Fernbeziehung zwischen Übersee und Klagenfurt: Corona setzt der Liebe Grenzen

Erinnerungen an Zeiten vor Corona: Waltraud Semmelrock und ihr Lebensgefährte Günther Dörr im gemeinsamen Urlaub. Die Österreicherin und der Bayern haben sich seit Anfang März nicht mehr gesehen. privat
  • vonTina Blum
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Liebe gibt vielen Menschen in Zeiten von Corona Halt. Wenn der Partner jedoch in einem anderen Land lebt, kommen viele Paare derzeit an ihre Grenzen. Wegen der strengen Regeln für Reisen. So auch Waltraud Semmelrock aus Klagenfurt und Günther Dörr aus Übersee.

Übersee/Klagenfurt – Sehnsucht und Sorge um den Partner beherrschen den Alltag von Günther Dörr aus Übersee und Waltraud Semmelrock aus Klagenfurt (Österreich). Seit 16 Jahren sind die beiden ein Paar. Genauso langen führen sie eine Fernbeziehung zwischen Bayern und Österreich. Am 7. März ist Günther Dörr von Klagenfurt nach Übersee gefahren, weil er einen Arzttermin hatte. „Seitdem haben wir uns nicht mehr gesehen, weil dann die Grenzen geschlossen worden“, sagt Waltraud Semmelrock.

Einreise nur um den Preis von Quarantäne

Erst machte Österreich wegen der Corona-Pandemie die Grenzen für Reisende dicht. Deutschland zog wenig später nach. Wer einen Aufenthalt im Ausland hinter sich hat, muss sich laut eines Ministerialblattes an die Verordnung über Quarantänemaßnahmen für Einreisende zur Bekämpfung des Coronavirus vom 9. April halten. Das heißt: Nach der Rückreise stehen erst einmal verbindlich 14 Tage häusliche Quarantäne an. 14 Tage Isolation. Gerade in grenznahen Gebieten wie dem Landkreis Rosenheim, gibt es Paare, die eine Beziehung über die Landesgrenze hinaus führen.

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Immer viel unterwegs

„Meine Frau und ich sind immer viel unterwegs, machen Sport, sind immer in Bewegung. Eine Quarantäne würden ich und Wauki nicht packen“, sagt Günther Dörr. Kennengelernt haben sich Dörr und „seine Wauki“ – so wird Waltraud Semmelrock von Freunden und Familie genannt – auf einer Messe in Nürnberg. Sie ist Psychologin, er ist Trainer und Organisator von Sportveranstaltungen. Dörr ist Begründer des Chiemsee-Langstreckenschwimmens, das er bis 2013 mit Herzblut organisiert hat. Beide arbeiteten in der Personalentwicklung, hatten immer viel mit Menschen zu tun.

Sport verbindet: Von der Messe zum Skitouren

Die Liebesgeschichte begann, als sich Günther Dörr und Waltraud Semmelrock zum Skitourengehen verabredeten. „Ich bin damals Snowboard gefahren. Ich dachte immer, Skitouren wären etwas für alte Leute“, sagt Waltraud Semmelrock. Doch sie ließ sich darauf ein. Und entdeckte den Wintersport für sich. „Meine Kinder und ich haben immer Sport gemacht. Mit Günther bin ich dann zum ersten Mal Triathlon gelaufen, er hat mich zum Rennradfahren motiviert.“ Aktivitäten, die sie sonst nie gemacht hätte, sagt die 66-Jährige aus Kärnten.

Trotz 260 Kilometern Distanz: Nie länger als zwei Tage voneinander getrennt

Nur das Zusammenziehen hat in den vergangenen 16 Jahren nicht geklappt. „Das ist schon lange Thema. Aber wir sind beide sehr verwurzelt in unserer Heimat“, sagt Waltraud Semmelrock. Sie hat vier Kinder, ein Haus mit großem Garten und Blick auf die Karawanken. Nur fünf Minuten vom Wörthersee entfernt. Das Haus der Tochter direkt nebenan. Auch der Rest der Familie lebt in der Nähe. „Ich bin vor 40 Jahren an den Chiemsee gezogen und habe beschlossen, ich gehe hier nicht weg“, sagt wiederum der gebürtige Bad Tölzer Günther Dörr. Den Freundeskreis und die gewohnte Umgebung aufgeben – das will keiner von beiden vom anderen verlangen. Trotz der gut 260 Kilometer, die zwischen den beiden sind, waren sie in den vergangenen 16 Jahren nie länger als zwei Tage voneinander getrennt. „Mal lebe ich zwei Wochen bei ihr, dann kommt sie wieder zu mir“, sagt Dörr. Das geht jetzt nicht mehr.

