Hagelalarm! Piloten kämpfen von Vogtareuth aus gegen Unwetter im Raum Rosenheim

Den dunklen Wolken entgegen: Ein Hagelflieger startet zu seiner Mission.
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Den dunklen Wolken entgegen: Ein Hagelflieger startet zu seiner Mission.

Wenn sich am Himmel schwarze Wolken ballen, ist ihre Stunde da: Die Hagelflieger von Vogtareuth steigen auf, um mit Silberjodid auf monströse Gewitter zu schießen. 

Vogtareuth – Der Sommer 2020 wird hier, in einem besonders idyllischen Teil des Alpenvorlands, als sehr gewitterreich wahrgenommen. Immer wieder bilden sich bedrohliche Unwetter, oft auch mit Hagel, die große Schäden verursachen. Um das Gröbste zu verhindern, steigen speziell konstruierte Hagelflugzeuge vom Flugplatz Vogtareuth auf. Oft hört man das charakteristische Brummen, sobald sich die schwarzen Wolkentürme am Himmel zusammenballen. Das Ziel ist, die Größe der Hagelkörner zu verringern. Im Idealfall kommt dann nur noch Regen auf dem Boden an.

Monster mit gewaltigem Sog

Auftanken, bitte: Georg Vogl befüllt die Generatoren mit Silberjodid.

Georg Vogl (62) ist Hagelfliegerpilot und gleichzeitig Einsatzleiter der Hagelabwehr. Der Bad Aiblinger erklärt das Prinzip – und macht dem Zuhörer erstmal ein bisserl Angst. „Gewitterwolken sind oft gewaltige Monster“, sagt er, „die bis in zwölf Kilometer Höhe reichen und im Inneren einen gewaltigen Sog aufweisen.“

Im Inneren dieser Monster herrschen klimatisch extreme Bedingungen. Auf etwa 4000 Meter Höhe liegt die Nullgradgrenze. Feuchte, warme Luft steigt rasant nach oben und wird dabei abgekühlt. Bis zum Gefrieren: Jedes Hagelkorn braucht zunächst einen „Keim“, ein Partikel, an dem sich die gefrierenden Wasserteilchen anlagern, im Allgemeinen Pollen und Staub. Die entstehenden Eisgebilde werden durch die Wolke geschleudert und gewinnen dabei an Umfang.

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Unwetter im Chiemgau

An diesem Punkt des Prozesses setzt die Hagelabwehr ein. Sie beabsichtigt, der Gewitterwolke noch viel mehr Kristallisationskeime zuzusetzen, damit der einzelne Eiskeim weniger Wasser aufnimmt. Die Methode heißt ‚Cloud Seeding‘ und ist in den USA schon lange in Gebrauch. In Aceton gelöstes Silberjodid wird verbrannt, und der Rauch bildet künstliche Eiskeime. Das Ergebnis sind deutlich verkleinerte Hagelkörner, die im besten Fall nur noch als Graupel oder gar Regen auf dem Boden ankommen.

Kachelmann schießt gegen Hagelflieger

Gegen dieses Verfahren wird auch Kritik laut. Prominentes Beispiel ist Meteorologe Jörg Kachelmann, der regelmäßig über seinen Blog scharf gegen alle Hagelfliegerinitiativen in Deutschland schießt. Georg Vogl hat ihn schon einmal zu einem Gespräch eingeladen. Eine Antwort jedoch hat er auf seine Einladung zum Friedensgipfel nicht erhalten.

Gewitterzellen zu erahnen...

Die Wetterlage am Freitag, 10. Juli: Man kann erahnen, dass sich Gewitterzellen auf breiter Front im Einsatzgebiet der Hagelabwehr befinden werden.

Bloß unter den Aufwinden bleiben: Pilot Andreas Marx.

Deshalb halten sich an diesem Tag zwei Piloten bereit. Neben Hagelabwehrchef Vogl ist auch Pilot Andreas Marx, 43, aus Raubling zum Flugplatz in Vogtareuth gekommen. Die Maschinen stehen immer vollgetankt bereit. Auch die ‚Kanonen‘ mit Silberjodid werden gleich nach jedem Einsatz wieder befüllt. So kann jeder nach kurzem Check umgehend starten. Dass die Lage nicht allzu kritisch werden wird, zeichnet sich schnell ab. Die Piloten sind immer online und per Funk mit einem Meteorologen verbunden, der sie bei der genauen Lokalisierung der Gewitterwolken mit Wetterdaten unterstützt. Die Höhe der Wolken an diesem Tag: circa 7000 Meter. Das ist noch nicht im kritischen Bereich.

