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Betroffene schildern problematische Lage

„Sehr schwierige Situation“: Im Rosenheimer Land fehlen Tierärzte für Großtiere

Josef Andres in seinem Laufstall: Die meisten Tiere kennt der neue Kreisvorsitzende des Bauernverbands mit Namen. Der Zacherlhof hat 70 Kühe und eine eigene Nachzucht. Andres und Sohn bewirtschaften 60 Hektar Grünland und Acker.
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Josef Andres in seinem Laufstall. Als Landwirt und Rosenheimer Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbands weiß er um die schwierige Lage der Großtierärzte.
  • Paula L. Trautmann
    VonPaula L. Trautmann
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Nicht nur Menschen, auch Rinder sind manchmal krank. Doch es gibt immer weniger Tierärzte, die sich um Großtiere kümmern können. Wieso sich das dringend ändern muss und wie der Wandel klappen könnte.

Schechen - „Es bahnt sich seit zehn Jahren an, dass man immer weniger Assistenten für die Großtierpraxis rekrutieren kann“, sagt Carsten Brock. Der Tierarzt und seine Kolleginnen behandeln in Schechen Groß- und Kleintiere. Vor 20 Jahren seien angehende Tierärzte froh gewesen, wenn sie einen Job gefunden haben. „Mittlerweile buhlen die Praxen händeringend um die Assistenten.“ Teilweise fänden sie über Monate oder Jahre kein Personal.

Größere Gebiete und Praxen

Das weiß auch Josef Andres, Rosenheimer Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbands. „In den letzten Jahren hat eine Konzentration stattgefunden“, sagt er. Viele Großtierärzte, die alleine oder zu zweit gearbeitet haben, hätten aufgehört. Nun gebe es meist größere Praxen in denen vier oder fünf Ärzte angestellt seien. „Die Gebiete werden größer und die Praxen werden größer.“ Die romantische Vorstellung von einem Landtierarzt, der alleine arbeitet, entspreche nicht mehr der Realität.

Lange Anfahrtswege als Problem

Das ist ein Problem für die Landwirte. „Die Sicherheit ist nicht mehr gewährleistet. Wenn ich eine Geburt oder einen akuten Fall habe, brauche ich schnell Hilfe“, sagt Andres. Wenn die Ärzte aus Praxen kommen, die ein großes Gebiet bedienen, hätten sie viele Kunden und lange Anfahrtswege. Erst vergangene Woche habe Andres eineinhalb Stunden auf einen Großtierarzt gewartet. Schließlich bräuchten auch andere Landwirte Hilfe, da komme es zu Wartezeiten. „Es ist eine sehr schwierige Situation“, sagt Andres. Eine Geburt könne 15 Minuten dauern, aber auch zwei Stunden. Wenn ein Kaiserschnitt bei der Kuh nötig ist, dauere es sogar mehr als drei Stunden. Und dafür brauche es einen Arzt.

Nach Angaben des Rosenheimer Landwirtschaftsamts gibt es in der Region rund 3000 landwirtschaftliche Betriebe. In Stadt und Landkreis Rosenheim gibt es laut der Bayerischen Landestierärztekammer jedoch nur 29 Tierärzte, die Großtiere behandeln. In Bayern gibt es derzeit 255 Großtierärzte. Tierärzte in Gemischtpraxen, die Groß- und Kleintiere behandeln, gibt es 505. Laut der Kammer ist ein „deutlicher Abwärtstrend“ zu erkennen.

Laut der Bayerischen Landestierarztkammer ist ein „deutlicher Abwärtstrend“ bei Großtierärzten zu erkennen.

Viele junge Menschen, die Tiermedizin studieren, wollen sich Andres zufolge lieber um Kleintiere wie Katzen und Hunde kümmern. Kleintierärzte könnten mehr Tiere an einem Tag behandeln, zudem sei der Ablauf geregelter. „Die Arbeit ist einfacher, als in einem Stall eine Rektaluntersuchung bei einer Kuh zu machen“, sagt Andres. Für die Arbeit als Großtierarzt brauche es Technik und Kraft, etwa wenn ein Kalb im Mutterleib gedreht werden muss. „Bei einer Geburt steckt man bis zur Schulter in der Kuh“, sagt Andres. Meist studieren Frauen Tiermedizin. „Sie haben körperbedingt einen Nachteil“, sagt der Landwirt. Dennoch gebe es viele gute Großtierärztinnen mit einer „hervorragenden Technik“. Das bestätigt Brock. Er ist der einzige Mann in einer 20-köpfigen Praxis. Der Beruf werde von Frauen dominiert.

Zulassung für Studium ändern

Damit der Job als Großtierarztes wieder attraktiver wird, schlägt Andres eine ähnliche Regelung wie in der Humanmedizin vor. Wer einen schlechten Abiturschnitt kann, kann dennoch Medizin studieren, wenn er sich als Landarzt verpflichtet. Übertragen auf die Tierwelt: Den Notenschnitt für die Zulassung zum Studiengang Tiermedizin senken, wenn sich die Studierenden als Großtierärzte verpflichten.

„Die Idee ist mit Sicherheit gut“, sagt Tierarzt Brock. Dennoch müsse die Zahl der Studienplätze erhöht werden, eine erleichterte Zulassung alleine werde das Problem nicht lösen. „Ansonsten laufen wir über Jahre hinweg Gefahr, zu wenig Tierärzte zu haben.“ Er müsse sich sehr bemühen, damit er überhaupt Angestellte findet. Eine „Ausländerquote“, für die Ärzte aus dem Ausland nach Deutschland geholt werden, funktioniere nicht. Das gehe im Krankenhaus, aber nicht auf dem Land. Dort müssten sich die Ärzte mit einem Bauern, der bairisch spricht, unterhalten können.

Neben dem Fachkräftemangel, steht die Branche vor einem weiteren Problem. Seit Ende November gilt die neue Gebührenverordnung für Tierärzte (GOT). Das Bundesgesetz wurde das erste Mal seit 1999 aktualisiert. Die Behandlung von Großtieren wie Rindern kosten Brock zufolge teilweise doppelt so viel. „Das trifft die Landwirte natürlich wahnsinnig.“ Laut dem Tierarzt müsse sich zeigen, ob sich die GOT so umsetzen lässt. Obwohl die Veterinäre an das Gesetz gebunden sind, könnten sie es auslegen. „Eine Preissteigerung, wie sie in der Presse genannt wurde - mit 20 bis 30 Prozent - ist ein Pauschalurteil“, sagt Brock. Es gebe die Röntgenbehandlungen, die billiger geworden sind, aber eben auch enorme Preissteigerungen um 100 Prozent. „Jeder muss leben, die haben auch ihre Ausgaben“, sagt Landwirt Andres. Er ist wohl froh, dass er überhaupt noch einen Tierarzt hat, der sich um seine Rinder kümmert.

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