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„Brauchen breit angelegtes Risikomanagement“

Genaue Vorhersagen unmöglich: Chef des Rosenheimer Wasserwirtschaftsamts warnt vor Sturzfluten

Aufräumen nach dem Hochwasser: Den Ort Götting traf es bei den jüngsten Unwettern besonders hart.
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Aufräumen nach dem Hochwasser: Den Ort Götting traf es bei den jüngsten Unwettern besonders hart.
  • Jens Kirschner
    VonJens Kirschner
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Im Juli hat Tobias Hafner die Leitung des Rosenheimer Wasserwirtschaftsamts übernommen. Schon zum Monatsende sah er sich mit ersten Hochwassereignissen in der Region konfrontiert. Viel Hoffnung, dass das Einzugsgebiet seines Amtes von derartigen Vorfällen in Zukunft verschont bleibt, hat er nicht.

Rosenheim – Die Unwetter der vergangenen Wochen sorgten an einigen Stellen der Region für große Schäden. Den Ort Götting hat es dabei besonders hart getroffen. Mit den neuen Leiter des Rosenheimer Wasserwirtschaftsamtes, Dr. Tobias Hafner, sprachen die OVB-Heimatzeitungen über Möglichkeiten, solchen Ereignisse zu begegnen und welche Vorkehrungen gegen allzu großen Schäden helfen.

Teilen Sie die Auffassung vieler Meteorologen, die fordern, auch bei Orten mit kleineren Gewässern den Hochwasserschutz auszubauen, nicht nur in großen Metropolen?

Hafner: Das hat überhaupt nichts mit großen oder kleinen Gewässern zu tun. Kleine Bäche und große Flüsse haben unterschiedliche Niederschlagsereignisse, die zur Katastrophe führen können, und besitzen einen ganz unterschiedlichen „Charakter“. Je kleiner ein Bach ist, desto kürzer ist zum Beispiel die mögliche Vorwarnzeit.

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Denken Sie an unsere Wildbäche. Eines der Phänomene, die uns im Zusammenhang mit dem Klimawandel begegnen, sind Sturzfluten: wenn der Niederschlag mit einer großen Wassermenge nicht innerhalb von zwei Stunden fällt, sondern innerhalb von 15 Minuten. Dies bringt kleine Bäche, aber häufig auch die Kanalisation, zum Überlaufen.

Gehen sie davon aus, dass Ereignisse wie jüngst in Götting zunehmen oder resultiert die Aufregung aus der medialen Aufmerksamkeit durch die Geschehnisse in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz?

Hafner: Schon im Jahr 2004 hat man die Bemessungsansätze in Bayern mit Blick auf den Klimawandel hochgeschraubt und gesagt: „Egal, welche Region – wir legen beim Hochwasserschutz noch mal 15 Prozent auf den Bemessungsabfluss drauf.“

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Wir haben aber auch Überschwemmungen, die überhaupt nicht von Gewässern ausgehen. Das sind flächige Wasserabflüsse – sogenanntes „wild abfließendes Wasser“ – die über die Straße oder Wiesen laufen, aufgrund von kurzen heftigen Niederschlägen. Diese Niederschlagszellen sind von der Ausdehnung häufig so klein, dass die Keller in einer Gemeinde unter Wasser stehen und in der Nachbargemeinde passiert nichts.

Was kann man hiergegen tun?

Hafner: Vor solch kleinen Wetter-Zellen kann man zwar warnen, ob sie wirklich zur Katastrophe führen, hängt davon ab, wie die Wolken tatsächlich abregnen. Wenn die Menge in einer Stunde vom Himmel fällt, kommen sie eventuell mit einem blauen Auge davon.

Sind es nur 15 Minuten, kommt es zum Hochwasser. Eine exakte Vorhersage, um Stunden vorher schon den Keller auszuräumen, ist derzeit nicht möglich. Bei unseren großen Flüssen gelingt uns dies dagegen schon.

Gibt es überhaupt eine Möglichkeit eine generelle Vorsorge gegen solche Ereignisse zu treffen?

Hafner: Wir predigen schon lange, dass es neben technischen Hochwasserschutzmaßnahmen ein breit angelegtes Risikomanagement braucht. Es gibt einen Bereich, in dem wir Menschen in Sachen Risikomanagement perfekt sind: den Straßenverkehr.

