Landwirt schimpft: „Gehirnamputierte Vollpfosten!“

Kühe erschrecken „Challenge“: Bauern warnen vor Lebensgefahr – Tiktok geht gegen Trend vor

  • Heidi Geyer
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Ein Mädchen steht auf einer Wiese. Hebt den einen Arm, dann den anderen. Und stürmt plötzlich auf eine Herde Kühe zu, die panisch wegrennt: Kühe erschrecken, die Kulikitaka-Challenge, ist ein Internet-Trend auf der Videoplattform Tiktok. Und für die Landwirte der Region ein fortgesetzter Trend zur Rücksichtslosigkeit gegen Tiere. Tiktok hat nun reagiert.

  • Kühe erschrecken ("Kulikitaka-Challenge") ist ein neuer Internet-Trend
  • Landwirte in der Region sehen zunehmend respektlosen Umgang mit Tieren
  • Lebensgefahr: Erschreckte Kühe können aggressiv werden und angreifen

Rosenheim – Einer der ersten Landwirte, die auf die Gefahren dieses Trends aufmerksam gemacht haben, war der oberösterreicher Georg Doppler. Er hat zwar dort, wo sich die Videos der Kulikitaka-Challenge am meisten verbreiten: auf der Videoplattform Tiktok. Doppler schimpft in seinem eigenen Video über die „gehirnamputierten Vollpfosten", die sich einen Scherz daraus machen, Kühe zu erschrecken.

Doppler lässt sich über den Netztrend „Kühe erschrecken“ aus. „Da gibt‘s richtig Klicks, das ist echt geil“, bemerkt er ironisch über die Videos, die massenweise im Internet umherschwirren. Dann sagt Doppler, was er wirklich von dem fragwürdigen Trend hält: „Jetzt mal ehrlich: Haben sie euch allen ins Gehirn geschissen? Das sind Viehcher, die verteidigen ihre Kälber.“ Er warnt eindringtlich vor den Gefahren für Mensch und Tier, die von einer panischen Kuh ausgeht.

Auch der Landwirt Wolfgang Bauer kann ein Lied davon singen, dass Menschen seine Tiere reizen. Seine Alm liegt südlich des Farrenpoints bei Bad Feilnbach. Ein beliebtes Ausflugsziel in der Region, in den letzten Jahren besonders auch für E-Biker. Leider häufen sich nicht nur die Besucher, sondern auch gefährliche Zwischenfälle mit seinen Rindern in den letzten Jahren.

Sensibles Jungvieh auf dem Almen

„Viele Mountainbiker fahren mitten zwischen den Rindern durch“, sagt Bauer. Auf dem Almen sei nur das Jungvieh, das besonders schreckhaft sei. „Wenn die Tiere erschrecken können sie stolpern und sich verletzen.“

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Das Phänomen Kühe zu erschrecken ist seines Wissens auf seiner Alm noch nicht aufgetreten. Worum es dabei geht? „Kulikitaka“ ist ursprünglich ein Poplied von Tono Rosario, zu dem ein spezieller Tanz aufgeführt wird, ähnlich wie beim bekannten Song „Macarena“ aus dem Jahr 1996. Bei der sogenannten Kulikitaka-Challenge geht es darum, mit den Bewegungen des Tanzes Kühe zu erschrecken. Den Teilnehmern geht es vor allem um die entsprechende Dokumentation in den sozialen Medien, etwa in der App Tiktok oder auf Instagram.

Gefahr für Tier und Mensch

Wolfgang Bauer ist auch Vertreter der Almlandwirte in der Region Bad Aibling. Den Kollegen, die er vertritt, geht es ähnlich. Von Selfies mit Kühen bis zu freilaufenden Hunden – Gründe warum Kühe entweder flüchten oder aggressiv reagieren, gibt es viele. Nicht ohne Folgen: Kürzlich habe sich eine Kuh in einem Weiderost verletzt, weil sie vor Radlern geflüchtet sei. Ein Tier brach sich sogar das Bein und musste deshalb geschlachtet werden.

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Doch nicht nur Kühe können in Gefahr geraten, auch Menschen. „Wenn ich bei den Tieren bin, nehme ich auch einen Stock für den Notfall mit“, sagt Bauer. Erst vor kurzer Zeit wurde eine Almbäuerin in Oberaudorf von einer Kuh überrannt und musste mit dem Hubschrauber gerettet werden. Immer wieder machen Berichte über Angriffe die Runde. Im Jahr 2017 tötete sogar eine Kuh eine Wanderin auf dem Kranzhorn.

Szene aus einem Youtube-Video: Eine Frau baut sich vor einer angespannten Kuhherde auf und fängt dann an, wild zu tanzen. Die sogenannten Kulikitaka-Challenge.

Wie kommt es dazu, dass die Tiere überhaupt erst so reagieren? Tierärztin Christina Hauck aus Frasdorf erklärt, dass Kühe zwar keine Fluchttiere, aber Herdentiere seien. „Ihr normaler Instinkt ist es, dass sie sich bei Gefahr zurückziehen“, sagt Hauck. Schließlich wollen sie ihre Jungtiere schützen. Problematisch dabei: Die Tiere veränderten ihr Verhalten langfristig, je öfters sie bedrohlichen Situationen ausgesetzt seien. Ein Lernprozess, der zwar logisch, aber nicht unproblematisch sei: „Vom Grundsatz her sind Kühe friedliche und gutmütige Tiere. Aber sie können auch in eher harmlosen Situationen zunehmend aggressiv reagieren, wenn sie sich bedroht fühlen.“ Christian Hauck hat kein Verständnis dafür, Kühe zu erschrecken: „Vom Tierschutz her ist das eine Katastrophe.“

Kühe werden unterschätzt

Auch Josef Steingraber, Landwirt und Geschäftsführer des Bayerischen Bauernverbands in Rosenheim, zeigt sich irritiert über Kühe erschrecken: „Was daran witzig sein soll, verstehe ich nicht“. Er selbst züchtet Bullen, knapp hundert stehen in seinem Stall. Kühe kennen zwar ihren Besitzer, dennoch könnten sie auch mal unberechenbar reagieren.

Steingraber hat selbst schon unschöne Erfahrungen gemacht: Er ist von einem Stier umgerannt worden. „Wenn man das überlebt, macht man keine Späße mehr“, sagt Steingraber. Er warnt davor, Rinder zu unterschätzen oder gar zu reizen. Fälle von Kühe erschrecken in der Region seien ihm zwar nicht bekannt, aber dass viele Menschen sehr blauäugig mit den Tieren umgehen, kennt auch Steingraber. Über das Social Media Phänomen kann er nur den Kopf schütteln: „Da gibt‘s doch andere Sachen, mit denen man sich amüsieren kann.“

Geht Tiktok jetzt gegen die Kulikitaka-Videos vor?

Offenbar geht die Online-Videoplattform Tiktok jetzt gegen die Kulikitaka-Challenge-Videos vor. Wie die Landwirtschaftskammer Niedersachsen über Twitter mitteilt, würden die Videos nun gelöscht. Verschiedenen Medienberichten zufolge hat eine Sprecherin von Tiktok mitgeteilt: „Wie unsere Community Richtlinien deutlich machen, dulden wir keine Inhalte, die unnötig schockierend und grausam sind, sowohl gegenüber Menschen als auch Tieren“, sagte eine Unternehmenssprecherin.“

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