Gegen den Hunger

Georg Heymell aus Rosenheim arbeitete 30 Jahre für diesjährigen Friedensnobelpreisträger

Georg Heymell und seine Ehefrau Victoria sind seit vier Jahren Rosenheimer. Vor seinem Ruhestand hat Heymell 30 Jahre lang für das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen gearbeitet.
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Georg Heymell und seine Ehefrau Victoria sind seit vier Jahren Rosenheimer. Vor seinem Ruhestand hat Heymell 30 Jahre lang für das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen gearbeitet.
  • Alexandra Schöne
    vonAlexandra Schöne
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Das Welternährungsprogramm (WFP) der Vereinten Nationen hat den Friedensnobelpreis gewonnen. Der Rosenheimer Georg Heymell hat viele Jahre für das WFP gearbeitet. Er hat in Krisengebieten auf vier Kontinenten gelebt. Was hat ihn angetrieben?

Rosenheim – Georg Heymell ist ein Mann, der offen erzählt. Über sein Leben, seine Kinder und das, was ihn geprägt hat. Er hat 30 Jahre lang für das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen gearbeitet. Er hat viel erlebt. Immer an seiner Seite: Ehefrau Victoria. Sie kommt ursprünglich aus Neuseeland. Dass die beiden zusammen gehören, sieht man sofort. Und das ist nicht nur seit vielen Jahren privat so, sondern auch beinahe so lang im beruflichen Leben.

Kennengelernt im afrikanischen Mali

Sie haben sich im afrikanischen Mali kennengelernt, wo beide stationiert waren. Georg Heymell für das WFP, seine Frau Victoria für die FAO, die Welternährungsorganisation der UN. Das war im Jahr 1986. Georg Heymell hatte in Afrika seinen ersten Einsatz. Davor hat er Volkswirtschaft studiert, mit Schwerpunkt auf Entwicklungspolitik. Dann hat er sich beim WFP beworben. „Ich wollte versuchen, einen Ausgleich zu den Ungerechtigkeiten in der Welt zu schaffen“, sagt Georg Heymell.

Und das hat er sein halbes Leben, in Afrika, Asien, Südamerika und Europa. Wo immer er hingegangen ist, hat ihn seine Frau Victoria begleitet. Zusammen hätten sie meistens die Sprache des jeweiligen Landes gelernt. Georg Heymell spricht Englisch, Italienisch, Spanisch und Portugiesisch fließend. „Um sich mit den Einheimischen besser zu verständigen“, sagt er.

Nahrungsmittel in Vietnam beschafft

Seine Einsatzgebiete waren vielfältig. In Vietnam beschaffte er Nahrungsmittel, konzipierte Bewässerungssysteme und betreute Deichbauten. In Afghanistan organisierte er Projekte für afghanischen Flüchtlinge, die vor den Kämpfen in ihrem Heimatland nach Pakistan geflohen waren.

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Es war ein anstrengender Beruf, sagt Georg Heymell. So anstrengend, dass er während eines Einsatzes in Haiti 2014 ein Burnout bekam. Zwei Jahre später ist er mit 58 Jahren in den Ruhestand gegangen. Die vielen Jahre auf unterschiedlichen Kontinenten hätten Spuren hinterlassen, vor allem bei der Gesundheit. Malaria, Gelbsucht, Amöben im Körper. All das hat der 62-Jährige durchgemacht. „Ich habe irgendwann gemerkt, dass es besser ist, aufzuhören. Aber das war zuerst schwer zu akzeptieren“, sagt er.

Beide Söhne sind in Neuseeland geboren

Mit seiner Frau hat er sich anschließend in Rosenheim niedergelassen. Er hat zwei erwachsene Söhne. Beide Kinder sind in Neuseeland geboren. Seine Frau ist für beide Geburten in ihr Heimatland geflogen. „In Vietnam gab es damals keine vernünftigen Krankenhäuser. Es war unglaublich“, erzählt Victoria Heymell. Ihr Mann ist ihr nachgereist. „Bei der zweiten Geburt war es knapp, aber ich habe es noch geschafft“, sagt er und schmunzelt. Aus heutiger Sicht ein Abenteuer, gibt er zu.

Mit seiner Frau Victoria und seinen beiden Söhnen hat Georg Heymell 2002 in Swaziland gelebt.

Seine Söhne haben sowohl den neuseeländischen als auch den deutschen Reisepass. Aber zu sagen, wo ihre Heimat und ihre Wurzeln sind, sei für beide immer schwer gewesen. Georg Heymell und seiner Frau gehe es ähnlich. Der Begriff der Heimat sei nicht so wichtig für sie. „Wir waren so viele Jahre unterwegs und haben uns überall zurechtgefunden.“ Andererseits fehle ihnen das: eine einzige Heimat, in die sie immer wieder zurückkehren.

„Ich wollte einfach raus“

Ändern wollte Georg Heymell sein Leben deswegen nicht. Es hat ihn nie groß gestört, alle zwei bis vier Jahre sein Leben zusammenzupacken. Er ist in der Nähe von Kassel groß geworden und sagt: „Das war mir immer zu eng. Ich wollte einfach raus.“ Mit seinem Fernweh war er beim WFP richtig. Denn dort komme man viel rum, müsse flexibel sein. „Aber man muss auch bereit sein, in allen möglichen schwierigen Lagen zu arbeiten und zu leben.“

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So wie Angola im Jahr 1998. Dort herrschte damals Bürgerkrieg. Eine gefährliche Zeit, sagt Georg Heymell. Er sei dort viel in den Provinzen unterwegs gewesen, wo Rebellen das Sagen hatten. Seine Kollegen und er konnten dort nicht mit dem Auto fahren, sondern mussten Flugzeuge benutzen. Und das auch nur in einer Höhe von 3000 Metern, wegen der Reichweite der Boden-Luft-Raketen der Rebellen. „Es war hart“, sagt er nachdenklich. „Während dieses Einsatzes habe ich mehrere Kollegen verloren.“

Das Büro von Georg Heymell in Haitis Hauptstadt Port-au-Prince befand sich in Hilfscontainern am Flughafen.

„WFP ist wie eine große Familie“

Es waren Erlebnisse, die den 62-Jährigen geprägt haben. Was er mitgenommen hat? Er überlegt kurz, sucht nach den richtigen Worten. Die Leidensfähigkeit der Menschen in armen Ländern, sagt er. „Sie können unheimlich viel zu verkraften. Und doch erheben sie sich immer wieder darüber und haben ein Lächeln für dich übrig.“

Darüber hinaus sind ihm die Menschen aus den vielen Kulturkreisen wichtig, die er in all den Jahren kennengelernt hat. Die er bis heute Freunde nennt, auf die er sich verlassen kann. Seine Frau Victoria ergänzt: „Bei WFP ist es wie eine große Familie.“ Eine Familie mit 20 000 Mitgliedern, die jeden Tag gegen den Hunger kämpft.

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