Jedes Kind hat gelernt, wie es sich an Straßen zu verhalten hat, wir machen den Führerschein, wir wissen, was bei einem Unfall zu tun ist und haben Versicherungen.

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Selbstverständlich haben wir auch technische Maßnahmen im Auto – ABS-Systeme, Gurte, Airbags – und Ampeln regeln den Verkehr. Dieses Konglomerat sorgt dafür, dass wir mit dem Straßenverkehr umgehen können. Wenn man dies auf den Bereich Hochwasser-Sturzfluten überträgt, merkt man, dass hier Nachholbedarf besteht.

Inwiefern?

Hafner: Ein Beispiel sind „Handbreithäuser“. Oft reichen zehn Zentimeter Wasser, die in den Keller rauschen. Dann schwimmt der Öltank auf und man hat einen immensen Schaden. Die Anzahl dieser Handbreithäuser müssen wir reduzieren. Hier reichen relativ kleine Eingriffe, zum Beispiel erhöhte Lichtschächte.

Das bietet schon ein großes Mehr an Sicherheit. Und wenn die Feuerwehr nicht 30 Keller auspumpen muss, sondern nur 15, haben wir schon gewonnen. Wir sollten so unseren Einsatzkräften etwas den Rücken freihalten im Katastrophenfall.

Zieht man die Quintessenz aus Ihren Ausführungen bedeutet dies: Wir müssen lernen, mit solchen Hochwasserereignissen zu leben.

Hafner: Richtig, genauso wie mit dem Straßenverkehr. Das Risiko ist da. Aber wir können es reduzieren. In einen Keller, in dem Wasser einströmt, sollte keiner mehr sein Leben riskieren. Ein anderes Beispiel sind Versicherungen. Viele Autos sind teurer versichert als das eigene Haus.

Was aber auch voraussetzt, dass man eine Versicherung für derartige Schäden bekommt.

Hafner: Ich rede nicht von den Gebäuden in Hochrisikogebieten. Das sind vielleicht ein, zwei Prozent aller Häuser. Wenn für diese Gebäude die Gesellschaft aufkommt, um zu helfen, bringt uns das nicht um. Es geht um die vielen Hauseigentümer, die sich versichern können.

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Welche Projekte in der Region stehen bei Ihnen derzeit auf der Agenda?

Hafner: Es wird gerade ein Rückhaltebecken bei Feldolling gebaut. Wir bauen aber auch am Steinbach. Ein Projekt, bei dem man sieht, wir betreuen auch kleine Projekte. Wir bedienen uns immer Methoden aus einer Art Werkzeugkasten: rückhalten, umleiten, durchleiten.

Bei den Wildbächen haben wir es neben dem Wasser auch mit Holz und Geschiebe – Kies und Geröll – zu tun. Es ist immer ein Portfolio an verschiedenen Sachen.

Was konkret umfasst dieses Portfolio?

Hafner: Deiche, Mauern, Kiesfänge, Wildholzrechen, Deichrückverlegungen, Renaturierungen und Wasserrückhalte. Wir integrieren immer auch ökologische, aber auch soziale Aspekte, also, wie wichtig es für Menschen ist, sich in einer intakten Natur und damit auch am Gewässer aufhalten zu können.

Was sind die größten Herausforderungen für das Wasserwirtschaftsamt in den kommenden fünf Jahren?

Hafner: Eines sind sicher die Themen Starkniederschläge und Sturzfluten. Das Bewusstsein hierfür vor allem in die Fläche zu tragen. Überschwemmungen können auch abseits kleiner Bäche vorkommen. Das ist eine Herausforderung, auch im Blick auf unsere Beratungsleistungen. Daneben wird uns aber sicher auch die Trockenheit künftig verstärkt beschäftigen.

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Nach den jüngsten Ereignissen in Götting ist ja eine interkommunale Zusammenarbeit zwischen Götting und Irschenberg geplant. Inwieweit ist Ihre Behörde hier eingebunden?

Hafner: Bei den kommunalen Projekten haben wir verschiedene Funktionen. Das Erste ist die Beratung. Erst gestern hat sich zum Beispiel mein Stellvertreter mit dem Bürgermeister aus Bruckmühl zusammengesetzt. Zudem vergeben wir Fördermittel und prüfen die Pläne im wasserrechtlichen Verfahren. Wir sind somit auch Qualitätssicherer.

