Nicht gemacht für alte Menschen

Irrfahrt und Terminhatz in Rosenheim: Impf-Odysee einer Tochter mit ihren betagten Eltern

Schwierig hinzukommen, nicht einfach reinzukommen: Für ältere Menschen türmen sich vorm Impfzentrum manchmal hohe Hürden auf.
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Schwierig hinzukommen, nicht einfach reinzukommen: Für ältere Menschen türmen sich vorm Impfzentrum manchmal hohe Hürden auf.
  • Michael Weiser
    vonMichael Weiser
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Wenn man von der Impf-Odyssee Marija Corics und ihrer Eltern zur Gänze hören möchte, sollte man ein bisschen Zeit und viel Konzentrationsvermögen mitbringen. Denn es geht um viele Ecken, sie ist kompliziert, die Geschichte. Eben so, wie viele Angelegenheiten derzeit sind.

Rosenheim – Die Angelegenheit kostete viel Zeit und ist noch immer nicht abgeschlossen, es spielen mit: Eltern, Ehrenamtliche, die manchmal überfordert sind und widersprüchliche Antworten geben, Ärzte und einige mehr. Man hört in Marija Corics Geschichte von Warteschleifenmusik, die älteren Menschen mit Hörgeräten die Ohren klingeln lässt, und von Termin-Programmen, die mit einem machen, was sie wollen.

Für Ältere hochkompliziert

Man kann die Geschichte auch so zusammenfassen: Es war nicht einfach, sich gegen Corona impfen zu lassen. Und es bleibt bis auf Weiteres nicht einfach. Für Jüngere, weil sie nicht so schnell drankommen. Vor allem aber für Ältere, weil alles so kompliziert ist.

Aber der Reihe nach. Die Eltern von Marija Coric gehören zu den Senioren mit höchster Priorität. Der Vater ist 86, die Mutter 84 Jahre alt, sie wohnen auf dem Land, in Rohrdorf, ein Problem, da der Vater seit einer OP nicht mehr gerne fährt und die Mutter keinen Führerschein hat. Sie sind also auf die Öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen, die sie aber nicht nutzen möchten, so lange sie nicht geimpft sind.

Ärztlicher Bericht anzufordern

Es habe eine Zeit gedauert, den beiden einen Termin geben zu lassen, sagt die Tochter. Auch weil der mitzubringende ärztliche Bericht extra angefordert werden muss und nicht per E-Mail verschickt werden darf. Immerhin, die Termine kamen dann, die drei fuhren hin, zum Impfzentrum. Was Marija Coric erlebte, ließ sie zweifeln.

Am bürokratischen Überbau, aber auch an der Ausführung. Eine Lärmkulisse und Stimmengewirr in einer Halle mit schlechter Akustik, alles zusammen eine einzige Überforderung für Senioren. „Manchmal hat man das Gefühl, das hat sich jemand ausgedacht, der mit Älteren noch nicht zu tun gehabt hat.

Neuer Termin zu verinbaren

Der zum Beispiel nicht weiß, dass die oft mit ,ja‘ antworten, weil sie sich schämen, schwerhörig zu sein, und nicht zugeben wollen, dass sie die Frage nicht verstanden haben“, sagt Coric. Immerhin, die Drei konnten so weit alles abklären, irgendwann auch dies, dass die Mutter zunächst gar nicht geimpft werden kann, weil sie gerade Antibiotika nimmt. Der Arzt verwies Marija Coric an die Ecke der Halle, „wo während der Wiesn der Hendlstand ist“, zur Vereinbarung eines neuen Termins für ihre Mutter. Dort saßen drei Mitarbeiter eines Rettungsdienstes und starrten in Monitore, erzählt sie. Und sagten ihr, dass sie nicht helfen könnten. Sie solle sich an die Hotline wenden.

Wieder zuhause, machte sich Coric daran, über die Hotline einen neuen Termin zu vereinbaren, was lange dauerte, sehr lange. Weil an der Hotline tagelang niemand abnahm. Und als jemand abnahm, auch nur mit der Botschaft, dass ein neuer, zweiter Termin für die erste Impfung über E-Mail beantragt werden müsse, was man ihr doch schon im Impfzentrum hätte sagen können.

Hotline an 15 Apparaten besetzt

Den Termin hat sie immer noch nicht, es sei kein Impfstoff da, habe man ihr gesagt. Die Impfhotline, an 15 Apparaten besetzt, habe bereits mehrere tausend Bürger auf der Online-Plattform registriert, die keinen Computer oder Smartphone haben, heißt es dazu seitens der Stadt. „Für diese freundliche Unterstützung gibt es immer wieder Lob.“ Allerdings hängen laut Stadt Termine von der Verfügbarkeit von Impfstoff ab.

Termine nicht zusammenlegbar

Ihr Vater wird nächste Woche mit der zweiten Impfung drankommen, die Mutter irgendwann mit ihrer Erstimpfung, hofft Marija Corics. Viermal wird sie ihre Eltern letztlich begleitet haben. Auch etwas, was sie nicht versteht: Dass man bei der Online-Terminvereinbarung die Termine nicht zusammenlegen könne. So müsse sie sich unnötig oft frei nehmen.

„Ich mache den Leuten hier keinen Vorwurf“, sagt sie, „die machen das, so gut sie können.“

Kritik an Politik

Aber irgendjemand habe sich da was einfallen lassen, was nicht funktioniert. „Und was ist mit den Politikern, die sich im Fernsehen hinstellen und erzählen, wie gut alles funktioniert?“, fragt sie, „genau das Gegenteil von dem also, was ich erlebt habe?“ Warum überhaupt dieses umständliche und komplizierte und damit fehleranfällige Impfsystem, wo man das Impfen doch an die Hausärzte übertragen könnte? Die Mediziner, die ihre Patienten kennen, ihr Vertrauen genießen, über kurze Wege erreichbar sind?

Der Meinung ist auch Thomas Bugl, Sprecher der Stadt Rosenheim, die das Impfzentrum auf der Loretowiese zusammen mit dem Landkreis betreibt. „Ich bin seit Langem dafür, das System der Planwirtschaft abzuschaffen, das Impfen den Hausärzten zu überlassen und im Impfzentrum lediglich den Impfstoff von Biontech-Pfizer zu verabreichen.“

Hausärzte stehen in den Startlöchern

„Wir wären sofort dabei“, sagt etwa Dr. Florian Bonke, Allgemeinarzt mit Corona-Schwerpunktpraxis in Flintsbach. „Das Impfzentrum macht an sich gute Arbeit, aber viele Menschen haben Angst davor und fürchten die Probleme mit der Registrierung.“ Wann aber bekommen die Hausärzte den Termin für den Start?

„Ich habe vom 1. April gehört“, sagt Bonke. Andere Hausärzte rechnen nicht vor Ende April damit. Was bleibt: viele Fragezeichen, bis wann die Staatsregierung den Praxen „grünes Licht“ erteilt.

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