Vor 75 Jahren: Das Kriegsgefangenenlager bei Bad Aibling als chaotische Improvisation

Vorm Tor, genau 75 Jahre danach: Hans Stratbücker leitet das Heimatmuseum und hat sich mit der Geschichte des Kriegsgefangenenlagers befasst. Weiser
  • Michael Weiser
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Vor 75 Jahren lösten sich die letzten Reste von Hitlers Wehrmacht in Oberbayern auf, Zehntausende von Soldaten wurden von der siegreichen US-Armee im Mai 1945 „eingesammelt“. Im Bad Aiblinger Ortsteil Mietraching richteten die US-Soldaten ein Gefangenenlager ein, das gigantische Ausmaße erreichte.

Bad Aibling – Man sieht der Gegend nicht an, was sich dort abgespielt hat. Nicht ihre Vergangenheit als Fliegerhorst, nicht ihre Geschichte als gigantisches Kriegsgefangenenlager oder die spätere Nutzung als Abhörstation der US-Amerikaner. Gleichgültig wölbt sich ein makellos blauer Frühlingshimmel über dem Areal, in dem sich heute der Sportpark Bad Aibling befindet, nahezu menschenleer in Zeiten von Corona.

Überbleibsel der Abhörstation

„Da hinten“, sagt Hans Stratbücker, und seine Hand wedelt, weiter und weiter, bis man die weißen Kugeln erspäht, einige hundert Meter entfernt, die von der amerikanischen Abhörstation übrig geblieben sind. „Dort befand sich der Bereich für die gefangenen SS-Leute.“ Die vielen Hektar davor, unterteilt in eingezäunte Quadrate: die waren den „normalen“ Gefangenen vorbehalten: Tausende und Abertausende Soldaten von Hitlers Wehrmacht, die sich vor genau 75 Jahren den alliierten Truppen ergeben hatten.

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Der Lokaltermin mit Kreisheimatpfleger Stratbücker gilt dem größten Kriegsgefangenenlager in Süddeutschland. PWE No. 26 hieß es, eine Dreiviertelmillion Soldaten, unglaubliche 750 000 Menschen, sollen es bis 1946 durchlaufen haben. Die Welle der Gewalt, die im Mai 1945 in Oberbayern ausrollte und das Treibgut des Krieges zurückließ. Elend und Erleichterung, Not und Hoffnung auf Heimkehr. Hungern und Ausharren, Überleben im Schlamm, chaotische Bilder in Schwarzweiß. Hier? In Bad Aibling, Kurstadt in einer der schönsten Ecken Deutschlands?

Deutsche Soldaten wurden eingesammelt

Frühling 1945: Die US-Amerikaner hatten den Vorstoß auf Berlin abgeblasen, weil sie fürchteten, dass sich Hunderttausende fanatische deutsche Soldaten in den Alpen verschanzen würden. Entsprechend brachial bahnten sie sich nun ihren Weg ins Alpenvorland. Die Wehrmacht? Zu organisiertem Widerstand bald nicht mehr fähig. Die Reste zerschmetterter Verbände fanden ihre vorgesehenen Stellungen oftmals schon von Amerikanern besetzt und weitere Rückzugswege abgeschnitten. „Wohin mit den zahllosen Deutschen, die zwischen Inn und Isar weniger im Kampf gefangen als vielmehr einfach aufgesammelt wurden?“ fragte sich ein Zeitzeuge. Die amerikanische Armee improvisierte.

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Einen Tag nach der Besetzung Rosenheims, am 3. Mai 1945 also, sammelte sie Gefangene in Mietraching. Dort, wo die Luftwaffe seit 1936 einen Fliegerhorst eingerichtet hatte. Sollten die Verantwortlichen der US-Armee die Gebäude für die Unterbringung deutscher Soldaten vorgesehen haben, machte der Andrang der Gefangenen bald alle guten Absichten zunichte. Keine Unterkünfte, keine geregelte Versorgung mit Wasser und Nahrung, zu wenige Latrinen – man parkte die Gefangenen in Massen auf der grünen Wiese. Auf unbestimmte Zeit. Unter unglaublichen Bedingungen.

