Was geschah mit Max Lindner (19) aus Frasdorf? Ungeklärte Schicksale treiben DRK bis heute um

Unterlagen aus 75 Jahren: Über 50 Millionen Karteikarten lagerten in den Archiven des DRK-Suchdienstes in der Chiemgaustraße in München. Weit über zehn Jahre brauchte es, bis alle verscannt waren und den Sachbearbeiterinnen wie Renate Strobl jetzt digital zur Verfügung stehen. reh, re

Max Lindner aus Frasdorf war 19 Jahre alt, als er in einen sinnlosen Krieg nach Russland geschickt wurde. Sein Schicksal ist bis heute ungeklärt. Wie das unzähliger anderer Männer auch. Noch bis 2023 versucht der DRK-Suchdienst, derartige Vermisstenfälle zu lösen.

Rosenheim – Die Suche nach Kriegsvermissten endet bald: Ende 2023 wird die vom Bund finanzierte Aufgabe des DRK-Suchdienstes 78 Jahre nach Kriegsende eingestellt werden. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gab es von Millionen Vätern und Söhnen kein Lebens- und kein Todeszeichen – auch im Raum Rosenheim.

Umfangreiche Unterlagen

Der Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes machte sich auf die schwierige Suche nach den Verschollenen der Kriegsschauplätze in ganz Europa. Sie dauert bis heute an. Zwei Jahre bleiben den Angehörigen vermisster Soldaten noch, ihre Anfragen an den Suchdienst zu richten. Zwei Jahre können die Sachbearbeiterinnen in der Chiemgaustraße in München-Giesing mit Hilfe ihrer umfangreichen Unterlagen noch Auskunft zum Schicksal der Kriegsvermissten geben.

Mutter Emilie sucht vergeblich nach Max

Der Jäger Max Lindner war erst 19 Jahre alt, als er mit der 13. Kompanie des Jägerregiments 204 der 97. Jägerdivision nach Südrußland kam. Er sollte nie in seinen Heimatort Frasdorf zurückkehren. Seine Mutter Emilie suchte vergeblich nach ihm.

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Alles, was ihr blieb, war ein Gutachten mit dem Ergebnis: Ihr Sohn war wahrscheinlich gefallen – wie so viele mit ihm. „Wenn auf den langen Märschen durch den Schnee jemand liegen blieb, dann blieb der liegen“, sagt Heinrich Rehberg aus Frasdorf, ehemaliger Leiter des DRK-Suchdienstes in München. Der Suchdienst hat das Gutachten für Max Lindner erstellt – wie für Millionen Andere.

Rund 150 000 deutsche Soldaten starben nach Schätzungen des Deutschen Historischen Museums bei Kämpfen im Kessel von Stalingrad oder kamen durch Kälte oder Hunger um. Weitere 91 000 gerieten in Kriegsgefangenschaft. Zurück nach Hause kamen nur 6000. „Das war unvorstellbar damals für die Leute, dass keiner von diesen vielen jungen Männern mehr heimkommen wird“, sagt Rehberg. „Aber wenn man sich die Bilder aus Stalingrad anschaut, muss man sich eigentlich eher wundern, dass überhaupt jemand zurückgekommen ist.“ 1955 kamen die letzten Stalingrader wieder nach Deutschland, danach kam niemand mehr. „All die Mütter, die diese Soldaten aufgezogen haben, die hatten eigentlich etwas anderes vor mit ihren Kindern, als sie am Rande von Europa, da, wo Asien beginnt, für eine Ideologie zu opfern.“

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Und so suchten Mütter, Väter, Ehefrauen und Kinder – verzweifelt und oft jahrelang – bis heute. Der Suchdienst half ihnen dabei. „Je teurer uns ein Mensch gewesen ist, umso tiefer würden wir ihn verleugnen, wenn wir uns weigerten, an der letzten und gewaltigsten Erschütterung seines Daseins, so wie sie wirklich war, teilzunehmen“, steht heute an einer Wand im Eingangsbereich der DRK-Suchdienst-Zentrale in München.

