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Aufregende Rauhnachts-Geschichte aus den Bergen

Die Wimmer-Bäuerin und das unheimliche Geräusch

Es wird winterlich - in der kommenden Woche kann es vielerorts in Deutschland frostig kalt werden, auch Schnee wird erwartet.
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In der Thomasnacht erlebt die Wimmer-Bäuerin Unheimliches.
  • VonLudwig Schick
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Es war die Thomasnacht, die erste dieser unsäglich langen Raunächte, die ihre klamme Finsternis, ohne zu fragen, unaufhaltsam in den Tag hineinschieben. Von Mittag an hatte es kräftig geschneit, und die Wimmer-Bäuerin, die Leni, schlupfte noch schnell, bevor es ganz finster wurde, in die alten Stiefel, um den Küchenabfall trockenen Fußes über den Hof zum Komposthaufen zu tragen.

Gut zwanzig Zentimeter mögen es ihrer Schätzung nach gewesen sein. Geht ja noch, denkt sich die Leni und stiefelt mit dem leeren Küberl wieder der Haustüre zu. Wie Nadelstiche prasseln dabei die feinen Kristalle auf ihre rosa Wangen, dass man meinen könnt‘, sie möchten einem glatt die Haut aufschlitzen. „Sauweda, greislichs“, seufzt sie und schiebt die Tür hinter sich zu. Der Wind war gegen Abend hin zunehmend aufsässiger, ja richtig grantig geworden.

Die Leni tröstet sich. Morgen Nachmittag kommt ja der Loisl wieder heim und der räumt allzu gern den Schnee mit dem Bulldog weg. Seit er die Stelle beim Landmaschinen-Händler angenommen hat, kommt er halt manchmal ein, zwei Nächte nicht nach Hause. Das kommt aber nur dann vor, wenn er seine Kunden in Franken droben besuchen muss. Wenn’s dabei bleibt, ist’s schon zum Aushalten, sinniert die Leni und stellt das Haferl mit dem Glühwein auf die Herdplatte. „Den hob i mir heid wirklich verdient“, murmelt sie, schnappt sich die noch ungelesene Tageszeitung und lässt sich erleichtert aufs Kanapee fallen.

Und plötzlich ein klapperndes Geräusch

Seit der Flori und die Regina in München drin studieren und nur am Wochenende heim kommen, ist es für sie unter der Woche viel ruhiger geworden. „Wia weihnachtlich des glei riacht“, grübelt sie vor sich hin, während ihr das Gemisch aus Zimt und Nelken in die Nase steigt. Schon sieht sie sich im Gedanken als kleines Madl neben der Oma sitzen. Mei, die Oma! Wie begeisternd konnte sie vor dem Schlafengehen Geschichten erzählen. Und was für welche! Am liebsten waren ihr Schauergeschichten von der Frau Berscht. Da lief die alte Frau zur Hochform auf.

„Lasst’s eich sagn, Dirndln“, drohte sie mit erhobenem Zeigefinger, „de hat so lange Arm, dass sie in jed‘s Kinderbett g‘langen kann, sogar am ersten Stock droben“, raunte sie mit seltsam geheimnisvoller Stimme. „Da kimmt koans aus!“ Dabei fuchtelte sie mit den Händen umeinander, dass der Leni und ihrer Schwester ganz Angst und Bang wurde. Immer näher schmiegten sie sich dann an die Oma, auch wenn die mit weit aufgerissenen Augen den Eindruck erweckte, als sei sie höchstpersönlich beim leibhaftigen Ganggerl in die Lehr gegangen.

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„Oma, jetzt is‘ aber wirklich Schluss, de Dirndl kinnan wieda de ganze Nacht ned schlaffa wega deim Schmarrn“, machte die Mama dem großmütterlichen Spuk jäh ein Ende. Dabei stampfte sie mit einem Fuß energisch auf den Holzboden, dass die Glasl in der Vitrine nur so vibrierten. Bestimmt hatte sie, wie schon so oft, eine Zeitlang heimlich hinter der Stub‘ntür gelauscht und Omas Frau-Berscht-Episode scheinbar für pädagogisch nicht besonders wertvoll gehalten.

So im Gedanken versunken musste die Leni wohl ein wenig eingenickt sein, als sie plötzlich von einem klappernden Geräusch geweckt wurde. Es kam von draußen. Was konnte das sein? Zögernd näherte sie sich der Haustüre, lauschte angestrengt in die windumtoste Finsternis, bevor sie die Türe öffnete. Der Sturm riss ihr fast die Klinke aus der Hand, und die Hoflaterne schaukelte quietschend im Wind, als hätte diese statt der Leni das ganze Haferl Glühwein getrunken. Das Geräusch kam von oben. Eindeutig.

Mutterseelenallein im Haus

Ja freilich, schnaufte die Leni erleichtert auf, der eine Fensterladen droben am Dachboden…! Wie oft hab ich dem Alois schon gesagt, er soll ein neues Reiberl hinmachen. Ewig das Geklappere. Na, de Manna! Das wird die erste Arbeit sein, wenn er heimkommt morgen. Noch vor dem Schneeräumen. Garantiert, schimpft sie vor sich hin.

Wieder in der Stub‘n, schenkt sie sich eine zweite Tasse Glühwein ein und macht sich erneut über die Zeitung her. Kaum war der Grant über ihre bessere Hälfte verraucht, da…! Was is‘ jetzt des scheppern scho wieder? Hat sie nicht eben ein seltsames Klimpern gehört? Ddrrrt, ddrrrt, ddrrt, ddrrt? Schnell dreht sie das Radio leiser. Tatsächlich, jetzt sogar noch deutlicher: Ddrrt,ddrrt! Ja, Herrschaftzeiten, is denn heid gar koa Ruah, mosert sie verärgert auf den Hausgang hinaus, um erneut zu horchen.