Blick ins Lager: Impressionen in einem zeitgenössischen Aquarell, das im Heimatmuseum von Bad Aibling aufwahrt wird. Historischer Verein

Gottfried Mayr hat für den Historischen Verein Bad Aibling eine Vielzahl von Zeitzeugenberichten gesammelt. Ein Gefangener, damals 20 Jahre alt, erinnert sich: „Die ersten Tage waren sehr kalt, und es gab Schnee. Die meisten sind die ersten Tage nur gestanden, weil circa 15 Zentimeter Schnee gelegen sind.“ Ein anderer gab sich mit den letzten Vorräten noch mal die Kante: „Hatte man selbst noch in den Wirren der letzten Kriegswochen noch die Illusion gehabt, selbst auf die Richtung seines Geschicks Einfluss nehmen zu können, waren jetzt die völlige Hilflosigkeit, die Abhängigkeit, das Ausgeliefertsein und die Anonymität so offenkundig, dass ich mich mit allen andern, die noch Schnaps dabei hatten, sinnlos betrank.“

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Wer eine Zeltbahn besaß, hatte wenigstens ein Dach überm Kopf.  Andere gruben sich Löcher, die bei den starken Niederschlägen in jenem grimmigen Frühjahr mit Wasser vollliefen. Der Krieg war vorüber. Und doch starben noch Menschen, an Hunger und Krankheiten. „Habe auch gesehen, wie in einem kleinen Ein-Mann-Zelt ein Kamerad gestorben ist“, schreibt einer. „Das hat uns nicht aufgeregt. Ich war ja zwei Winter in Russland, da wird man innerlich sehr kalt und gefühllos.“ Ein Pfarrer Braun berichtet, dass ein SS-Mann seinem Leben selbst ein Ende gesetzt habe. Ein anderer erinnert sich an den Mangel am Notwendigsten: „Wunden wurden mit Klosettpapier verbunden.“

Keinen Status als Kriegsgefangene

Die Amerikaner behalfen sich auch in juristischer Hinsicht. Die Deutschen in Bad Aibling wurden nicht als Kriegsgefangene verbucht – damit hätten sie verbriefte Rechte gehabt –, sondern als „entwaffnete Feindkräfte“ mit minderem Status. Rache an den Deutschen für die Nazi-Greuel, deren Spuren die Amerikaner vor allem bei der Befreiung der Dachauer Außenlager am Lech entsetzt hatten? Das war’s wohl nicht. Die US-Kampfmaschine war mit dem Strandgut des Krieges schlicht überfordert.

„Die Verpflegung war anfangs ganz jämmerlich“, schreibt ein Zeitzeuge. „Niemand nahm das den Amerikanern übel. Wie sollten die darauf gefasst gewesen sein, auf einen Schlag so viele Gefangene ernähren zu müssen? Wo doch die deutschen Zahlmeister sich bis zuletzt so bemüht hatten, alle Verpflegungslager zu vernichten.“

Wertgegenstände abgenommen

Viele amerikanische Soldaten „filzten“ die Gefangenen und nahmen ihnen Wertgegenstände wie Uhren ab. Andere kauften sie – mit Zigaretten. Berichte systematischer Misshandlungen sind selten. Ein damals gerade mal 17 Jahre alter Mann übermittelte dem Historischen Verein folgenden Bericht: „Sie stießen uns hinein, traten uns vergnügt oder gelangweilt in den Hintern, schlugen uns mit Holzstöcken und riefen uns unfeine Wörter nach.“ Dann aber trat ein anderer US-Soldat auf den Plan. „Er warf seinen Kameraden einen strafenden Blick zu und meinte zu mir: ,Mach dir nicht viel daraus. Du kommst bald heim.‘“

Improvisieren im Krieg: Auf dem ehemaligen Fliegerhorst in Bad Aibling begannen die Amerikaner ab den ersten Mai-Tagen, Gefangene zu sammeln. Zu Beginn sogar noch ohne Zaun. National Archives/Historischer Verein

Flucht war selten, sogar in den ersten Tagen, als noch kein Zaun die Gefangenen hinderte und die Bewachung von ein paar Scheinwerfern und einigen an den Lagerecken aufgefahrenen Panzern abhing. Der Grund für die Zurückhaltung: Nur im Lager bekam man den Entlassungsschein für eine geregelte Rückkehr ins Zivilleben, inklusive Lebensmittelzuweisungen. Der Hunger im Lager aber trieb die Gefangenen an die Grenze.

