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Corona-Pandemie in der Region

Gesundheitsamtsleiter Hierl sauer über Impfverweigerer: „Für Herdenimmunität sehe ich schwarz“

 Dr. Wolfgang Hierl, Leiter des Staatlichen Gesundheitsamtes Rosenheim
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 Dr. Wolfgang Hierl, Leiter des Staatlichen Gesundheitsamtes Rosenheim
  • Michael Weiser
    VonMichael Weiser
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Erwachsene haben eine Verpflichtung gegenüber den Kindern, die unter den Beschränkungen der Corona-Pandemie besonders gelitten haben. Das findet Dr. Wolfgang Hierl, Leiter des Gesundheitsamts Rosenheim. Der nachlassende Impf-Eifer macht ihn nachdenklich. Auch, weil er neues Ungemach kommen sieht.

Fühlen Sie sich manchmal wie der Rufer in der Wüste?

Dr. Wolfgang Hierl (lacht):Ja, manchmal durchaus. Es ist doch wirklich so, dass ich immer wieder mahne und warne, und machmal fragt man sich, registrieren das auch alle noch?

Die Delta-Variante könnte Ihnen Aufmerksamkeit verschaffen. Macht die Ihnen ebenso Sorgen wie andern Experten?

Hierl:Wir beim Gesundheitsamt machen uns Sorgen, weil wir sehen, welch unglaubliche Dynamik damit verbunden ist. Wir haben bislang nur wenige bestätgte Fälle, was aber auch damit zusammenhängt, dass das Laborverfahren sehr aufwendig ist. Das ist ähnlich wie bei der britischen Variante, da war zunächst Sequenzierung vorgeschrierben, und erst nach Einführung variantenspezifischer PCR-Tests gingen die Zahlen nach oben.

Mit welchen Gefühlen schauen Sie gerade Fußball an?

Hierl: Am Dienstag habe ich mir neben dem Spiel (England gegen Deutschland, Anm. der Red.) sehr genau die Zuschauer angeschaut. Und da trug niemand eine Maske. Insofern halte ich die Art und Weise, wie die EM in vielen Stadien ausgetragen wird, für unverantwortlich. Und mit der Meinung bin ich nicht allein. Masken werden weitgehend nicht getragen, Abstände nicht eingehalten, ich sehe keine Hygienekonzepte, die funktionieren. Selbst wenn es so wäre, dass die Menschen im Stadion Maske tragen, dann gäbe es immer noch die Situationen vor und nach dem Spiel.

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Wie man speziell aus Ungarn hörte.

Hierl: Von Budapest habe ich gelesen, dass Fan-Märsche mit 20 000 Teilnehmern nicht unterbunden worden sind. Die Menschen schreien, singen, weinen zusammen, und das auch noch im Bereich der Aufzüge, oder in Logen und Treppenhäusern der Stadien, Bereichen also, die schlecht belüftet sind. 45 000 oder 60 000 Menschen im Finale, oder auch Budapest mit 60.000 - das ist unverantwortlich. Übertragungen werden sehenden Auges in Kauf genommen.

Treibhaus fürs Corona-Virus: Die Fußball-EM könnte sich als neuer Pandemietreiber erweisen. Foto dpa

Erste Belege dafür gibt es bereits.

Hierl:Ja, bei finnischen Fans haben wir erste Ausbrüche erlebt. Da wurden nach Besuch der Spiele in St. Petersburg 86 Menschen positiv getestet. Wir gehen fest davon aus, dass weitere Infektionen mit nach Hause gebracht werden.

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Und dann könnte das Wort Superspreader wieder in Mode kommen...

Hierl: Die gibt es natürlich, die Menschen, die ungleich mehr anstecken als andere. Wir sehen aber, dass die Übertragbarkeit von Delta so hoch ist, die Dynamik so groß, dass es auf die Superspreader wahrscheinlich nicht mehr ankommt. Da ist jeder ein Superspreader. Die Infektiosität ist deutlich höher als bei Alpha oder dem Wildtypen. Schon in normalen Settings marschiert das durch - wie wir im Internat in Neubeuern gesehen haben.

Wie will man die Reisenden kontrollieren? Es gibt bereits europäische Länder, in denen Delta grassiert.

