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Die Justiz soll schuld sein

Wegen Doppelmords aus Habgier vor Gericht: Der 58-jährige Angeklagte aus dem südlichen Inntal (rechts), mit Rechtsanwalt Harald Baumgärtl an seiner Seite, auf dem Weg in den Saal.  Foto kd
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Wegen Doppelmords aus Habgier vor Gericht: Der 58-jährige Angeklagte aus dem südlichen Inntal (rechts), mit Rechtsanwalt Harald Baumgärtl an seiner Seite, auf dem Weg in den Saal. Foto kd

Ein Ruhestandsbeamter, bis zu seiner Pensionierung 1993 im Justizdienst in den Gefängnissen München-Stadelheim, Traunstein und Bernau tätig, muss sich seit gestern wegen Doppelmords aus Habgier vor dem Schwurgericht Traunstein verantworten. Der 58-jährige Mann aus dem Oberen Inntal bestätigte den Sachverhalt der Anklage weitgehend.

Zu den Tatmotiven berief er sich auf "psychische Ursachen" und auf die ihm im März 2014 gerichtlich entzogene Betreuung seiner Mutter. Mit Geld habe alles nichts zu tun gehabt.

Traunstein/Aschau/Brannenburg - Angehörige hatten die Mordopfer aus Rosenheim - den Sportarzt Hans R. (90) und seine 65 Jahre alte Ehefrau Renate - nach dem Pfingstwochenende 2014 als vermisst gemeldet. Die Ermittlungen führten Tage später zu dem 58-Jährigen, der die Polizei zu den Leichen der Opfer führte, die er in einem Waldstück am Samerberg abgelegt hatte.

Zur schrecklichen Bluttat war es im Aschauer Ferienhaus des Ehepaars gekommen. Er sei am Vormittag des 9. Juni 2014 in das vorher ausgespähte Haus eingedrungen, habe nichts Stehlenswertes gefunden. Gegen Mittag hörte er die Besitzer mit dem Auto kommen. Das Ehepaar überraschte er in der Essecke, forderte EC-Karten und PIN.

Es kam zum Handgemenge, bei dem der Arzt zu Boden fiel. Die Frau folgte dem 58-Jährigen ins Schlafzimmer, wo der Einbrecher den mitgebrachten Auto-Dachgepäckträger zusammen mit seinem Rucksack deponiert hatte. Der 65-Jährigen versetzte er mit dem Gepäckträger einen so heftigen Schlag, dass sie in Folge schwerster Kopf- und Halswirbelverletzungen starb.

Aus dem Rucksack griff der Täter ein ebenfalls mitgebrachtes Küchenmesser und stach dem Arzt fünfmal in die Brust. Der 90-Jährige verblutete. Auf Frage des Vorsitzenden Richters Erich Fuchs antwortete der Angeklagte: "Ich habe nicht gleich realisiert, dass sie tot sind." Er habe eine halbe Stunde gewartet. Dann sei er auf einen "Erpresserbrief" gekommen: "Ich wollte den Verdacht ablenken."

Im Haus wischte er das Blut weg. Den Leichnam der Frau legte er in den Kofferraum, den 90-Jährigen auf die Rückband des Pkw der Mordopfer. Auf die Frage "Wie im Film?" nickte der Angeklagte. Bei den Angehörigen - eine Schwester der 65-Jährigen ist Nebenklägerin in dem Prozess - entschuldigte er sich fast flüsternd: "Es tut mir Leid."

In dem Prozess geht es auch um einen Überfall mit einem Messer im November 2013 auf zwei Frauen in Brannenburg. Wie im Fall des getöteten Ehepaars hatte es der 58-Jährige laut Anklage von Oberstaatsanwalt Jürgen Branz auf die EC-Karten samt PIN abgesehen. Damit erbeutete er einige tausend Euro an Geldautomaten. Den Überfall bestätigte er ebenfalls - auch, dass er eine der Frauen gezwungen habe, eine Flüssigkeit mit einem Medikament darin zu trinken: "Ich wollte, dass sie einschläft."

Mit 37 Jahren in

den Ruhestand

Zu seinem Leben berichtete der Angeklagte, dem Verteidiger Harald Baumgärtl aus Rosenheim zur Seite steht, von Kindheit und Jugend in Wolkersdorf und Erlstätt, von einer Kaufmannslehre in Traunstein. 1973 gaben seine vermögenden Eltern die Landwirtschaft auf. Bundeswehrdienst versah er ab 1980 in Bad Reichenhall, 1985 wechselte er in den Justizvollzugsdienst. Hier wie dort gab es Probleme. Der Angeklagte deutete an, es habe mit seinen "schweren Depressionen" zu tun. 1993 trat er, dienstunfähig krankgeschrieben, in den Ruhestand.

Seither verdiente er nie mehr Geld durch Arbeit, lebte von seiner Pension und einer Leibrente, die ihm seine Mutter überlassen hatte. Ab dem 18. Lebensjahr hatte er nach seinen Worten an der Börse spekuliert: "2002 hatte ich über eine Million Euro auf dem Konto." Davon habe er einen Kredit seiner Mutter für ein Doppelhaus in Brannenburg zurückgezahlt. Die Mutter lebte in der einen Hälfte, der 58-Jährige mit Familie in der anderen. 2012 wurde die Mutter pflegebedürftig, ihr Sohn zum Betreuer bestellt. Als Verwandte Vorwürfe in Richtung Untreue erhoben, bestellte das Betreuungsgericht im März 2014 einen Rechtsanwalt als Betreuer. Dieser strengte eine Zivilklage an - wegen rund 270 000 Euro, die der Sohn zu Unrecht vom Konto der Mutter abgehoben habe.

"Wahnsinnig seid's Ihr - die Mutter hab' ich auch noch verloren!"

Sprach der Angeklagte in seiner Anhörung extrem leise und ließ sich jedes Wort "aus der Nase ziehen", so änderte sich das, als es um den Betreuungsstreit ging. Er äußerte "Hass auf die Justiz" und weitere Personen, redete ohne Pausen, schrie ("Wahnsinnig seid's Ihr!") und brach in Tränen aus: "Die Mutter hab' ich auch noch verloren. Der Rechtsanwalt hat alles aus Hass gemacht." Er beteuerte, alle Unterschlagungsvorwürfe widerlegt zu haben. Und weiter: "Ohne die Betreuungssache wäre es nicht zu der zweiten Tat gekommen." Als das Thema Betreuung erledigt war, kehrte der 58-Jährige zu seiner leisen, stockenden Sprechweise zurück.

Das Verfahren wird am 5. und 10. Februar sowie am 3. und 5. März fortgesetzt.

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