Diesmal aber kommt das Geräusch nicht von oben. Kein Zweifel: aus dem Parterre. Und dieses Mal ganz aus der Nähe. Es scheint, als komme es aus dem Bad! Die Badtür ist nur leicht angelehnt. Die Leni gibt ihr einen galanten Schubser mit der Hausschuhspitze und knipst schnell das Licht an. Fenster und Jalousien sind zu, gottseidank. Aber das Klimpern lässt nicht nach. Ddrrrt, ddrrrt. Wer oder was kann das nur sein, fragt sich die Leni und merkt langsam, wie ihr das Herz in die Hos‘n rutscht. Schon lange hat sie sich nicht mehr so nach ihrem Loisl gesehnt wie in diesem Moment. Schließlich ist sie mutterseelenallein zu Haus. Draußen der lästige Sturm und herinnen das damische „Ddrrrt, drrrt“, das ums Verrecken nicht aufhört. Im Gegenteil, immer lauter, eindringlicher wird es.

Mit der gezogenen Pistole zum Badfenster

Hat sie nicht letzte Woche diesen ungelösten Fall in Aktenzeichen XY gesehen, wo droben in Norddeutschland eine 23-jährige Studentin vergewaltigt und grausam ermordet wurde? Der Täter sei in Südbayern auf der Flucht, hieß es, ist auch schon gesehen worden, aber der Polizei wieder entwischt.

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Der wird doch nicht da draußen…? Während ein beklemmendes Gefühl in ihr aufsteigt, erinnert sie sich an die alte Wehrmachtspistole vom Großvater, die in der bemalten Wäschekommode unter dem rupfenen Stoffballen liegt. „Man woaß ja nia“, hatte der Loisl damals gemurmelt, als er die Waffe versteckte. „A paar Schuss Munition lieg‘n a daneben, für‘n Ernstfall,“ hatte er der Leni eingeschärft. Der Leni läuft es kalt den Buckel hinunter. Ist er das jetzt, der Ernstfall?

Trotzdem nimmt sie allen Mut zusammen, geht mit vorgehaltener Pistole bedächtig zum Badfenster. Mit der anderen Hand zieht sie den Rollladen ein wenig hoch. In dem Moment huscht etwas Schwarzes, Schemenhaftes am Fenster vorbei. Genau hat sie es auf die Schnelle nicht ausmachen können. Aber der Größe nach muss es ein ausgewachsenes Mannsbild sein. Mariand und Josef! Der Schreck fährt ihr in alle Glieder. Blitzartig lässt sie den Rollladen wieder runtersausen. „Freili, der wird jetzt auskundschaften und spanna, dass i alloa dahoam bin“, schießt es der Leni siedend heiß in den Kopf, und dabei überlegt sie fieberhaft, ob sie nicht doch die Polizei alarmieren soll. Oder zuerst an Nachbarn, den Huber-Bauern um Hilfe bitten.

Und dann wird klar, woher das unheimliche „Ddrrrt, ddrrrt“ kommt

Aber bis sich der müade Gloifi ins Auto schwingt und den Kilometer rüberfahrt zu ihr, derweil hat mich der Bazi am End schon…? Sie darf gar nicht dran denken und bricht den Gedanken ab, denn in ihrer Verzweiflung hört sie plötzlich eine innere Stimme sagen: ,Ja Leni, bist jetzt die resolute Wimmerbäuerin, wia d’Leid allerweil sagen, oder ned? Dann zoag dem Burschn, wo der Barthl an Most herhoid. Hast ja a Pistoln in da Hand! Und glad‘n is sie auch!“

Die Leni, die sich noch nie gern provozieren hat lassen, reißt nun, zu allem entschlossen, den Rollladen mit einem kräftigen Ruck nach oben. Im selben Moment hätte sie sich selber ohrfeigen können. Na, bin i blöd, entfährt ihr ein lauter Schrei, angesichts dessen, was sie zu sehen bekommt. Denn am Wäschehaken, am Anbau gleich unterm Vordach, hängt noch immer der schwarze Lodenmantel vom Loisl, den sie am Sonntagmittag, nachdem er vom Frühschoppen heimgekommen ist, rausgehängt hat. Der hat‘s Lüften wieder einmal nötig gehabt vom vielen Küchendampf und der rauchigen Wirtsstub‘n beim Oberwirt. Vor lauter Weihnachtsvorbereitungen und Guatlbacha hat sie vergessen, ihn reinzuholen.

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Und schon wird ihr auch klar, wer für das unheimliche Ddrrrt, ddrrrt verantwortlich war: die silbernen Mantelknöpfe, die bei jedem Windstoß an den Rollladen klappern!

„Jetzt geh eina du Häuslschleicha, hast ma so an Schrecken eing‘jagt,“ meint sie herzensfroh, beugt sich hinaus, nimmt erleichtert das Corpus Delicti vom Haken und ermahnt das Kleidungsstück, als würde es verstehen können: „Des tuast ma fei nimmer, du Sakra!“

Ja, was soll ich sagen: nach dem überstandenen Schrecken verstaute die Leni die Pistole wieder in das Versteck zurück, leerte zügig das Haferl mit dem restlichen Glühwein bis zum letzten Tropfen und schlief selig und ungestört auf dem Kanapee ein. Denn Geräusche hörte sie an diesem Abend sowieso nicht mehr, und wären sie auch noch so laut gewesen.

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