Tod auf dem Gefängnissportplatz in Bernau - 49-Jähriger vor dem Schwurgericht Traunstein

Wegen Totschlagsan einem 30 Jahre alten Mitgefangenen in der Justizvollzugsanstalt Bernau muss sich ein 49-jähriger Bulgare (hier mit einem seiner Verteidiger) drei Tage vor dem Schwurgericht Traunstein verantworten. Kretzmer
  • vonMonika Kretzmer-Diepold
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Zwei Gefangene der Justizvollzugsanstalt Bernau lagen schon einige Wochen in Streit. Die Situation eskalierte am 15. August 2019 während eines Volleyballturniers zwischen den Insassen verschiedener Häuser des Gefängnisses.

Traunstein/Bernau – Ein 30-jähriger Kroate erlitt bei der Rauferei tödliche Verletzungen. Ein 49-jähriger Bulgare muss sich seit gestern wegen Totschlags vor dem Schwurgericht Traunstein mit Vorsitzendem Richter Erich Fuchs verantworten. Der Prozess wird am heutigen Dienstag (26. Mai) und am 16. Juni, jeweils um 9 Uhr, fortgesetzt.

Mehrer Hunderte Personen auf dem Sportplatz

In dem Volleyballturnier am Feiertag Maria Himmelfahrt 2019 wollten sich Häftlinge aus drei „Häusern“, wie die verschiedenen Gebäude der JVA Bernau genannt werden, im sportlichen Wettkampf, ob Basketball oder Volleyball, messen. Mehrere hundert Männer, darunter viele Hofgänger, befanden sich auf dem Sportplatz, aber auch der Angeklagte und der Geschädigte, die früher mal kurze Zeit eine Zelle geteilt hatten.

Zwischenzeitlich waren sie sich nicht mehr grün. Worüber sie sich genau entzweit hatten, konnte die Kripo Rosenheim nicht ermitteln. Jedenfalls sollen massive gegenseitige Beleidigungen gefallen sein. Der Kriposachbearbeiter zitierte gestern Zeugen, die berichtet hatten, sollten die beiden Männer aufeinandertreffen, werde es „scheppern“.

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Gemäß Anklage von Staatsanwalt Dr. Oliver Mößner soll der 30-Jährige am 15. August 2019 gegen 13.20 Uhr niedergekniet sein, um sich die Schnürsenkel zu binden. Der Angeklagte soll bereits nach dem Kontrahenten gesucht haben. Als der Jüngere aufstand, soll er einen Faustschlag ins Gesicht bekommen haben. Der Getroffene schlug demnach zurück, gegenseitige Faustschläge folgten. Dabei stolperte der 30-Jährige und fiel hin. Folgt man dem Staatsanwalt, konnte der Gefangene wegen eines weiteren Faustschlags und nach Tritten des 49-Jährigen nicht wieder aufstehen. Durch einen gezielten Tritt von oben nach unten ins Gesicht des Jüngeren soll dessen leicht angehobener Kopf mit großer Wucht auf dem Asphalt aufgeprallt sein.

Siegerpose, nachdem der 30-Jährige am Boden lag

Der 30-Jährige wurde bewusstlos, verdrehte die Augen und bekam Krämpfe. Der 49-Jährige soll sich in Siegerpose neben den Schwerverletzten gestellt und dann entfernt haben. Möglicherweise soll er auch von anderen Gefangenen von dem Geschädigten weggezogen worden sein. Ein Notarzt konnte gegen 14 Uhr nach Angaben der Anklageschrift nur mehr den Tod des 30-Jährigen feststellen. Todesursächlich war ein zentrales Regulationsversagen infolge der Hirnverletzungen.

Lesen Sie auch: 30-Jähriger stirbt nach Auseinandersetzung mit 48-Jährigem in der JVA Bernau

Der Angeklagte äußerte sich gestern weder zu den Vorwürfen noch zu seiner Lebensgeschichte. Seine Verteidiger, Dr. Adam Ahmed und Dr. Timo Westermann, beide aus München, erklärten, es habe sich an jenem Tag eine Auseinandersetzung ereignet – die jedoch vom Geschädigten ausgegangen sei. Der Verlauf sei in der Anklage „nicht zutreffend“ geschildert. So habe es zum Beispiel „keine Siegerpose gegeben“.

Der Sachbearbeiter der Kripo Rosenheim informierte gestern, an die 25 Gefangene als Augenzeugen der Auseinandersetzung seien zum Tathergang vernommen worden. In der Vorgeschichte hätten angebliche Beleidigungen von türkischstämmigen Häftlingen durch den 49-Jährigen eine Rolle gespielt.

Der 30-Jährige sei gebeten worden, in dem Streit mäßigend auf den Bulgaren einzuwirken. Der Polizist betonte weiter, es habe eine gewisse Zeit gedauert, bis der Ernst der Situation auf dem Sportplatz erkannt worden sei. Nach etwa zehn Minuten sei der Anstaltssanitäter aus seinem weit entfernten Büro eingetroffen.

Erste Zeugen wurden gestern bereits gehört

Unter den ersten Zeugen waren gestern mehrere damalige Insassen der JVA Bernau. Ein 32-Jähriger bestätigte wechselseitige Beleidigungen der Kontrahenten ebenso wie Teile des angeklagten Geschehens. Er schränkte ein, nicht jede Einzelheit gesehen zu haben. Darauf berief sich auch ein 31-Jähriger. Er berichtete von ein bis zwei Schlägereien pro Monat auf dem Sportgelände. Ein anderer Häftling erinnerte sich an große Teil des mutmaßlichen Geschehens, beobachtete, wie sich der Angeklagte schnell und „mit suchendem Blick“ dem 30-Jährigen näherte.

Auch den letzten Tritt, durch den der Kopf des 30-Jährigen auf den Boden knallte, hatte der Zeuge gesehen. Angesichts dieser Worte rastete der Angeklagte aus und bezichtigte den Mann: „Du lügst. Sag die Wahrheit.“ Daraufhin ordnete das Schwurgericht fünf Minuten Pause an.

Die Prozessbeteiligten stellten allen Zeugen viele Fragen. Heute werden weitere in den Zeugenstand treten. In dem Prozess kommen mehrere Sachverständige zu Wort. Drei Nebenklagevertreter nehmen die Interessen von Angehörigen des verstorbenen 30-Jährigen wahr. Einer der Anwälte stellte in den Raum, dem 30-Jährigen sei zu spät geholfen worden.

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