Keine Angst vor dem Sterben

Hospizbegleiterin Lilo Schmidt geht offen mit dem Tod um – auch an Weihnachten

Lilo Schmidt (65) aus Rosenheim ist seit 16 Jahren Hospizbegleiterin. Sie steht schwer kranken Menschen in der letzten Phase ihres Lebens bei.
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Lilo Schmidt (65) aus Rosenheim ist seit 16 Jahren Hospizbegleiterin. Sie steht schwer kranken Menschen in der letzten Phase ihres Lebens bei.
  • Alexandra Schöne
    vonAlexandra Schöne
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Lilo Schmidt ist jemand, der den Tatsachen ins Auge sieht. Jemand, der sich schon viel mit dem Sterben auseinandergesetzt hat, offen damit umgeht und keine Angst davor hat. „Der Tod gehört zum Leben. Es ist das Einzige, das sicher ist“, sagt sie.

Rosenheim – Sie trägt eine dicke schwarze Winterjacke und eine Brille. Ihre schulterlangen Haare sind weiß-grau. Sie ist seit acht Jahren in Rente, hat vorher bei einer Bausparkasse gearbeitet.

„Man kann da sein und zuhören“

Seit 2004 ist sie ehrenamtliche Hospizbegleiterin, seit acht Jahren arbeitet sie für den Jakobus- Hospizverein in Rosenheim. Sie steht schwer kranken Menschen in der letzten Phase ihres Lebens bei. Lilo Schmidt besucht sie zu Hause, spricht mit ihnen, liest ihnen vor. Oder sie sitzt einfach nur am Krankenbett, sodass die Angehörigen beispielsweise einkaufen gehen können. „Man kann nicht allzu viel tun, aber man kann da sein und zuhören. Dem Patienten und seinen Verwandten eine gewisse Sicherheit geben, sie entlasten.“

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Wenn jemand spüre, dass es zu Ende gehe, erzähle er das manchmal eher einem Fremden als einem Angehörigen. Diese Erfahrung habe sie in all den Jahren gemacht, sagt die 65-Jährige. Sie sei deshalb auch immer ehrlich zu den Menschen. „Ich sage ihnen nicht, dass alles gut wird, wenn es nicht so ist. Das ist oft der Reflex der Verwandten.“

Für Lilo Schmidt ist die Hospizarbeit eine erfüllende Aufgabe, eine positive Arbeit. Obwohl sie ständig mit dem Tod konfrontiert wird. Doch das ist sie mittlerweile gewohnt. Als ihre Mutter vor vielen Jahren verstarb, habe sie sich intensiv mit Tod und Sterben auseinandergesetzt. „Ich habe viele Bücher darüber gelesen“, sagt sie. Sie finde es schade, dass das Thema oft tabu sei und dass nicht darüber geredet werde.

Lilo Schmidt kümmert sich um das seelische Wohlbefinden der Patienten

Lilo Schmidt handhabt das anders. Auch in ihrem Alltag. Dieser sei relativ geregelt, wenn sie für den Hospizverein unterwegs ist. Wenn es einen Patienten gibt, wird sie von der Einsatzleitung im Jakobus-Hospizverein angerufen. Sie fährt einmal in der Woche zu dem Kranken und verbringt dort ein bis zwei Stunden. „Mehr Besuche sind auch möglich, aber nicht üblich.“

Was ihr wichtig ist: Sie sei weder eine Pflegerin noch eine Putzkraft, betont Lilo Schmidt. Sie sei eher für das seelische Wohlbefinden der Patienten zuständig. „Es sind die Kleinigkeiten, die zählen. Wie einem Kranken einen Schluck Wasser zu geben, wenn er ihn braucht“, sagt sie.

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Dass jemand stirbt, während sie im Einsatz ist, sei noch nicht vorgekommen. Lilo Schmidt ist sich aber sicher, dass sie auch damit gut umgehen könnte. Sie sei noch nie an ihre Grenzen gestoßen, fühle sich geerdet. Das liege unter anderem an ihrer Familie. Mit ihren Kindern und ihrem Ehemann Bernd könne sie jederzeit über alles reden – wenn sie das denn möchte.

Was gibt einer Sterbebegleiterin an Weihnachten Hoffnung?

Lilo Schmidt ist eine Frau, die die Arbeit im Hospizverein und ihr Privatleben trennen kann. Auch während der Weihnachtsfeiertage. Sie sitze nicht mit ihrer Familie am Festtisch und denke über ihre Arbeit nach. „Ich trage es normalerweise nicht mit nach Hause“, sagt sie. „Wenn ich eine Begleitung habe und ich wieder aus dem Haus gehe, dann nehme ich das Leben bewusster und dankbarer entgegen.“

Sie sei an den Feiertagen noch nie im Einsatz gewesen. Bisher habe sie sich auch nicht vorstellen können, zu dieser Zeit von ihrer Familie getrennt zu sein. Doch das hat sich geändert. Jetzt, da ihre beiden Töchter eigene Familien haben. Mittlerweile sei es für Lilo Schmidt auch in Ordnung, am 24. Dezember für ein bis zwei Stunden Patienten zu begleiten.

Weihnachten – für viele Menschen ein Fest, das nicht für das Ende eines Lebens steht, sondern für den Anfang. Was gibt der 65-Jährigen, in deren Leben der Tod allgegenwärtig ist, in dieser Zeit Hoffnung? Für Lilo Schmidt ist das einfach zu beantworten. Sie zieht ihre Kraft aus der Natur. Diese sei unheimlich wichtig für die Rosenheimerin. Sie sei gern draußen unterwegs oder sitze auch einfach nur am Fenster und sehe hinaus. Für sie gleicht der Tod außerdem einer Tür, hinter der „es irgendwas gibt“. „Ich glaube, dass es nur eine andere Bewusstseinsebene ist, in die man eintritt. Das gibt mir Halt.“ Auch an Weihnachten.

Der Jakobus-Hospizverein Rosenheim

Der Jakobus-Hospizverein in Rosenheim besteht seit 1993. Rund 50 ehrenamtliche Hospizbegleiter arbeiten für den Verein und sind im ganzen Landkreis unterwegs – mit Ausnahme von Prien, denn dort gibt es einen eigenen Hospizverein. Die Ehrenamtlichen in Rosenheim betreuen laut Einsatzleiterin Barbara Noichl 90 bis 100 Patienten pro Jahr. Die Einsätze seien unterschiedlich lang. „Generell nehmen wir aber nur Patienten auf, bei denen der Tod im Raum steht“, sagt Barbara Noichl.

Manche Hospizbegleiter würden vier bis fünf Menschen jährlich betreuen, andere nur einen. Aber keiner kümmere sich um zwei Patienten gleichzeitig. Die für Hospizarbeit erforderliche Ausbildung kann man beim Jakobus-Hospizverein machen. Sie besteht aus einem Grund- und einem Aufbaukurs. Für die ehrenamtlichen Hospizbegleiter gibt es zudem Fortbildungen und interne Supervisionen. Anfragen per E-Mail an info@hospizverein-rosenheim.de oder unter Telefon 08031/71964.

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