Flüchtling sticht auf Asylpatin ein

Freundlich, bemüht und integrationswillig: So kannte man in Wasserburg Asylbewerber Boubacar M. (Name geändert). Doch dann stach er mit einem Messer auf eine junge Helferin ein. Morgen steht er vor Gericht.
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Freundlich, bemüht und integrationswillig: So kannte man in Wasserburg Asylbewerber Boubacar M. (Name geändert). Doch dann stach er mit einem Messer auf eine junge Helferin ein. Morgen steht er vor Gericht.
  • Ludwig Simeth
    vonLudwig Simeth
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Es ist ein Angriff aus dem Nichts: Ein junger Flüchtling umarmt in Wasserburg seine Asylpatin, zückt plötzlich ein Messer und sticht auf die 21-jährige Frau ein. Vier Monate ist der Mann aus Westafrika auf der Flucht, dann überreden ihn Betreuerinnen über Facebook, sich der Polizei zu stellen - ein Kriminalfall, der 2014 die Öffentlichkeit schockierte.

Jetzt steht der mutmaßliche Täter in Traunstein vor Gericht. Für die Staatsanwaltschaft war die Messer-Attacke ein Mordversuch.

Wasserburg - Viele Flüchtlinge aus Afrika haben schlimme Erfahrungen in ihrer Heimat gemacht. Umso dankbarer sind sie den Menschen in Deutschland, die sich um sie kümmern. Umarmungen als Begrüßungsritual zwischen Asylbewerbern und Asylpaten sind deshalb keine Seltenheit.

So war es auch bei Boubacar M. (Name geändert), der ohne Pass aus Mali nach Bayern geflüchtet war. Doch diese Nähe zu ihrem Schützling wurde einer jungen Frau aus Soyen, die sich im Wasserburger Helferkreis für Flüchtlinge engagierte, am 15. August 2014 zum Verhängnis.

Es war 17.45 Uhr, als sie ein Asylbewerberhaus in Wasserburg betrat, in dem Boubacar M. im dritten Stock wohnte. Sie ging hinauf, im Treppenhaus eilte ihr Asylbewerber M. schon entgegen. Zur Umarmung kam es im zweiten Stock. Der Westafrikaner drückte die Frau fest an sich, gleichzeitig zog er ein Messer und versetzte ihr mindestens einen Stich in den Bauch. Das Opfer wurde schwer verletzt, konnte sich aber trotzdem losreißen und fliehen.

Zuvor hatte der Flüchtling im Handgemenge ein zweites Mal zugestochen, diesmal in den Oberarm. Dabei brach die Klinge ab. Auch mit der Faust hatte Boubacar M. der 21-Jährigen ins Gesicht geschlagen. Als sie zu ihrem Auto lief, soll er der Helferin noch in englischer Sprache hinterhergerufen haben, dass er sie töten werde. Dann flüchtete er.

Während das schwer verletzte Opfer im Krankenhaus versorgt wurde, fahndeten ein Großaufgebot von Polizisten und ein Sondereinsatzkommando (SEK) nach dem Messerstecher - jedoch erfolglos. Er sei ins Ausland geflüchtet, hieß es.

Motiv liegt

im Dunkeln

Das Motiv war völlig unklar. Boubacar M. habe sich viel Mühe gegeben mit dem Deutschlernen und der Integration, am Eiselfinger Lauf für das Leben teilgenommen und sei mit der engagierten Betreuerin gut ausgekommen, erklärten Helfer.

Nach den unserer Zeitung vorliegenden Informationen hat die Frau durch die Stiche keine bleibenden körperlichen Schäden davongetragen. Wie sie das traumatische Erlebnis psychisch verarbeiten kann, wird sich allerdings erst zeigen.

War die Attacke für die 21-Jährige eine persönliche Tragödie, so waren die Helfer im Patenprojekt und die anderen Flüchtlinge in dem Haus im Sommer 2014 am Boden zerstört. Sie fürchteten, die Tat könne zu Stimmungsmache gegen Ausländer oder Asylbewerber führen und einen langen Schatten auf eine bis dahin ebenso intensive wie erfolgreiche Flüchtlings- und Integrationsarbeit in Wasserburg werfen. Aber Fremdenfeindlichkeit war in der traditionell weltoffenen Stadt mit über 60 Nationen auch nach dem schockierenden Vorfall kein Thema.

Kontakt

per Facebook

Nach Monaten gelang es Betreuerinnen im Wasserburger Helferkreis, über Facebook im Internet den Kontakt zu dem flüchtigen Westafrikaner herzustellen. Und: Tatsächlich stieg Boubacar M., der auf Mitte 25 geschätzt wird, im Advent 2014 am Ebersberger Bahnhof aus dem Zug - wie zuvor per Facebook ausgemacht.

Dort nahmen ihn die Frauen in Empfang. Den sichtlich zerzausten und abgemagerten Westafrikaner, der sich in Nordrhein-Westfalen zeitweise auf der Straße durchgeschlagen haben soll, fuhren sie nach Wasserburg, steckten ihn in die Badewanne und gaben ihm etwas zu essen. Dann wurde er von der Polizei festgenommen.

Ein halbes Jahr später muss die fünfte Strafkammer am Landgericht Traunstein entscheiden, wie die Bluttat rechtlich zu bewerten ist. Angesetzt sind zwei Verhandlungstage. Der Prozess beginnt am morgigen Dienstag und geht am 25. Juni weiter.

Eine große Rolle dürfte bei der Urteilsfindung das psychologische Gutachten spielen. Boubacar M. habe in Mali Fürchterliches erlebt, an Depressionen gelitten, erklärten Betreuerinnen kurz nach der Festnahme im Dezember. Die Familie soll vor seinen Augen ermordet worden sein. Zuletzt war er im Inn-Salzach-Klinikum in Wasserburg untergebracht.

Die Staatsanwaltschaft stuft die Bluttat nach Abschluss der Ermittlungen als versuchten Mord und gefährliche Körperverletzung ein. Sie geht davon aus, dass er die Frau töten wollte - und Boubacar M. dies möglicherweise auch gelungen wäre, wenn seinem Opfer nicht die Flucht gelungen wäre.

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