12 TOTE, 89 VERLETZTE

5 Jahre nach dem Zugunglück in Bad Aibling: Yannik (22) kämpft bis heute mit den Folgen

Ein Trauma, dessen Wunden nur schwer verheilen: Am 9. Februar 2016 waren bei Bad Aibling zwei Züge frontal zusammengestoßen. Zwölf Menschen starben, 89 wurden teils schwer verletzt.
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Ein Trauma, dessen Wunden nur schwer verheilen: Am 9. Februar 2016 waren bei Bad Aibling zwei Züge frontal zusammengestoßen. Zwölf Menschen starben, 89 wurden teils schwer verletzt.
  • Dominik Göttler
    vonDominik Göttler
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Es war eines der schwersten Zugunglücke in der Geschichte Bayerns. Heute jährt sich der Zusammenstoß zweier Meridian-Züge mit zwölf Toten und 89 verletzten in Bad Aibling zum fünften Mal. Opfer und Retter ringen bis heute darum, zurück zur Normalität zu finden. Mit unterschiedlichem Erfolg.

Bad Aibling/München – Einfach mal spontan losziehen zu einer Bergtour. Früher war das Alltag für Yannik Elfers. Doch heute muss er absagen, wenn Freunde mit ihm den Gipfel erklimmen wollen. Es geht nicht. Auch nicht nach den zahlreichen Operationen, die der heute 22-Jährige hinter sich hat.

Es gibt mittlerweile Tage ohne Schmerzen in Yanniks Leben. Sie werden mehr. Aber abschließen konnte er noch immer nicht, mit dem, was er heute vor fünf Jahren erlebt hat. Die Narben sind geblieben. Nicht nur am Körper. Sondern auch im Kopf.

Kämpft noch heute mit den Folgen: Yannick (23).

Zwölf Tote, 89 Verletzte

9. Februar 2016. Faschingsdienstag. In Bad Aibling stoßen zwei Meridian-Züge frontal ineinander. Zwölf Menschen sterben, 89 Passagiere werden verletzt. Es ist eines der schwersten Zugunglücke in der Geschichte Bayerns. Das wird den Rettern schnell klar, als sie an die schwer zugängliche Unfallstelle zwischen Bad Aibling und Kolbermoor gelangen und dort ein Bild der Verwüstung vorfinden. Stahl auf Stahl, die Menschen dazwischen.

Zwischen Trümmern eingeklemmt

Azubi Yannik, der von Rosenheim aus auf dem Weg zur Arbeit war, saß ganz vorne in einem der Züge. Die Retter konnten ihn zunächst kaum finden, so tief war er zwischen den Trümmern eingeklemmt. Später erinnert er sich an den Geruch von heißem Stahl, an die Schreie um ihn herum, die er schließlich auch als seine eigenen erkennt.

Jasmin, eine junge Bundespolizistin, hielt ihn wach, redete ihm gut zu. „Heute wird nicht gestorben“, wiederholte sie immer wieder. 14 Hubschrauber flogen ohne Unterbrechung die Opfer in die Kliniken. Yannik wurde als letzter aus dem Wrack gerettet.

Anfangs fürchteten die Ärzte, sie müssten ihm beide Beine amputieren. Doch sie schaffen mehr als sie glauben und können Yanniks Beine retten. Er hat seitdem viele Therapien hinter sich gebracht. Er ist nach München gezogen, sucht beruflich neue Orientierung, fand neue Freunde. Aber mit Zügen hat er bis heute Probleme. Wenn Freunde mit ihm einen Ausflug machen wollen, besteht er darauf, mit dem Auto zu fahren.

Den Kopf im Training freibekommen

Die Gedanken an den Faschingsdienstag, sie kommen auch nach fünf Jahren noch immer wieder. Leichtes Fitnesstraining hilft Yannik, immer wieder den Kopf frei zu bekommen. Jede Minute, die er dabei länger durchhält, macht ihm Hoffnung. Fortschritt. Jeden Tag ein bisschen. Doch jetzt sind die Fitnessstudios zu, es bleiben nur die Spaziergänge an der Isar, um die plagende Erinnerung zu vertreiben.

