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Herzinfarkt am Gardasee

„Ich dachte, er stirbt in meinen Armen“: Wie ein Rosenheimer einem Italiener das Leben rettete

An dieser Stelle am Strand von Navene, einem Ortsteil von Malcesine am Gardasee, hat ein Italiener einen Herzinfarkt erlitten. Ein Rosenheimer war vor Ort und hat ihn reanimiert.
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An dieser Stelle am Strand von Navene, einem Ortsteil von Malcesine am Gardasee, hat ein Italiener einen Herzinfarkt erlitten. Ein Rosenheimer war vor Ort und hat ihn reanimiert.
  • Alexandra Schöne
    VonAlexandra Schöne
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Ein Italiener bricht nach dem Windsurfen zusammen, mitten auf einem Strand am Gardasee. Herzinfarkt. Dass er noch lebt, hat er vier Deutschen zu verdanken. Einer davon ist ein Rosenheimer Arzt.

Rosenheim /Malcesine – Dr. Michael Wullinger (58) fährt schon seit 30 Jahren regelmäßig zum Windsurfen. Er war in Brasilien unterwegs und auf der italienischen Halbinsel Gargano. Und ganz oft ist er am Gardasee. So auch am vergangenen Freitag. Es war ein warmer Tag, gutes Wetter, viel Sonne. Und vor allem blies ein kräftiger Wind. Wullinger ging surfen. Alles war wie immer.

Dr. Michael Wullinger aus Rosenheim.

Gelb-graue Gesichtsfarbe

Bis er am Nachmittag eine Pause am Strand machte. Ein paar Meter entfernt von ihm, auf einer Art Damm, saß ein Italiener und röchelte seltsam. So erzählt es Wullinger heute. „Er saß da und hat gezuckt und ist immer mehr in sich zusammengesackt. Es war erkennbar, dass da was nicht stimmt“, sagt er. Der Mann glitt zur Seite auf den Boden.

Der Arzt eilte zu dem 50-jährigen Italiener, der zuvor selbst noch zum Windsurfen auf dem Wasser war. Der Mann habe „gelb-graue Gesichtsfarbe“ gehabt. Der Arzt sprach ihn an, schüttelte ihn. Keine Reaktion, keine Atmung, kein Puls.

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Wullinger hält kurz inne. „Ich war im ersten Moment einfach schockiert. Ich dachte, er stirbt jetzt in meinen Armen“, sagt er dann und schüttelt den Kopf. Vor 30 Jahren hatte er in der Anästhesieabteilung des Rosenheimer Klinikums gearbeitet und sich später auf Akupunktur sowie chinesische Medizin spezialisiert. Mit Notfällen hat er seit drei Jahrzehnten nichts mehr zu tun gehabt.

Zusammen mit 20-Jährigem reanimiert

Der Rosenheimer rief nach Hilfe. Kurz darauf kam ein 20-jähriger Deutscher, der laut Wullinger erst eine Woche vorher einen Erste-Hilfe-Kurs gemacht hatte. Gemeinsam begannen sie, den Italiener zu reanimieren. Der Arzt schätzt, dass inzwischen ein bis zwei Minuten vergangen waren. Hätten sie später mit der Wiederbelebung angefangen, wäre das Gehirn des Italieners wohl irreparabel geschädigt worden. Laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung beginnt es nach drei bis fünf Minuten ohne Blutzufuhr abzusterben.

Nachdem der Arzt die ersten zehn Minuten die Herzdruckmassage übernommen hatte und der junge Mann die Mund-Nasen-Beatmung, kamen zwei weitere Deutsche zum Helfen dazu. Ein Freund des Italieners war inzwischen auch an den Strand gekommen. „Die beiden haben sich schon seit frühester Kindheit gekannt. Er war verzweifelt und hat geweint“, erzählt Wullinger.