Hierl: Ich habe keine Vorstellung. Da sind wir abhängig von den Vorgaben seitens des Ministeriums. Letztes Jahr sind wir auch sehr kurzfristig informiert worden, dass Teststationen aufgebaut werden müssen. Aber Teststationen sind diesmal offenbar ohnehin nicht geplant. Jedenfalls ist die Kontrolle Sache des Bundes. Da komme ich von Deja vu zu Deja vu-Erlebnis, es wiederholt sich vieles vom vergangenen Jahr. Die Reiserückkehrer werden Infektionen mitbringen. Wie vergangenes Jahr, als sie teilweise 80 Prozent der positiven Fälle in der Stadt ausmachten. Und solche Zahlen werden wir auch wieder bekommen.

Um so besorgniserregender, dass die Impfbereitschaft nachlässt.

Hierl: Wir haben 150 000 Erstimpfungen durch das Impfzentrum, Haus- und Allgemeinärzte sowie Betriebsärze. 46 Prozent der Gesamtbevölkerung der Region sind erstgeimpft, in Bayern sind es sogar 51,3 Prozent. Das ist ein großer Erfolg, da muss man dem großen Einsatz vieler Menschen danken. Aber nun kommt das große Aber: Die Impfungen der priorisierten Gruppen sind weitgehend durch. Und die Nachfrage nach Erstimpfungen geht zurück. Nicht nur in unserer Gegend, allgemein im Freistaat ist das so. Deswegen rufen wir zunehmend auf, sich impfen zu lassen. Die 50-Prozent-Marke knacken wir, vielleicht sogar die 60 Prozent. Weitere Prozentpünktchen aber, die werden schwierig, die 70, bei der Delta-Variante besser 80 Prozent, die wir für Herdenimmunität bräuchten. Da sehe ich extrem schwarz.

Viele Menschen gehen offenbar davon aus, bereits nach einer Impfung geschützt zu sein.

Hierl: Bei den anderen Varianten hat man einen gewissen Schutz nach der ersten Dosis. Bei Delta ist das anders. Da ist das Schutzniveau der ersten Impfung klar unter dem bei der Alpha-Variante. Man muss sich zwingend zweimal impfen lassen, um hohes Schutzniveau zu haben. Wenn ich die zweite Impfung habe, dann habe ich auch bei Delta - und das ist doch eine gute Nachricht - einen guten Schutz vor einem schweren Verlauf.

Die Risiken der Impfung werden vielfach überschätzt. Liegt es daran?

Hierl:Ja, leider. Aber so stolpern wir von einer Welle in die nächste. Jetzt ist Sommer, jetzt ist der Schalter bei vielen Menschen umgelegt, Corona ist kein Thema mehr. Wahrscheinlich kommt das Erwachen erst mit Ansteigen der Fallzahlen - wenn dann jemand im Familien- oder Freundeskreis unerwartet so schwer erkrankt, dass er auf eine Intensivstation kommt. Oder wenn jemand aus dem Bekantenkreis an Long Covid leidet. Vielleicht kommt dann das Erwachen.

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Wären Sie für eine Impfpflicht?

Hierl: Kinder haben massiv gelitten. Insofern denke ich, dass wir Erwachsene eine moralische Verpfichtung haben, ein bisschen was zurückzugeben damit, dass wir uns impfen lassen. Damit Kinder und Jugendliche, die noch nicht geimpft werden können, geschützt sind. Wenn sich da noch immer Erwachsene weigern, dann macht mich das wütend. Wir haben auch eine gesellschaftliche Verpflichtung, uns impfen zu lassen. Aber ich bin klar gegen eine gesetzliche Impfpflicht.

Was halten Sie von der Lockerung der Maskenpflicht an den Schulen?

Hierl:Ich habe kürzlich bei Prof. Drosten gehört, dass Großbritannien uns bei Delta ca. eineinhalb Monate voraus sei. Und dort wurde es vornehmelich in den Schulumgebungen übertragen, dann auf junge Erwachsene im Freizeit- und Gastrobereich. Masken sind ein effektives Mittel, um Übertragungen einzuschränken. Das ist hinreichend belegt. Mir kommen viele Klagen ans Ohr, und ich kann verstehen, wenn Eltern besorgt sind - aber ich muss sagen, wir haben fast kein wirksameres Mittel in dieser Altersklasse. Insofern sieht man es mit Sorge, wenn das Tragen der Maske abgebaut werden soll. Sollte sich die Delta-Variante in den Schulen vermehrt ausbreiten, dann würde ich dafür plädieren, die Maskenpflicht wieder zu verschärfen.

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