Der Moment der Rettung: Yannick wird an Bord eines Rettungshubschraubers gebracht.

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In der gerichtlichen Aufarbeitung nach dem Unglück wird klar: Der 40-jährige Fahrdienstleiter hat gleich mehrere Fehler begangen, die zu dem Unglück führten. Abgelenkt vom Handyspiel „Dungeon Hunter 5“ verrutschte er im Plan um eine Zeile und ging davon aus, dass die Züge sich in Bad Aibling statt in Kolbermoor kreuzen sollen. Er stellte die falsche Fahrstraße, bestätigte diese zweimal durch ein Sondersignal. Und als er den Fehler bemerkte, setzte er auch noch einen falschen Notruf ab, der bei den Lokführern nicht ankam.

Im Dezember 2016 wurde er wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von dreieinhalb Jahren verurteilt. Nach zwei Dritteln der Haftstrafe kam er im Juli 2018 auf Bewährung frei.

Manche Opfer des Zugunglücks und deren Angehörige sind der Ansicht, dass die Deutsche Bahn als Streckenbetreiber wegen der teilweise veralteten Technik eine Mitschuld an dem Zugunglück trägt. „Ich hätte das gerne aufgeklärt“, sagt der Bad Aiblinger Rechtsanwalt Friedrich Schweikert, der mehr als 20 Opfer und deren Angehörige vertrat. Aber die Deutsche Bahn habe über ihren Versicherer HDI sämtliche Schadenersatzforderungen seiner Mandanten in der geforderten Höhe bedient.

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Die letzten Unterschriften seien im vergangenen Jahr erfolgt. Dadurch sei der Boden für eine zivilrechtliche Klage zur Feststellung einer Schuld der Bahn abgegraben worden. Schweikert gibt zu, dass manche seiner Mandanten die Schadenersatzzahlungen als Schweigegeld betrachten. Auch die geforderte Entschuldigung von der Deutschen Bahn habe es zwar gegeben. Allerdings nur über den Versicherer, im Namen der DB Netz AG.

Juristisch noch nicht abgeschlossen

Für Yannik Elfers und seine Familie ist der Fall juristisch noch nicht abgeschlossen. Sein Vater Michael Elfers berichtet, dass er bis heute mit dem Versicherer der Bahn um Zahlungen ringt. „Alle medizinischen Kosten hat die Berufsgenossenschaft übernommen, weil es ja ein Unfall auf dem Weg zur Arbeit war.“ Doch über weitere entstandene und laufende Kosten sowie Schmerzensgeld und Schadenersatz sei die HDI den Vorstellungen der Familie noch nicht nachgekommen. Es ist ein zermürbendes Ringen. Gutachten. Gegengutachten. „Aber wir geben nicht auf.“

In Bad Aibling werden heute um 6.47 Uhr, dem Zeitpunkt des Unglücks, die Glocken leuten. Am Vormittag ist an einem für die Opfer errichteten Mahnmal ein stilles Gedenken geplant. Auch hier setzt die Pandemie Grenzen. Yannik hingegen hat den Unglücksort in den vergangenen fünf Jahren gemieden. Er will sich heute zurückziehen. „Ich werde allein sein und mein Handy ausmachen“, sagt er. Während andere Gedenken, sucht er andere Gedanken.

Wünsche für die Zukunft

Yanniks großer Wunsch für die Zukunft: „Ich will mir leichter tun, körperlich und im Kopf.“ Er will die Welt erkunden, Städte sehen, Menschen kennenlernen. Er überlegt, ob er etwas gegen die Narben an seinen Beinen unternehmen soll. Die Blicke von Fremden, sobald er eine kurze Hose trägt, sind ihm unangenehm. Die Narben an den Beinen sind das eine. Hier, an der Oberfläche, kann der Arzt helfen. Mit den Narben im Kopf muss Yannik selbst fertig werden.

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