Sind solche Kooperationen sinnvoll?

Hafner: Definitiv. Wir ermutigen die Kommunen sogar und sagen bewusst: „Tut’s euch zusammen!“ Die Gemeindegrenzen und die Einzugsgebiete der Flüsse sind schließlich nicht identisch. Zudem gibt es höhere Fördermittel, wenn sich Kommunen beim Hochwasserschutz zusammenschließen. Meistens kommt bei einer Kooperation die bessere und günstigere Lösung heraus.

Was können Kommunen in diesem Zusammenhang machen, um Hochwasserschutz zu betreiben, gerade solche, die eher an kleineren Gewässern liegen?

Hafner: Der erste Schritt ist immer die Gefährdungsermittlung. Auf Basis dieser kann man entsprechende Projekte planen, die künftige Siedlungsentwicklung anpassen und Verhaltensvorsorge treffen. Gerade bei kleinen Bächen kann man viel mit Rückhalt arbeiten. Auch Renaturierungen können helfen.

Was ich aus diesem Werkzeugkasten wähle, muss man im Einzelfall entscheiden. Dabei versuchen wir immer, jene Werkzeuge zu empfehlen, die multifunktional sind, also neben dem Hochwasserschutz auch einen ökologischen oder sozialen Mehrwert bieten.

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Haben Sie den Eindruck, dass die Kommunen in der Region bereits so in Sachen Hochwasser sensibilisiert sind, dass sie Ihre Angebote auch nutzen?

Hafner: Grundsätzlich ja. Klar, nach Hochwasserereignissen gibt es immer wieder Schübe. Natürlich muss man auch berücksichtigen, dass die einzelne Kommune noch eine Vielzahl anderer Zuständigkeiten hat. Das Thema Hochwasser muss in dieser Gemengelage auch reinpassen.

Fühlen Sie sich an dieser Stelle personell gut aufgestellt?

Hafner: Ich sagte Ja. Hochwasser ist inzwischen ein Thema in der Fläche, und wir müssen entsprechend viel mehr in die Fläche raus. Das ist personalintensiv. Ich kann nur sagen, dass wir unsere zugeteilten personellen und finanziellen Ressourcen priorisiert und vernünftig einsetzen.

Streitpunkt bei Bauprojekten ist auch immer wieder die Flächenversiegelung, welche verhindert, dass Wasser im Boden versickern kann. Bauen wir zu viel in die Breite?

Hafner: Neben Kohlendioxid und dem Klimawandel gibt es noch andere Aspekte, die den Wasserkreislauf beeinflussen. Unsere Landschaft hat sich in den vergangenen 50 bis 100 Jahren massiv verändert. Entsprechend den gesellschaftlichen Anforderungen haben wir Drainagen gelegt, Gewässer begradigt, wir haben eine permanent steigende Flächenversiegelung.

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Natürlich können Sie andere Flächen nachweisen, an denen das Wasser wieder versickert. Aber unter dem Strich bleibt eine versiegelte Fläche. Ich glaube, dass wir an dieser Stelle noch viel vorsichtiger sein müssen, wie wir unsere Landschaft neu formen.

Wir müssen uns ja nicht nur gegen Starkregen, sondern auch gegen Hitze und Trockenheit rüsten: ob mit Gründächern oder Rasengittersteinen. Denn was gegen den Starkniederschlag hilft, hilft oft auch gegen drückende Hitze.

Dr. Tobias Hafner.

Zur Person:

Tobias Hafner hat seit Juli die Leitung des Rosenheimer Wasserwirtschaftsamts inne. Der 44-Jährige kam in der Drei-Flüsse-Stadt Passau zur Welt. Aufgewachsen in Holzkirchen besuchte er die Schule in Tegernsee. In München studierte er auch Bauingenierwesen mit Schwerpunkten in Bauinformatik und Hydraulik.

Anschließend arbeitete er fünf Jahre am Lehrstuhl für Wasserbau und Wasserwirtschaft, wo er sich mit Simulationsmodellen beschäftigte. Er promovierte mit einer Dissertation zum Thema „Uferrückbau und eigendynamische Gewässerentwicklung. Am Wasserwirtschaftsamt München absolvierte er sein Referendariat für den höheren bautechnischen Dienst. Sein erster Einsatz im Staatsdienst war am Wasserwirtschaftsamt Deggendorf.

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