Das Brot in der Luft zerissen

Ein Zeitzeuge beschreibt, wie die Gefangenen eine Anlieferung belauerten. „Als das letzte Brot vom Wagen herabgereicht wurde, brüllte die Menge wie eine wilde Bestie auf, Dutzende von Händen griffen gierig, besinnungslos von allen Seiten nach dem Brot. In Bruchteilen von Sekunden war das Brot zerfetzt, in der Luft zerrissen, Keiner hat auch nur eine Krume bekommen, stumm ging alles auseinander, keiner wagte den andern anzusehen.“ Die draußen halfen, so gut sie konnten. Immer wieder fand Brot, manchmal sogar Geräuchertes den Weg ins Lager. „Das sollten wir der Bevölkerung von Bad Aibling und Umgebung nicht vergessen“, schrieb Helmut Schuller aus Tutzing.

Nach einigen Wochen zog sich ein Zaun ums Lager, das nochmals unterteilt wurde, in 30 Cages, „Käfige“, mit jeweils 2000 Gefangenen. Bald gab es Zelte, die Ernährung besserte sich leicht, und doch blieb der Hunger ein Thema. Wie auch die Frage nach der Heimkehr. Für viele ließ die auf sich warten: Immer wieder wurden Gefangene aus dem Lager nach Frankreich transportiert, zum Wiederaufbau. Zwei, manchmal drei Jahre lang mussten manche Landser in der Fremde malochen. Als Wiedergutmachung für Hitlers Krieg. Für Andere wurde die Verlegung aus dem Lager Bad Aibling zur Reise ohne Wiederkehr. Einige Tausend „Wlassow-Soldaten“, die als Russen auf der Seite Deutschlands gekämpft hatten, wurden an die Sowjets ausgeliefert. Sie erwartete ein entsetzliches Schicksal.

„Einige Hunderte gestorben“

Einige Hundert Gefangene, so schätzt Hans Stratbücker, seien wohl in dem Lager gestorben. Kein Ruhmesblatt der amerikanischen Militärverwaltung. Ein Kriegsverbrechen? Wie man Greuel an Wehrlosen im großen Maßstab verübt, hatte Nazi-Deutschland zuvor vorgeführt. Sowjetische Gefangene, im NS-Jargon „bolschewistische Mordbestien“, wurden vernachlässigt, misshandelt, ermordet. Planmäßig, vorsätzlich. Von über fünf Millionen russischen Kriegsgefangenen kamen fast drei Millionen in deutscher Gefangenschaft um. „Ich war froh, bei den Amis rumzusitzen und nicht bei den Russen“, erinnert sich ein Zeitzeuge.

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Bis zu 60 000 Internierte konnte man im Lager zählen. Die Meisten bleiben nicht allzu lang. Einige Wochen waren es zum Beispiel bei einem gewissen Joseph Ratzinger. Im August 1946 wurden die letzten Gefangenen aus Bad Aibling entlassen, wenige Tage später das Lager abgebaut. Die Amerikaner rüsteten für den Kalten Krieg, hüllten bald Abhöreinrichtungen in duftige weiße Kugeln, die wie große Golfbälle auf der geduldigen Erde ruhten. Das alles ist Geschichte. Vorbei. Menschen wie Hans Stratbücker können noch davon erzählen. Aber sonst? Man sieht der Gegend die Not nicht mehr an.

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Hintergrund und Berichte über das Kriegsgefangenenlager finden sich in Gottfried Mayr, „Das Kriegsgefangenenlager Bad Aibling 1945 is 1946, PWE No. 26“, erschienen 2002 im Verlag des Historischen Vereins Bad Aibling.

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