Grenze bei Kiefersfelden weitgehend dicht: Wie die Menschen den Ausnahmezustand erleben

Bundespolizisten kontrollieren an der Autobahn-Übergangsstelle Kiefersfelden die Insassen der herausgewunkenen Autos. Schmidt

Bayern macht dicht! Und Tausende Menschen müssen improvisieren. Reisende standen am Sonntagabend vor Überraschungen. Die Züge auf Tiroler Seite fahren nur noch bis Kufstein, die auf bayerischer Seite erst ab Kiefersfelden. Dessen Bürgermeister Hajo Gruber spricht vom „größten Eingriff meiner Lebenszeit“.

Von Roland Schmidt und

Michael Weiser

Kiefersfelden –

Bayern macht dicht! Und Tausende Menschen müssen auf einmal improvisieren. Vor allem Reisende standen am Sonntagabend vor Überraschungen. Die Züge auf Tiroler Seite, sie fahren nur noch bis Kufstein. Und auf bayerischer Seite fährt die Bahn erst ab Kiefersfelden. Das hatte viele Reisende erst gegen 22 Uhr am Sonntag. Von ihnen waren Geistesgegenwart, Geduld und Ausdauer gefragt. Hunderte bewegten sich paarweise oder in Grüppchen zu Fuß über die Grenze. Sah wie Flucht aus, wurde aber von vielen Urlaubern als kleines Abenteuer interpretiert. Immer wieder zu sehen: Reisende, die sich beim Marsch über die Grenze mit dem Smartphone selbst ablichten.

Ein Fußmarsch von bis zu fünf Kilometern

Die Urlauber, fast ausschließlich waren es Touristen, die ein Wochenende oder einige freie Tage in Tirol verbracht hatten, mussten vom Bahnhof Kufstein zu Fuß gut fünf Kilometer nach Kiefersfelden gehen, und das mit teilweise beachtlichem Gepäck. Wer konnte, ergatterte ein Taxi und ließ sich bis zum Grenzübergang Kiefersfelden-Staatsstraße kutschieren. Dort war allerdings Endstation – die Taxifahrer mussten umkehren.

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Bereits am Freitagabend war Tirol zum Risikogebiet erklärt worden. Am nächsten Tag bereits hatten Rückreisende an der Grenze Hinweistafeln mit Leuchtschrift gesehen: Wer aus Italien, Österreich, der Schweiz komme – bitte zwei Wochen in freiwilliger Quarantäne zu Hause bleiben.

Am Montag blieb die Grenze für die meisten Fahrzeuge aus Österreich dicht. Nur Güterverkehr passiert noch. Die Beamten der Bundespolizei kontrollierten konsequent jedes Auto, während ihre österreichischen Kollegen in der Gegenrichtung, in Richtung Österreich, Autos durchwinkten.

„Ist ja ganz schön hier“

Eine Gruppe von Müttern mit Kleinkindern, die aus nahezu dem gesamten Bundesgebiet in Tirol zu einem Treffen von ehemaligen Musikstudenten zusammengekommen waren, wurden auf der Rückreise von „Corona“ überrascht. „Wir nehmen es sportlich und bleiben gut gelaunt“. sagte eine der jungen Frauen. „Es ist zwar sehr umständlich mit dem Gepäck und den Kinderwägen. Aber den zwei Kilometer langen Spaziergang zum Bahnhof Kiefersfelden schaffen wir auch noch. Ist ja schön hier.“

Planung? Alles wird über den Haufen geworfen

Viele Menschen sehen ihre Planungen über den Haufen geworfen. Paulina Lohmann aus Dortmund etwa. Sie arbeitet in Kufstein in der Gastronomie, wollte nach Hause, um sich für einen neuen Job zu bewerben. Das kann nun noch dauern. „Leider muss ich dann 14 Tage in Quarantäne“, sagte sie dem Reporter der OVB-Heimatzeitungen. „Damit versäume ich zwei Vorstellungsgespräche.“

Entscheidung zwischen Partner und Familie

Hier sein oder dort bleiben? Die Zwickmühle, in der sich Gabi Bichler sieht, hätte noch vor kurzem niemand für möglich gehalten. „Eigentlich lebe ich mit meinem Lebensgefährten im Zillertal“, sagt sie. „Nun musste ich mich entscheiden, ob ich die nächsten Wochen bei meiner Familie in Kiefersfelden oder bei meinem Partner im Zillertal sein will.“ Schwierig sei das, „aber meine Familie braucht mich momentan dringender“.

Keine Kunden aus Tirol

Für manche Menschen gehen die Probleme übers Private hinaus. Hartmut Dünkel von der Kieferer Möblstubn hat viele Kunden aus Tirol. „Bis gestern habe ich noch alles ins Nachbarland geliefert, was möglich war. Sollte sich die Grenzschließung über längere Zeit hinziehen, muss ich über Kurzarbeit oder gar Reduzierung meines Personals nachdenken.“

Die Tafel stellt den Dienst ein

Benno Steinbrecher aus Brannenburg wiederum ist Reiseunternehmer. „Zur Zeit haben wir gerade noch einen Bus auf der Straße“, sagt er, „im Liniendienst.“ Er überlegt bereits, einen Kredit aufzunehmen, um die Einbrüche abzufangen und seine Mitarbeiter zu halten. Schweren Herzens hat Steinbrecher als Vorsitzender der Brannenburger Tafel die Ausgabe von Lebensmitteln an Bedürftige eingestellt. Die Regale seien eh leer, „Und meine Mitarbeiter bei der Tafel sind zwischen 70 und 80, die darf ich nicht gefährden.“

So ruhig, wie man sich‘s gewünscht hat

Handel und Wandel sind heruntergefahren. In Kiefersfelden ist es „so ruhig, wie wir uns das eigentlich einmal wünschen würden“, wie Bürgermeister Hajo Gruber sagt. Kaum Verkehr, keine Parkplatznot, mancher Einheimischer sieht seine Nerven geschont. Stefanie Müller aus Mühlbach etwa ist „noch nie so entspannt zum Einkaufen gekommen als heute“.

Strenge Maßnahmen? Die Menschen sehen‘s ein

Davon mal abgesehen, sieht Hajo Gruber im Ausnahmezustand den „größten Eingriff, den ich in meiner Lebenszeit erlebt habe“. Damit verbindet sich bei ihm aber auch die Hoffnung auf Einsicht und ein neues Gefühl der Solidarität. „Die Leute sind bereit, wichtige Entscheidungen mitzutragen“, sagt er, „die Menschen erkennen den Ernst der Lage“. Es gab eine Zeit vor Corona. Wie die Zeit mit Corona und die danach aussehen wird, weiß noch niemand so recht. Die strengen Beschränkungen könnten länger andauern, schwant es Gruber. „Aber wenn das dazu führt, dass es weniger Tote gibt, ist es in Ordnung.“

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