100 Jahre Bergwacht: Wie ein Höhleneinsatz für Retter aus der Region zum Riesending wurde

Sternstunde und Bewährungsprobe: 700 Retter aus sieben Ländern halfen bei der Rettungsaktion in der Riesendinghöhle zusammen. In der Höhle waren auch die 15 Mitglieder der Höhlenrettung der Breitschaft Rosenheim-Samerberg im Einsatz.
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Sternstunde und Bewährungsprobe: 700 Retter aus sieben Ländern halfen bei der Rettungsaktion in der Riesendinghöhle zusammen. In der Höhle waren auch die 15 Mitglieder der Höhlenrettung der Breitschaft Rosenheim-Samerberg im Einsatz.
  • Michael Weiser
    vonMichael Weiser
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Bergrettung, Umweltschutz und Katastrophenhilfe – das sind die Kernaufgaben der Bergwacht, die sich vor 100 Jahren in München gegründet hat. Und dennoch bleibt einem Retter aus Samerberg vor allem ein Einsatz in der Tiefe besonders im Gedächtnis.

Rosenheim – „Wow“. Das schoss Thomas Berquet durch den Kopf, als eines Sonntagnachmittags vor sechs Jahren der Piepser anschlug. Thomas Berquet las „Einsatz“, er las „Riesending-Höhle“, und er las „in 1000 Metern Tiefe“. Berquet, heute 31 Jahre alt, erinnert sich, wie er in der Bergrettungswache Samerberg reagiert. „Wir schauten uns an und fragten uns: „Hat der das wirklich gesagt?“

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Bergwacht an einer Höhle im Einsatz

Es war ein Einsatz, der in die Geschichte der bayerischen Bergwacht eingehen sollte. Die Rettung des Höhlenforscher Johann Westhauser aus der Riesendinghöhle bei Bischofswiesen in den Berchtesgadener Alpen war nach allen Maßstäben spektakulär. Elf Tage und zehn Stunden arbeiteten Hundert von Rettern aus sieben Nationen zusammen, um den Forscher aus rund 950 Metern Tiefe in der längsten und tiefsten Höhle zu retten. Und die Rosenheim-Samerberger Bergwachtbereitschaft war dabei. Mit Thomas Berquet und der insgesamt 15 Mann starken Höhlenrettungsgruppe, und mit Bergnotarzt Johannes Schiffer. Sein Job: herausfinden, was dem Höhlenforscher fehlte.

Ein Blick in die Vergangenheit der Bergwacht.

Weltweite Schlagzeilen

Der erfolgreiche Einsatz schrieb weltweit Schlagzeilen. Höhlenrettung – auf den ersten Blick sieht das aus wie das Gegenteil von Höhenrettung. Also nach Talwacht und nicht nach Bergwacht. Bei genauerem Hinsehen aber ist das Riesen-Ding mit der Riesending-Höhle bezeichnend für die  Bergwacht, für ihre Vielseitigkeit ebenso wie für die Kombination aus Material, Mut, Engagement und vor allem unterschiedlichsten Fertigkeiten. Die Bergwachtler sind weit mehr als Gipfestürmer. Sie sind Allround-Retter. Und das seit 100 Jahren.

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Bergwacht im Hofbräuhaus gegründet

Gegründet wurde die Bergwacht in schwieriger Zeit in München. Am 14. Juni 1920 trafen sich Alpenvereinsmitglieder und Wanderfreunde im Münchner Hofbräuhaus. Zweck der Zusammenkunft: die Gründung einer „Natur- und Sittenwacht“. Ein Jahr zuvor hatten Freikorps in München die kommunistische Räterepublik niedergeschlagen. Das einst rote München wurde in den folgenden Jahren zur „Ordnungszelle“ und zu einer Hochburg der völkisch-nationalen Gesinnung.

Die Bergwacht gründete sich aus Freiwilligen.

Gesetz und Ordnung in den Bergen

Dass Bürger dem Staat nicht trauen und sich selbst organisierten, nicht selten mit der Waffe in der Hand, lag im Zug der Zeit. Der neue Selbsthilfetrupp, der später „Bergwacht“ heißen sollte, war von der Ausrichtung her ungewöhnlich: politische Enthaltsamkeit, verbunden mit dem Willen, Gesetz und Ordnung in den Bergen Geltung zu verschaffen. Pflanzenräuber, Müll- und Umweltsünder, allzu freizügige Anhänger der Freikörperkultur, Störer der Hüttenruhe oder aggressive Gipfelstürmer: Sie alle knöpften sich die alpinen Sitttenwächter vor.

Alpine Rettung bald im Vordergrund

1925 wurde die Bereitschaft Rosenheim-Samerberg als erste Gruppe in der Region gegründet. Da war Retten bereits in den Vordergrund getreten. Und das in unterschiedlichsten Bereichen. Florian Lotter, der dem Bergwachtbezirk Hochland vorsteht, erinnert sich zum Beispiel an den Einsatz auf dem Schwarzenberg bei Kiefersfelden: Flammen in zehn Hektar Bergwald, der Katastrophenfall in steilem, unwegsamen Gelände. Da mussten die Spezialisten für Fels und Stein heran, um die Feuerwehren zu unterstützen, „Das waren extreme Umstände“, sagt Lotter. „Ein Absturzgelände, schwer zugänglich. Mit hitzebeständigen Seilen haben wir die Leute von der Feuerwehr unterstützt, selber mit kleinen Trupps geholfen, Glutnester zu bekämpfen. Unsere Aufgabe in solchen Fällen ist Absicherung und Unterstützung.“

Unterschiedliche Kernaufgaben

Berg- und Höhlenrettung, Umweltschutz und Katastrophenhilfe – das sind die Kernaufgaben der Bergwacht. Im Alltag heißt das Helfen in unterschiedlichsten Situationen. Der von einer Lawine verschüttete Skitourengeher, der Mountainbiker, der gegen einen Baum geprallt ist, der beim Canyoning verunglückte Freizeitsportler, der Bergwanderer mit Sonnenstich – sie alle vertrauen darauf, dass die Bergretter auftauchen.

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Nicht selten entbrennt danach die Diskussion darüber, für wen die Einsatzkräfte da oft genug ihr Leben riskieren: Für Selbstverwirklicher, Leichtsinnige, Hobbysportler? „Es kann immer was passieren“, sagt Thomas Berquet. „Ob durch Pech, durch Fremdverschulden oder Selbstüberschätzung – das beurteile ich nicht. Da ist ein Mensch, der Hilfe benötigt, und dem helfe ich.“

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