Schon 1945 nahm der Dienst seine Arbeit auf und versuchte herauszufinden, wo vermisste Soldaten sich befanden und wer wo in Kriegsgefangenschaft geraten war. Im Jahr 1950 wurden alle Familien aufgerufen, ihre Vermissten zu melden. Plakate mit dem „Aufruf zur Registrierung der Kriegsgefangenen und Vermißten“ hingen überall in Deutschland.

Bereits 1950 über 2,5 Millionen Vermisste

Die Anzahl stieg nach der Erfassung zwischen dem 1. und 11. März 1950 auf 2,5 Millionen Vermisste. Der Suchdienst erfasste ihre Namen und Daten, druckte umfassende Bücher mit hunderttausenden Fotografien und legte diese allen Kriegsteilnehmern und Heimkehrern vor mit der Frage: „Hast Du ihn gesehen?“ Sechs Millionen Soldaten und Kriegsteilnehmer des Zweiten Weltkriegs wurden so befragt.

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Bis heute ist das Schicksal der Hälfte aller deutschen Soldaten in Stalingrad dennoch ungeklärt. „Die sind verdorben und gestorben“, sagt Rehberg und zeigt das Bild eines Leichenberges nach der Schlacht. „Darunter hat niemand mehr nachgeschaut. Wer sollte dort noch jemanden finden?“

Zwölf Jahre digitalisiert

Weit über 50 Millionen Karteikarten lagerten bis vor wenigen Jahren in den Archiven des Suchdienstes in München. Mehr als zwölf Jahre waren notwendig, um sie alle zu digitalisieren. Jetzt können die Sachbearbeiter alle in den letzten 75 Jahren entstandenen Unterlagen am Computer vergleichen, können ähnlich gelagerte Schicksale herbeiholen und können zusätzlich in den Unterlagen aus den Archiven Russlands nachforschen. Die gescannten Karteikarten erzählen auch nach 75 Jahren noch die Lebensgeschichten von Millionen Menschen, darunter allein 300000 Müllers und 300 000 Schmidts.

Auch die Geschichte von Florian Dietz ist dort dokumentiert. Mit Anfang 20 geriet er in Stalingrad in Kriegsgefangenschaft, erst nach fünf Jahren, zu Weihnachten 1948, kehrte er in seinen Heimatort in der Nähe von Bad Aibling zurück. „Das waren dann diese großen Überraschungen“, sagt Rehberg. „Weil die Familie den Heimkehrer meistens gar nicht wiedererkannt hat.“

Fundstücke aus Moskau

Heute gibt es noch 1,2 Millionen ungelöste Fälle, sagt Rehberg. Darunter zahlreiche aus Stalingrad. Der DRK-Suchdienst hat die Hoffnung, dass in den beiden letzten Jahren noch viele weitere geklärt werden können. Denn in den 90er-Jahren hat der Suchdienst in den Archiven in Moskau einen großen Schatz gefunden. „Plötzlich haben uns die Russen in die Bücher schauen lassen, wir erhielten Einblick in die Kriegsgefangenenakten, die vom Beginn der Kriegsgefangenschaft bis zur Entlassung penibel geführt wurden“.

Datensätze weitergeleitet

Etwa fünf Millionen Datensätze zu rund drei Millionen deutschen Kriegsgefangenen in Russland kamen auf Datenträgern nach München. Tausende sind schon an die letzten überlebenden Soldaten oder an ihre Familien weitergeleitet worden.

Im Alter von über 90 Jahren halten sie den Fragebogen in der Hand, der über sie damals in russischer Gefangenschaft angelegt wurde. „Die Reaktion ist Entsetzen, Freude, alles. Viele sagen, sie könnten nun endlich damit abschließen.“ Das Schicksal von rund 800 000 Verschollenen aber, so schätzt Heinrich Rehberg, wird sich nie mehr aufklären lassen.

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