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"Ich habe wieder Lust aufs Leben"

Christian Ruppert (links), Karl Huber und Carola Strehletz sind ehemalige Patienten, die dank der Schmerztagesklinik am Romed-Klinikum und dem allmonatlichen Schmerzcafé einen individuellen Weg zur Schmerzbewältigung gefunden haben. Renate Döbrich, Fachreferentin für Gesundheitstraining (Zweite von links), ist im Klinikteam dabei.  Foto knothe
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Christian Ruppert (links), Karl Huber und Carola Strehletz sind ehemalige Patienten, die dank der Schmerztagesklinik am Romed-Klinikum und dem allmonatlichen Schmerzcafé einen individuellen Weg zur Schmerzbewältigung gefunden haben. Renate Döbrich, Fachreferentin für Gesundheitstraining (Zweite von links), ist im Klinikteam dabei. Foto knothe

"Die Kopfschmerzen waren so stark, sie raubten mir meine ganze Energie. Schließlich richtete ich mein Leben nur noch nach den Migräneattacken aus. Sie diktierten meinen Alltag. Der Griff zur Tablette war leicht, doch bald halfen nur immer stärkere Mittel. Der direkte Weg in die Abhängigkeit. Ein Teufelskreis!" So beschreiben viele chronische Schmerzpatienten die jahrelangen deprimierenden Erfahrungen mit ihren allgegenwärtigen Schmerzen. Zum Schluss sind sie völlig gefangen in ihrer Pein - oft isoliert und missverstanden von ihrer nächsten Umgebung. Hilfsangebote bietet seit zehn Jahren die Schmerztagesklinik. Heute feiert diese Einrichtung am Romed-Klinikum Rosenheim ihr zehnjähriges Bestehen.

Rosenheim/Landkreis - "Wir versuchen mit unserem Konzept, den Patienten ein individuelles und persönlich zugeschnittenes Angebot zur Schmerzbewältigung zu machen", sagt Dr. Michael Schnitzenbaumer, der Leiter der Schmerztagesklinik, an die seit zehn Jahren auch das Schmerzcafé angegliedert ist.

Er könne die Schmerzen nicht "wegzaubern", sagt der Anästhesist, es gehe vielmehr darum, den Patienten einen neuen Zugang aufzuzeigen, wie sie mit ihren oft vielfältigen Leiden anders umgehen und damit letztlich wieder ein selbstbestimmtes und weitgehend schmerzfreies Leben führen können.

Der Therapieansatz in Rosenheim unterscheidet sich wesentlich von anderen Häusern. "Wir beziehen den Alltag der Schmerzpatienten bewusst mit ein. Denn das Angebot muss alltagstauglich sein", sagt Schnitzenbaumer.

Am Schmerzkurs nehmen grundsätzlich nur acht Interessierte teil, die morgens in die Schmerztagesklinik kommen und abends wieder nach Hause in ihre gewohnte Umgebung zurückkehren. "Wir sehen es als sehr wichtig an, dass das tagsüber Gelernte gleich im Alltag ausprobiert wird. Hier muss sich unser Konzept, Schmerzen in den Griff zu bekommen und gleichzeitig die oft hohe Anzahl von Tabletten zu reduzieren, bewähren", betont Schnitzenbaumer. Seine Erfahrung sei, dass Patienten, die stationär aufgenommen wurden, zwar gute Fortschritte in der Schmerzbewältigung machen können, doch sobald sie wieder den geschützten Raum der Klinik verlassen und mit den Anforderungen des Alltags konfrontiert werden, sinke der Erfolg deutlich. Sie fallen in alte Verhaltensmuster zurück, der Kreislauf beginne oft von Neuem. "Genau das wollen wir nicht. Wir beziehen ganz bewusst das häusliche Umfeld und Angehörige mit ein."

Zunächst lernen die Kursteilnehmer in einem dreiwöchigen Block die verschiedenen Angebote kennen: Chinesische Medizin, Physiotherapie, spezielles Schmerzyoga, Kunsttherapie, Entspannungs- und Bewegungstherapie, Gespräche mit Ärzten und Psychologen sowie Motivations- und Achtsamkeitstraining. "Die Patienten müssen aus ihrem alten Trott raus. Durch die vielfältigen Angebote, die unser 16-köpfiges Team anbieten kann, versuchen wir, individuell den Hebel zum Schmerzverständnis umzulegen", erklärt der Tagesklinik-Leiter. Vor allem gelte es, die Teilnehmer aus ihrer Passivität zu locken. "Ruhe ist der falsche Weg. Wir gehen zusammen walken!"

Für Carola Strehletz (48) war dies die Überraschung des Tages: "Walken - wo ich doch wegen meines Hüftleidens kaum ein paar Schritte ohne Schmerzen gehen konnte!" Wie oft hatte sie sich gewünscht, schmerzlos wenigstens über die Straße zu gehen. Gedanklich hatte sie sich bereits mit einer großen Hüft-OP angefreundet. Heute - ein Jahr nach dem Kurs in der Schmerztagesklinik - sagt sie: "Mein Leben ist wieder schön." Sport und Yoga haben ihr geholfen, den Schmerz zu vergessen und ihr Leben umzukrempeln: "Ich bin heute nicht mehr auf der Flucht vor mir selbst. Ich kann den Druck aus dem Alltag nehmen und muss nicht mehr beim Bügeln Englisch abfragen, Einkaufszettel schreiben und an die Wäsche im Trockner denken."

Ähnlich zufrieden äußern sich auch Christian Ruppert (43), Karl Huber (49) und Christiane Menges (60): "Wer jeden Tag höllische Schmerzen ertragen muss und keinen Weg findet, sie loszuwerden, der verzweifelt." Irgendwann wolle jeder nur noch Erleichterung, zumal der "Schmerz uns alle auch psychisch runterzieht". Er sei ein richtiger "Energiefresser". Zunächst, so berichten sie, wollten alle keine Schmerzmittel nehmen, dann nur ein paar Tabletten und dann immer mehr. "Aber schon von Berufs wegen geht das nicht", sagt Rettungsassistent Christian Ruppert. Sein Kopfschmerz hatte ihn schließlich derart im Griff, dass er nicht einmal mehr Einladungen annehmen konnte: "Ständig hatte ich den Termin vor Augen und hoffte, dass nicht genau an diesem Tag eine heftige Schmerzattacke kommt." Überall hatte er Tabletten deponiert. "Es musste etwas passieren", so Ruppert.

Und auch für Huber und Menges war nach Jahren die Heftigkeit der Schmerzen so angewachsen, dass Beruf und Alltag nicht mehr zu bewältigen waren. "Ich konnte nicht einmal mehr meine Strümpfe anziehen", sagt die Krankenschwester Menges. Huber, der bei der Chiemseeschifffahrt arbeitete, ertrug mit seinen sehr starken Kopfschmerzen den Lärm und Wind auf den Schiffen nicht mehr: "Ich wollte den Tag mit Tabletten nur noch irgendwie überstehen."

Auch diese beiden haben im Schmerzkurs einen individuellen Weg gefunden, aus ihren alten Verhaltensmustern von Tabletteneinnahme und Rückzug auszubrechen. Ihr Credo heute: "Mehr auf sich selbst hören und nicht nur dem schnellen Arbeitstakt folgen."

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