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Impfmüdigkeit in der Region stärker als anderswo

Im Kampf gegen Corona: Rosenheim macht seinem Ruf als Hochburg der Skeptiker alle Ehre

Herdenimmunität in Sicht? Wohl kaum, wenn sich der Impf-Eifer nicht wieder beleben lässt. Foto: dpa-Bildfunk
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Herdenimmunität in Sicht? Wohl kaum, wenn sich der Impf-Eifer nicht wieder beleben lässt.
  • Michael Weiser
    VonMichael Weiser
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Die Impfkampagne gegen Corona - in der Region Rosenheim gerät sie besonders eindrucksvoll ins Stocken. Stadt und Landkreis könnten in Sachen Corona-Schutz abgehängt werden. Über die Ursachen der Impfmüdigkeit beginnen Diskussionen.

Rosenheim – Es könnte alles gut sein. „Wir arbeiten gerade die letzten Namen auf unserer Liste ab“, sagt Dr. Christoph Habersetzer, Hausarzt in der Gemeinde Samerberg. Ein paar Haken noch hinter den Namen in seinem Verzeichnis, dann ist er sozusagen durch mit seiner Corona-Impfkampagne. Was ein Grund zum Feiern wäre, wären dann die 80 Prozent geimpft, die es für die so genannte „Herden-Immunität“ braucht.

Doch davon ist nicht auszugehen. Nicht in Samerberg, auch wenn Habersetzer, wie er sagt, diesbezüglich keine Statistik führen kann. Aber auch nicht in der Region Rosenheim. Vor ein paar Wochen noch erlebte Dr. Florian Bonke, Hausarzt mit Corona-Schwerpunktpraxis im Inntal (Flintsbach), „einen Run“. Und jetzt? Er erhalte durchaus Anfragen von Astra-Zeneca-Geimpften, der Art, ob sie ihre Zweitimpfung wie empfohlen mit Biontech erhalten könnten. Anmeldungen zur Erstimpfung aber – „davon kommen zur Zeit wenige rein“.

Rosenheim liegt in Bayern weit hinten

Schon Bayern – 54,4 Prozent Erst- und 38,2 Prozent Zweitgeimpfte – liegt hinter den anderen alten Bundesländern zurück. Rosenheim wiederum liegt mit rund 48 Prozent zumindest Erstgeimpfter und 34,55 Prozent Zweitgeimpfter noch mal ein Stück hinter Bayern (Stand 4. Juli). Man bettle um Impfwillige, sagt Dr. Nikolaus Klecker, Hausarzt in Rosenheim und Bezirksvorsitzender im bayerischen Hausärzteverband. „Wir reden mit Engelszungen.“

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Das Stocken der Impfkampagne weckt Erinnerungen. Als vergangenes Jahr eine Masernschutzimpfung für Kinder Pflicht wurde, war die Region bei der Durchimpfung noch immer Schlusslicht in Bayern. Die Impfskepsis sei in der Region schon „immer ein bisserl stärker als anderswo“, sagt Dr. Fritz Ihler, Vorsitzender des ärztlichen Kreisverbands Rosenheim.

Für die Skepsis gibt es nicht nur den einen Grund

Ein Umstand, den Dr. Wolfgang Hierl, der Leiter des Staatlichen Gesundheitsamtes in Rosenheim, nicht mit einem einzigen Grund allein zu erklären weiß. Die objektive Beratung durch Ärzte, aber auch „sozioökonomische, kulturelle und psychologische Faktoren“ spielten eine Rolle, sagt er. Nikolaus Klecker vermutet ein „Luxusproblem“, begründet in einer weit verbreiteten Sorglosigkeit. Die medizinische Versorgung sei eben hierzulande gut, große sei aber auch die Empfänglichkeit für alternative Verfahren.

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Es ist eine Rechnung mit vielen Unbekannten, aber mit einem Ergebnis: Impfen ist nicht nur eine Privatentscheidung. „Menschen treffen nicht nur Impfentscheidungen für sich selbst, sondern übernehmen mit ihrer Entscheidung direkte Verantwortung für die Gesellschaft“, sagt Hierl.

11.000 Dosen werden in der Woche verimpft

Was tun? Im Impfzentrum Rosenheim wird man am Ende der Woche 11.000 Dosen verimpft haben, dann wird’s mau: Es melden sich weniger und weniger Kandidaten. Man werde infolgedessen weniger bestellen, heißt es seitens der Stadt. Spontanimpfungen von Impfwilligen ohne Registrierung werde es nicht geben, wegen der Probleme bei der Impfstoffbestellung. Doch nach der Registrierung erhalte jeder ohnehin fast umgehend ein Terminangebot.

Ein Impfzwang scheint kaum ein taugliches Mittel, obschon Thomas Bugl, Wirtschaftsdezernent und Sprecher der Stadt Rosenheim, laut darüber nachdenkt, ob nicht ein „gestuftes System von Sanktionen“ angetan wäre, Impfmüde an ihre Verpflichtung der Gesellschaft gegenüber zu erinnern.

Von materiellen Anreizen wie Gutscheinen und Fresskörben, wie sie Mediziner im Landkreis vorgeschlagen hatten, hält er nichts. Bald 160.000 Menschen seien zumindest schon mit der ersten Impfung versehen. Nun die zögernde zweite Hälfte mit Prämien zu locken, bedeute förmlich, „die zu bestrafen, die bereits brav ihrer solidarischen Pflicht nachgekommen sind“.

Er befürworte hingegen die österreichische 3-G-Regel mit Freiheiten für Genesene, Getetestete oder Geimpfte. „Ich kenne niemanden, der darauf steht, sich jeden zweiten Tag ein Wattestäbchen bis ins Hirn hochpfriemeln zu lassen“, sagt Bugl. Wer den Tests aber entkommen will – der muss sich eben impfen lassen.

Weg mit dem Maskenzwang bei Geimpften: Könnte helfen

Vor diesem Hintergrund stoßen Vorschläge wie der von Andreas Gassen, dem Vorsitzenden der Kassenärztlichen Vereinigung, auch in der Region Rosenheim mehr und mehr auf Zustimmung. Keine Maskenpflicht mehr für Geimpfte, hatte Gassen gefordert. „Gar nicht dumm“, findet das Nikolaus Klecker, „das wäre wahrscheinlich wirklich ein starker Anreiz.“

Eher den umgekehrten Effekt hingegen sieht er bei der Quarantäne auch für doppelt Geimpfte, wenn sie aus einem Gebiet mit besorgniserregenden Varianten einreisen oder Kontakt mit einem Menschen mit der Delta-Variante hatten.

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Die Stadt Rosenheim (3,1) und der Landkreis (5,4) sind bei der Siebens-Tages-Inzidenz auf einem stabilen, niedrigen Niveau. Die Zahl der Geimpften wird darüber entscheiden, ob und wie stark mit der Rückreisewelle die Zahlen steigen. Aus England und Spanien werden Inzidenzwerte von über 100 gemeldet, auch in anderen Ländern breitet sich Corona von Neuem aus.

Erneute Einschränkungen erscheinen nicht mehr ausgeschlossen. Treffen würden sie auch die Wirtschaft. Andreas Bensegger, Vorsitzender des IHK-Regionalausschusses, hat sich selber immunisieren lassen und steht persönlich „voll hinter der Impfung“. Einen allgemeinen Impfausruf werde man als Sprachrohr der Wirtschaft nicht starten. „Das Thema Impfen ist so persönlich, da maßen wir uns nicht an, den Menschen dreinzureden“, sagt Bensegger.

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