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Fragen an Unwetter-Spezialisten

Gibt es mehr Gewitter in der Region als früher? Die Antwort der Experten überrascht

Auch über die Berge fliegen die Rosenheimer Hagelflieger, um Wolken mit Silberjodid gegen Hagel zu impfen.
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Auch über die Berge fliegen die Rosenheimer Hagelflieger, um Wolken mit Silberjodid gegen Hagel zu impfen.
  • VonPaula Trautmann
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Zwei Wetterexperten und ein Hagelpilot klären, ob Unwetter in der Rosenheimer Region in den vergangenen Jahren zugenommen haben.

Rosenheim – Der Himmel verdunkelt sich. Ein Blitz jagt den nächsten. Die Wolken platzen beinahe vor Feuchtigkeit und ergießen sich schließlich über die Stadt, umliegende Dörfer und Felder. Auf den Straßen bilden sich Ströme, der Regen bringt Gullys und Flüsse zum Überlaufen, Hagelkörner zerschlagen Fenster oder das Getreide der Bauern. Unwetter können einen Schaden für Mensch und Umwelt anrichten. Doch gibt es in der Region mehr Gewitter und Hagel als in den vergangenen Jahren? Eine Frage, die nicht leicht zu beantworten ist.

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Hagel nur vereinzelt dokumentiert

Tanja Winterrath ist in der Abteilung Hydrometeorologie des Deutschen Wetterdienstes (DWD) tätig. Sie forscht zu Starkniederschlägen. „Hagel und Gewitter sind sehr schwierige Themen“, sagt die Expertin. Weil Hagel nur sehr selten auftrete, werde er vom DWD derzeit nicht automatisch gemessen. Es habe in der Vergangenheit vereinzelte Beobachtungen an Stationen gegeben. Diese seien jedoch bei Weitem nicht ausreichend, um klimatologische Aussagen zu treffen.

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Die Hagelabwehr startet früher im Jahr

Zahlen zu Hagelschauern im Landkreis hat auch Georg Vogl, Einsatzleiter der Rosenheimer Hagelabwehr, nicht. Allerdings wisse er, wie viele Einsätze er und seine Kollegen pro Jahr fliegen: „Man glaubt es kaum, aber es ist keine Veränderung zu erkennen.“ Zwei Dinge hätten sich jedoch verändert. Aufgrund der zunehmenden Klimaerwärmung gewittere es zwei bis vier Wochen eher. Statt Mitte Mai müssten die Hagelflieger schon ab Mitte April einsatzbereit sein. Offiziell dauert eine Saison von Mai bis September.

„Fast monsunartige Regenfälle“

Heuer sei ein „Ausnahmejahr“, weil es im Frühjahr sehr kalt gewesen sei. Auch jetzt liege noch viel Schnee in den Bergen, was das Unwettergeschehen im Alpenvorland dämpfe. Im Sommer führe der Schnee dann zu mehr Feuchtigkeit in der Luft und mehr Wasser in den Wolken. Dadurch steigere sich die Niederschlagsmenge, und es stärkere Gewitter – die zweite Veränderung.

Einen solchen Starkregen kennt Vogl aus dem Bereich südlich des Alpenhauptkamms. „Wir kommen jetzt auch schön langsam in diese Kategorie, dass es fast monsunartige Regenfälle gibt“, sagt der Pilot. Die Abflusssysteme seien nur auf bestimmte Niederschlagsmengen ausgelegt und deshalb teilweise überfordert. Die Folge: überlaufende Gullys und Überschwemmungen.

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Gewitter der Warnstufe drei zählen in die Statistik

Doch wie oft gewittert es überhaupt? Zahlen dazu liefert eine DWD-Statistik. Die Aufzeichnungen begannen 2001, weil der Wetterdienst das letzte Radar erst im vorigen Sommer installiert hatte. „Somit hat sich das flächendeckende Wetternetz für Deutschland geschlossen“, sagt Winterrath.

In die Statistik zählt ein Gewitter nur ab einer amtlichen Unwetterwarnung der Stufe drei. Laut DWD-Website bedeute das eine sehr gefährliche Wetterentwicklung mit potenziellen Schäden. Wie in ganz Deutschland hat es laut Winterrath 2018 auch im Landkreis Rosenheim außergewöhnlich viele Gewitter gegeben – insgesamt 30. Mehr gewitterte es nur 2020 mit 32 Warnungen und am wenigsten 2001 mit fünf Warnungen. „Ansonsten schwanken die Zahlen“, sagt die Expertin. Durchschnittlich krachte es 16-mal im Jahr.

Ein Trend ist nicht erkennbar

Schwankungen bestätigt Guido Wolz vom DWD, auch für ganz Deutschland. Die Gewittertage würden beträchtlich variieren, es gebe keinen Trend. „Die Gewitteraktivität geht sogar eher zurück“, meint der Experte. Der Eindruck, dass es mehr Unwetter gebe, sei also ein Trugschluss. In Deutschland sei aber ein Nord-Süd-Gefälle festzustellen: „In Baden-Württemberg und Bayern gibt es die meisten Gewitter.“ Im Freistaat vor allem in Richtung Alpenvorland und Alpen.

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Droht ein Gewitter, starten oftmals die Hagelflieger. „Einen Wolken- oder Gewitterturm muss man sich als riesige Waschtrommel mit Auf- und Abwinden vorstellen“, sagt Hagelpilot Vogl. Tropfen würden darin umhergewirbelt und stießen mit anderen Teilchen zusammen. Wenn es sich dabei um eine Schneeflocke, ein Graupel- oder Hagelkorn handele, würden sie sich anlagern und sofort gefrieren. Durch die Aufwinde werde Wasser von unten zugeführt, wodurch große Hagelkörner entstünden.

Konkurrenz um die Feuchtigkeit

Um Schäden an Autos, Fassaden, in Landwirtschaft, Natur und sogar den Tod von Tieren zu vermeiden, impfe die Hagelabwehr die Wolken mit Silberjodid. Dadurch erhöhe sich die Konkurrenz um die Feuchtigkeit in der Wolke. Im Idealfall entstünden dann viele kleine Hagel- und Graupelkörner, die abschmelzen, bevor sie zu Boden fallen.

Der Kampf gegen die Wolke

Vogl schätzt, dass seine Truppe 60 bis 70 Prozent der Unwetter einer Saison verhindere. „Der richtige Zeitpunkt ist die Achillesferse.“ Denn rotz Unterstützung durch High-Tech-Geräte und Apps verlaufe jedes Gewitter anders. Die Piloten bräuchten eine Menge Erfahrung und das richtige Gespür. Neuzugänge müssten deshalb eine Saison in Begleitung fliegen – um zu lernen. Vogl ist bisher über 2000 Stunden für die Hagelabwehr geflogen. Bereits seit 1980 ist er dabei. Spannend sei ein Flug immer, so der Pilot: „Es ist ein Kampf mit der Gewitterwolke.“

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