Hagel-Alarm: Warum Rosenheim besonders gefährdet ist

Dennoch werden die Wolken „geimpft“, wie die Hagelflieger sagen. Die Entwicklung einer Gewitterwolke kann sich unerwartet ändern. An welchen Umständen das liegt, ist bis heute nicht vollständig geklärt. Die wissenschaftliche Erforschung der Gewitterwolken steckt noch ziemlich in den Kinderschuhen.

Schwarzen Wolken entgegen

Wenn man vom Boden aus beobachtet, wie die Flieger abheben und den schwarzen Wolken entgegenschweben, dann sieht das wohl spektakulär aus. Doch auf die Frage, wie viel Mut eigentlich dazu gehört, so eine Aufgabe zu übernehmen, lacht Pilot Andreas Marx. Tollkühnheit? „Gar keine“, sagt er, „wir fliegen immer unter den Gewitterwolken und sehen zu, dass wir nicht von den Aufwinden erfasst werden.“ Wenn man da reingeraten würde... Andreas Marx führt den Satz zu Ende. „Bliebe von der Maschine nichts mehr übrig.“

Der Guru der Hagelflieger

Hermann Selbertinger, Bauingenieur und Pilot, ist Gründer und immer noch Platzhalter des Flugplatzes. Er ist 92 und bezeichnet sich selbst als „Guru der Hagelflieger“. Selbertinger hatte die Methode des ‚Cloud Seeding‘ in den USA kennengelernt und nach Deutschland mitgebracht. So konstruierte er Spezialgeneratoren und flog 1975 den ersten Einsatz der Hagelabwehr. Dazu baute er in Vogtareuth den Flugplatz mit Hangar, Pilotenstüberl und Einsatzzentrale auf. Später bildete er auch Piloten für den Hagelflug aus. Augenzwinkernd sagt er: „Ich hab dem Vogl das Fliegen beigebracht.“. Er fing in der richtigen Region an. Durch die besondere geografische Lage am Nordrand der Alpen ist die Region Rosenheim besonders gefährdet. Speziell in landwirtschaftlich geprägten Gebieten kann ein Hagelschaden massive Folgen haben und sogar Existenzen vernichten. Nicht zuletzt aufgrund der Hagelkatastrophe von 1974, die viele Millionen Schäden verursachte, rannte Herman Selbertinger vor 45 Jahren mit seiner Idee beim Landratsamt Rosenheim offene Türen ein.

Flieger schützen Autos vor Hagelschlag

Die Hagelflieger von Vogtareuth sind zuständig für die Regionen Rosenheim, Miesbach und Traunstein, aber auch für Kufstein und Kitzbühel. Mittlerweile gibt es in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz noch weitere Hagelfliegerinitiativen. Ihr Ziel ist vor allem, um Landwirtschaft und Weinbau vor wirtschaftlichen Katastrophen zu bewahren. Am Stuttgarter Flughafen stehen fünf Hagelflieger, die die zur Auslieferung bereitstehenden Autos von Mercedes-Benz vor Hagelschäden schützen sollen.

Warum die Hagelflieger mit der TU Rosenheim zusammenarbeiten

Verbesserungen bringt die Zusammenarbeit der Hagelflieger mit der Technischen Hochschule Rosenheim. Da gibt es das Projekt Ro-Berta, mit dem die Wissenschaftler und Programmierer die Hagelbildung in den Wolken mit Wetterdaten, die in Echtzeit vom Boden zum Flugzeug und auch zurück übertragen und verarbeitet werden, besser sichtbar machen wollen. Für die Bodenbewohner ist die im Zuge dieses Projekts entwickelte Handy-App Ro-Berta spannend, mit der man live die Flugroute der Hagelflieger verfolgen kann. Mit Interesse verfolgt auch die Wirtschaft die Entwiclung: Es laufen Forschungen laufen, die die Wirksamkeit der Hagelwehr mit Versicherungsdaten verbinden.

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