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„Tickende Zeitbombe“

Zellengenosse aus JVA Bernau stirbt nach Angriff: Traunsteiner Gericht schickt 28-Jährigen in die Psychiatrie

Der Angeklagte (links) spricht mit seinem Anwalt Walter Holderle und einer Dolmetscherin im Gerichtssaal.
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Der Angeklagte (links) spricht mit seinem Anwalt Walter Holderle und einer Dolmetscherin im Gerichtssaal.
  • VonMonika Kretzmer-Diepold
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Als „tickende Zeitbombe“ bezeichnete der Staatsanwalt einen 28-jährigen Mann aus Mali, der im Oktober 2020 einen Mithäftling (30) in der JVA Bernau so schwer gewürgt hatte, dass dieser tödliche Verletzungen erlitten hatte. Das Gericht ordnete die Unterbringung des 28-Jährigen in der Psychiatrie an.

Traunstein/Bernau – Gegen einen schuldunfähigen Mann (28) aus Mali ordnete das Schwurgericht Traunstein mit Vorsitzendem Richter Erich Fuchs am Freitag (11. Juni) die zeitlich unbegrenzte Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus an. Er hatte seinen Mithäftling (30) in einer Zelle in der Justizvollzugsanstalt Bernau mit einem Unterarmhebelgriff massiv verletzt. Das Opfer starb einen Tag später im Klinikum Rosenheim (wir berichteten). Das Gericht gelangte im Urteil zu einem „Totschlag“, für den der psychisch kranke Täter nicht bestraft werden könne.

Von Straubing nach Bernau verlegt

Der 28-Jährige hatte sich erst wenige Tage vor dem Gewaltverbrechen von der JVA Straubing in das Gefängnis in Bernau verlegen lassen. Er hatte eine Freiheitsstrafe des Landgerichts Traunstein von siebeneinhalb Jahren wegen versuchten Mords am 15. August 2014 an einer ehrenamtlichen Asylbetreuerin in Wasserburg zu verbüßen. Stiche in den Bauch, in den Hals und den Oberarm hatten die 22-Jährige lebensgefährlich verletzt.

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Nach etwa fünf Jahren in der JVA Straubing und eineinhalb Wochen in Bernau kam es in Zelle 267 in Haus 2 zu der Gewalttat an dem Zellengenossen aus Eritrea. Der Beschuldigte lag am Nachmittag des 8. Oktober 2020 oben auf dem Stockbett. Der 30-Jährige saß auf einem Stuhl und sah fern. Unbemerkt vom Opfer stieg der 28-Jährige herunter, stellte sich hinter den abgelenkten Mithäftling, legte ihm einen Arm um den Hals, fixierte den „Schwitzkasten“ mit seinem anderen Arm und drückte zu.

Als Motiv gab er vor Gericht an, er sei von dem Mann mit dem Tode bedroht worden. Um nicht selbst umgebracht zu werden, habe er den anderen getötet. Der 30-Jährige fiel bewusstlos zu Boden, der 28-Jährige drückte den Notruf. Vollzugsbeamte leisteten dem Geschädigten Erste Hilfe. Ein Notarzt konnte den 30-Jährigen noch wiederbeleben. Im Klinikum Rosenheim verstarb er am nächsten Tag infolge zentraler Lähmung als Folge des Würgevorgangs.

Bis zu zehn Minuten gewürgt

Professor Dr. Oliver Peschel vom Rechtsmedizinischen Institut an der Universität München erläuterte am Freitag, der angewendete Unterarmhebelgriff sei hochgefährlich und führe sehr schnell zu Bewusstlosigkeit. Der Beschuldigte müsse den Hals mindestens drei und möglicherweise bis zu zehn Minuten lang komprimiert haben. Dies sei belegt durch mehrere Befunde.

Der psychiatrische Sachverständige Dr. Josef Eberl vom Bezirksklinikum in Gabersee ging auf den Krankheitsverlauf bei dem 28-Jährigen ein. Bei der Tat 2014 in Wasserburg sei er voll schuldfähig gewesen. In der JVA Straubing sei dann eine paranoide Schizophrenie erkannt worden. Eine medikamentöse Behandlung sei zunächst erfolgreich gewesen.

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Dann jedoch habe der Beschuldigte die Medikamente immer wieder verweigert – mit der Folge mehrerer aggressiver Vorfälle. Ein „chronischer Wahn“, verfolgt, bedroht und gemobbt zu werden, habe sich festgesetzt. Dies sei in der JVA Bernau weitergegangen. Der Gutachter wörtlich: „In seiner Denke hat er in einer Notwehrsituation gehandelt.“

„Bedrohungsszenario ist Teil des Wahns“

Staatsanwalt Wolfgang Fiedler übernahm dies in seinem Antrag auf Unterbringung: „Das Bedrohungsszenario ist Teil des Wahns.“ Von dem körperlich unterlegenen Opfer sei keinerlei Gefahr ausgegangen. Der Ankläger plädierte auf einen „Heimtückemord“. Der 30-Jährige sei arg- und wehrlos gewesen. Der Täter habe das Unrecht seines Handelns nicht einsehen können. Das Wiederholungsrisiko für schwere Gewalttaten sei groß. Der Mann habe im Bezirksklinikum Gabersee gedroht, einen dritten Menschen zu töten. Fiedler konstatierte: „Er ist eine tickende Zeitbombe.“

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Verteidiger Walter Holderle aus Rosenheim schloss sich weitgehend an, wertete die Tat jedoch als „Totschlag“. Sein Mandant habe den 30-Jährigen als „ständige Gefahr“ betrachtet. Im „letzten Wort“ erklärte sich der Beschuldigte „bereit, ins Gefängnis zu gehen, nicht aber in eine Klinik“: „Ich bin nicht krank.“

Höchstmögliche Sicherheitsmaßnahmen

Einen „Mord“ verneinte auch das Schwurgericht. Zwar sei das Opfer ohne Argwohn auf dem Stuhl gesessen. Doch sei die Frage, „ob bei dem Beschuldigten ein Ausnutzungsbewusstsein vorlag“. Es sei nicht sicher zu sagen, dass der 28-Jährige „die Arg- und Wehrlosigkeit bewusst ausgenutzt hat“. Die Voraussetzungen für Unterbringung seien erfüllt: „Er hat ein sehr schweres Verbrechen begangen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit sind unbehandelt wieder Gewalttaten zu erwarten, die tödlich enden können.“ Die höchstmöglichen Sicherheitsmaßnahmen seien zu ergreifen, betonte der Vorsitzende Richter.

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