte das Chaos. Immerhin gelang es im Januar 2020, das zerrissene Land zu befrieden. Bischof Scarpellini, Padre Obermaiers Weggefährte, spielte dabei eine herausragende Rolle.

Die medizinische Katastrophe

Doch zum Durchatmen blieb keine Zeit. Die Pandemie und ein rigoroser Corona-Lockdown trafen das arme Land im März mit voller Wucht. Schließung der Firmen, Märkte und Schulen, Ausgangssperre und totales Fahrverbot: ganze fünf Monate lang wurde Bolivien in strikter Quarantäne gehalten. Die Folge: neue Unruhen, noch mehr Armut, noch mehr Tote – ob mit oder ohne Corona.

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Auch in El Alto ging es nun für die vielen Tagelöhner, die mit ihren Familien von der Hand im Mund leben müssen, nur noch ums nackte Überleben. Nicht verhungern, nicht erfrieren, das Fieber stoppen – das war die Strategie, während auf dem Schwarzmarkt für Medikamente, Vitamine und Lebensmittel die Wucherpreise täglich kletterten.

Padre Sebastian Obermaier 2010 in der OVB-Redaktion.

Trotzdem kollabierte das Gesundheitssystem. Klinikbetten, Sauerstoff und Beatmungsgeräte reichten hinten und vorne nicht. „Tote in Straßen und vor überfüllten Hospitälern komplettieren ein Bild, das nicht anders als apokalyptisch bezeichnet werden kann“, schrieb ein Beobachter der Konrad-Adenauer-Stiftung.

Die persönliche Katastrophe

Einer der 8500 Corona-Toten war der 66-jährige Bischof von El Alto: Eugenio Scarpellini. Er steckte sich im Sommer mit dem Virus, erlitt zwei Herzinfarkte. Ironie des Schicksals: Der italienische Geistliche, der 1988 nach Bolivien gegangen war, stammt ausgerechnet aus dem ersten Corona-Hotspot Bergamo. Zum ersten italienischen Bischof, der an oder mit Corona stirbt, wurde er über 10 000 Flugkilometer entfernt. Die Bestürzung war groß: in Bolivien, in Italien, in Rosenheim.

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Der Padre und die Copacabana

Scarpellini, Mann des Ausgleichs und der Verständigung, galt als wichtiger Vertreter in der bolivianischen Gesellschaft. Die „Stiftung Bolivienhilfe Padre Obermaier“ in Rosenheim verliert mit seinem Tod einen wertvollen Partner. Gemeinsam hatte man Weichen gestellt, Entscheidungen getroffen, Lösungen gefunden.

Armes Bolivien

Bolivien ist mit einer Kindersterblichkeit von 43 pro 1000 Geburten (4,3 Prozent) Schlusslicht in Lateinamerika – und rangiert hinter Ländern wie Indien, Bangladesch oder dem Irak. In der offiziellen Corona-Statistik beklagt das arme Land, das etwa dreimal so groß wie Deutschland ist, aber mit 11,4 Millionen weniger Einwohnern als Bayern hat, bis heute rund 8500 Tote, darunter etliche Ärzte und Pflegekräfte. Das sind dreimal so viele Corona-Tote wie in Bayern, das bei rund 13 Millionen Einwohnern bis jetzt auf 2700 Tote kommt.

Perspektive statt Ausgrenzung

Corona-Opfer: Eugenio Scarpellini, Bischof von El Alto.

Den vielen Menschen, die in der Millionenstadt El Alto von Armut und Ausgrenzung betroffen sind, eine lebenswerte Gegenwart und Zukunft ermöglichen: Dieses Ziel verfolgen Obermaiers Einrichtungen. In sechs Kindertagesstätten gibt es für jeweils 40 Buben und Mädchen im Alter von sechs Monaten bis fünf Jahren Brot, Wärme und Bildung. Die sieben Jugendzentren bieten Platz für 200 Heranwachsende, auch im Sankt-Martins-Altenheim ging es bis zum Frühjahr 2020 voran – trotz aller Engpässe.

Mehr denn je Hilfe aus Rosenheim nötig

Der Corona-Stillstand hat nun für viele offene Baustellen gesorgt – Dach, Brandschutz und Aufzug in Obermaiers Seniorenheim sind nur drei von vielen. Der kirchliche Fernsehsender „Jungfrau von Copacabana“, benannt nach der Wallfahrtsstätte am Titicacasee, hat kaum noch Werbeeinnahmen und musste Gehälter kürzen. Dabei steht und fällt die Arbeit in der Pfarrei, in den Einrichtungen und im Sender mit der Qualität, Motivation und Bezahlung der Mitarbeiter.

„Deshalb ist El Alto mehr denn je auf Spenden aus der Heimat des Padre angewiesen“, betonen Georg Liegl, Vorstand der „Stiftung Bolivienhilfe“, und Hans Obermaier, der Bruder des Pfarrers. Und Bolivien? Das politisch und soziale gespaltene Land hat vor wenigen Tagen eine neue Regierung gewählt. Nun sind Vermittler gefragt. Doch ausgerechnet jetzt fehlen Männer wie Obermaier und Scarpellini.

Kontakt: Hans u. Carola Obermaier, Telefon 08031/3043632; Georg Liegl, Telefon 08038/1607.

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