Großkarolinenfeld und Brenner-Studie: „Keine Bestandsstrecke, sondern eine Neubaustrecke“

Plan und Wirklichkeit:Bernd Fessler zeigt an, wo was verlaufen könne. Stache

Eher Irritation als Ärger: Über die neue Studie zum Brenner-Nordzulauf schütteln Bürger in Großkarolinenfeld den Kopf. Rund 100 Menschen folgten jetzt der Einladung von Bürgermeister Bernd Fessler zu einem Informationsrundgang. In der Kritik stehen die Bürgerinitiativen - wegen Mangels an Transparenz.

Von Michael Weiser

Großkarolinenfeld – Er wirkt nicht wütend, sondern eher belustigt-verärgert. Als habe sich jemand einen cleveren Witz auf seine Kosten erlaubt. Martin Stadlhuber spricht auch nicht davon, dass es in Großkaro brodele. Er sagt: „Nun ja, man interessiert sich hier für das Thema.“

Die Stimmung in Großkarolinenfeld nach Bekanntwerden der neuen Studie des Büros Vieregg und Rössler: Sie schwankt zwischen leisem Grollen und Neugier, Vielleicht ist „Irritation“ das richtige Wort: Die Menschen in Großkarolinenfeld können sich ausrechnen, dass die neue Studie über den Brenner-Nordzulauf etwas für ihre Gemeinde vorsieht. Sie wissen nicht, ob diese Studie Folgen haben wird – das weiß vermutlich noch nicht einmal die Deutsche Bahn. Doch wissen sie, dass sie zuvor ganz gerne gefragt worden wären. „Ich fühle mich übervorteilt“, sagt Stadlhuber, der nun ganz kurz so dreinblickt, als hätte er auch ein stärkeres Wort gebrauchen können.

Warten an der Bahnschranke

So wie er sind rund 100 Menschen aus Großkaro der Einladung zur Inforundgang gefolgt. Bürgermeister Bernd Fessler steht vor dem Bahnhofsgebäude. Stellwände mit Landkarten stehen herum, man sieht darauf Großkarolinenfeld, man sieht die bestehende Bahntrasse mitten durch Großkarolinenfeld, und man sieht die Planungen von Vieregg und Rössler: Eine Variante südlich und westlich um Großkaro herumführend, die andere östlich und nördlich davon.

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Beiden Varianten gemeinsam: Den schön in der Ortsmitte gelegenen Bahnhof würden die Pendler verlieren. Das ist das eine.Das andere ist, dass viele Bürger für die Bewahrung der Bestandsstrecke demonstriert haben, neulich, beim Sternmarsch zum Max-Josefs-Platz in Rosenheim. „Das ist aber keine Bestandsstrecke“, sagt Bernd Fessler. „Das ist eine Neubaustrecke.“ Er sagt später aber auch, dass die Planungen der Bahn sicherlich „nicht besser“ seien für Großkarolinenfeld.

Information auf Flyern der CSU. Na und?

Der Bürgermeister berichtet den Informationshungrigen, dass er für Wahlkampfmanöver kritisiert worden sei. „Mir geht es aber um Information“, sagt Fessler. Die hätte man sich als interessierter Bürger natürlich auch am 10. März holen können, wenn die Bürgerinitiativen, die mit den Ortschaften Stephanskirchen, Riedering, Neubeuern und Rohrdorf Auftraggeber der Studie sind, das Papier vorstellen. Aber viele Menschen möchten so lange offenbar nicht mehr warten. „Ob die vor der Wahl die Studie überhaupt vorgestellt hätten, wenn‘s nicht vorher rausgekommen wäre?“, fragt einer halblaut, man sieht einige Köpfe nicken. Fessler hat über CSU-Flyer über die Studie informiert, auch dafür gibt es Vorwürfe. Nicht aber bei der Informationsveranstaltung. „Der wurde von vier Parteien als Kandidat aufgestellt“, sagt Stadlhuber, „da stehen in Großkarolinenfeld alle hinter ihm.“ Fessler wiederum sagt, was ihn veranlasst habe, die Studie an die Öffentlichkeit zu bringen. „Es war das Wort ,Schicksalswahl‘ bei der Kundgebung.“ Da sei ihm die Tragweite klar geworden.

Es ist nicht ganz einfach, sich auf den Karten zurechtzufinden. Ein Spaziergang schließt sich an. Zuerst geht es über die Bahnlinie. An der Bahnschranke muss die Karawane für fünf, sechs Minuten halten. Zwei, drei Züge rauschen in dieser Zeit durch, ganz schön was los in Großkarolinenfeld, schon jetzt. Wie das werden wird, wenn der Brenner-Nordzulauf Realität geworden ist?

Ein paar Kapellen für den Heiligen Sankt Florian

Es geht eine schmale Straße hinunter, rechts Häuser, links ein wenig Grün, dahinter die Geleise. Hundert Meter entfernt stehen zwei, drei Dutzend Pferde in einer Koppel. „Das Ponycafé“, erläutert Fessler, „das kannte ich, bevor ich Großkarolinenfeld kannte.“ Es wird kaum wieder zu erkennen sein, wenn hier dereinst gebaut werden wird. Dann zieht die Gruppe weiter, gute eineinhalb Kilometer in Richtung Norden, wo sich die Trasse zwischen Gewerbegebiet und Ortsrand hindurchzwängen würde. „War der Planer mal hier, als er das geplant hat“, fragt einer. Es klingt gar nicht böse und vorwurfsvoll. Sondern eher so: Es muss ihm doch jemand sagen, wie kompliziert der Boden hier ist.

Untergrund, Steigungen und Kurvenradien, Gewerbe- und Wohngebiete, Transportkapazitäten, Erfordernisse des Nahverkehrs: Alles ist sehr kompliziert. „Man weiß nicht mehr, wem man glauben soll“, sagt Lisa Angstl, die in Großkaro wohnt und in München studiert. Das komplizierteste sind sicher die Menschen.

Die Tour endet am entgegensetzten Ende, bei der St. Leonhard-Kapelle. Hier irgendwo könnte der Bahnhof für die Südtrasse gebaut werden. „Dann kann man die Kapelle gleich ins Bahnhofsgebäude integrieren“, witzelt Fessler.

Über der Tür steht: „Sankt Leonhard, bitt für uns für Segen und Frieden.“ Man kann sich gut vorstellen, dass in vielen Gemeinden derzeit fieberhaft Kapellen geplant werden, die dem Heiligen Sankt Florian geweiht werden können.

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