„Das wird nichts mehr“

Sie hätten den Mann rund 20 Minuten reanimiert, bevor der Rettungswagen gekommen sei. Die Sanitäter übernahmen die weitere Wiederbelebung mit einem Defibrillator. Sie legten dem Italiener einen Zugang und verabreichten ihm Medikamente. „Die ganze Rettung hat so lange gedauert, dass wir dachten: Das wird nichts mehr.“

Als der angeforderte Helikopter mit Notärztin an Bord schließlich auf dem schmalen Strandabschnitt landete, war der Italiener wieder bei Bewusstsein. Während er in den Hubschrauber transportiert wurde, habe er schon wieder sprechen können, berichtet der Rosenheimer. „Wir waren alle total fertig, aber auch riesig erleichtert und haben uns unheimlich gefreut.“

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Dass der Mann einen Herzinfarkt hatte, realisierte Wullinger erst später – als das Adrenalin abgeklungen war und er wieder „Zeit zum Nachdenken“ hatte. Währenddessen wurde der Italiener in eine Klinik nach Peschiera del Garda geflogen. Dort bestätigte sich die Diagnose. Im Krankenhaus bekam er einen Herzkatheter und einen sogenannten Stent in ein Herzkranzgefäß eingesetzt. Das ist eine Art Röhrchen, welches die Herzkranzarterie offen halten und stabilisieren soll.

Herzinfarkt ohne Gehirnschäden überstanden

Das alles hat der Freund des Italieners Wullinger über Whatsapp mitgeteilt. Offenbar hat dieser den Herzinfarkt ohne Gehirnschäden überstanden. „Er konnte im Krankenhaus mit seinem Freund am Telefon schon wieder lachen. Es ist, als wäre nichts gewesen.“

Für Wullinger und die anderen Deutschen sei die Rettungsaktion „unheimlich ermutigend“ gewesen, weil der Einsatz das Leben des Italieners gerettet hat. Der Arzt appelliert an mögliche Ersthelfer, sich zu trauen, im Notfall zu reanimieren. Und das vor allem schnell zu tun. Bevor es zu spät ist.

So funktioniert eine Reanimation richtig:

Laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung haben über 60000 Menschen pro Jahr in Deutschland einen Herz-Kreislauf-Stillstand außerhalb eines Krankenhauses. Nur zehn Prozent der Betroffenen überleben. Denn wenn drei bis fünf Minuten kein Blut ins Gehirn fließt, beginnt es abzusterben. Verhindern lässt sich das durch sofortige Herzdruckmassage. Dennoch würden sich noch zu wenige Menschen trauen, damit zu beginnen, schreibt die Bundeszentrale auf ihrer Webseite: In nur in 40 Prozent der Fälle starten Laien mit der Reanimation, die die Überlebenschancen eines Patienten verdoppeln bis verdreifachen kann. Deutschland hat damit eine relativ niedrige Laienreanimationsquote. In Schweden beispielsweise liegt die Quote dem Deutschen Rat für Wiederbelebung zufolge bei rund 80 Prozent. Stadt und Landkreis München haben kürzlich ein Projekt mit dem Namen „München rettet Leben“ gestartet. Die Idee: Ersthelfer, die geschult sind und sich bei einem Notfall in der Nähe befinden, werden per Handy-App alarmiert. So können sie schnell mit der Reanimation beginnen. Dieser Prozess gliedert sich in drei Schritte: Zunächst prüfen, ob die Person ansprechbar ist. Reagiert sie nicht und atmet sie kaum oder gar nicht: Notruf wählen! Dann mit der Herzdruckmassage beginnen. Dazu die Hände übereinander mit den Handballen nach unten auf die Mitte des Brustkorbs des Patienten legen, auf Höhe der Brustwarzen. Der Mensch sollte am Oberkörper – wenn möglich – keine Kleidung tragen. Dann mit einer Geschwindigkeit von 100 Mal pro Minute sehr fest auf den Brustkorb drücken – rund fünf Zentimeter nach unten. Um Kraft zu sparen, kann man die Arme gestreckt halten. Besonders wichtig ist, die Reanimation nicht zu unterbrechen. Auch nicht, wenn der Rettungsdienst eintrifft. Erst, wenn ein Sanitäter aktiv übernimmt, darf der Ersthelfer zurücktreten.

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