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Nach über sieben Wochen Zwangstrennung steigt die Sorge um den Partner. „Gerade wegen Günthers Vorerkrankungen mache ich mir viele Gedanken.“ Dörr, der jahrelang als Leistungssportler unterwegs war, erkrankte vor 17 Jahren am Pfeiffischen Drüsenfieber, musste seitdem kürzertreten. Kontakt haben beide nur über Telefon, da der 73-Jährige kein Smartphone besitzt. „Die Telefonrechnung ist gewaltig angestiegen“, sagt Dörr.

Österreichisches Konzept schafft nur für Paare in grenznahen Gebieten Erleichterung

„Das neue österreichische Konzept für Paare funktioniert gut, wenn man eine Beziehung zwischen Reichenhall und Salzburg führt“, sagt Dörr. Die Strecke von Übersee nach Klagenfurt sei einfach zu weit. „Wenn ich runterfahre, kann ich eine Nacht bleiben und muss am nächsten Tag ja schon wieder los“, sagt er. Ab einem gewissen Alter seien solche Distanzen schon anstrengend. Und die zweiwöchige Isolation will der 73-Jährige auf keinen Fall in Kauf nehmen.

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Strenge Regeln für Einreise nach Deutschland

Auch andersherum ist es für das Paar nicht machbar. Denn die Einreisebestimmungen nach Deutschland sind noch strenger. Auf Anfrage der OVB-Heimatzeitungen sagte die Bundespolizeidirektion München, die für den Grenzschutz zuständig ist: „Österreichische und sonstige ausländische Staatsbürger dürfen derzeit einreisen, wenn sie ihren Ehegatten/Ehegattin oder eingetragenen Lebenspartner/Lebenspartnerin besuchen möchten und mindestens einer der beiden Partner über einen Wohnsitz in Deutschland verfügt.“ Paare, die keinen Nachweis über ihre Beziehung erbringen können, haben kaum Möglichkeiten. „Sonst könnte jeder behaupten, dass er seinen Partner besucht“, sagt Bundespolizeisprecher Thomas Borowik.

Keine Einreise zum Zweitwohnsitz

Waltraud Semmelrock und Günther Dörr haben mittlerweile Zweitwohnsitze beantragt. Doch die Einreise nach Deutschland, um den Zweitwohnsitz zu besuchen, ist auch nicht erlaubt. „Nur, wenn man einen wichtigen Grund für die Einreise hat, weil man beispielsweise ein krankes Familienmitglied pflegen muss, ist die Einreise gestattet“, sagt Borowik. Laut Homepage der Bundespolizei müssten bei der Grenzkontrolle entsprechende Nachweise geltend gemacht werden. „Die Bundespolizei wird allerdings keinen deutschen Staatsbürger an der Ausreise und Einreise nach Deutschland hindern“, sagt Borowik.

„ Je länger diese Situation andauert, umso schlimmer wird‘s“

„Ich hätte nie gedacht, dass die Grenze geschlossen wird“, sagt Waltraud Semmelrock. Sie habe sich sogar schon einmal überlegt, mit dem Rad über die grüne Grenze nach Deutschland zu fahren. Aber die rechtlichen Konsequenzen sind zu hoch. Das Verantwortungsgefühl für das Wohl Anderer während der Pandemie zu stark. „Man kann es nicht ändern. Am Anfang geht‘s. Aber je länger diese Situation andauert, umso schlimmer wird‘s“, sagt Waltraud Semmelrock.

Einreisebestimmungen nach Deutschland strenger als nach Österreich

In der Woche nach Ostern lockerte Österreich die Einreisebestimmung – auch um Paaren, die durch die Landesgrenze getrennt sind, das Leben zu erleichtern. Deutsche Einreisende müssen sich demnach nicht in Quarantäne begeben, wenn sie nicht länger als 48 Stunden in Österreich bleiben Zuvor galt: 14 Tage Quarantäne in Österreich, dann weitere 14 Tage nach Rückreise nach Deutschland. Eine Einreise nach Deuschland geht laut der aktuellen Landesverordnung nicht. „Bund und Länder haben sich darauf verständigt, dass für alle Deutschen, EU-Bürger, Bürger eines assoziierten Staates (Schengener Verbund) oder langjährig in Deutschland wohnhafte Personen, die nach einem mindestens mehrtägigen Auslandsaufenthalt einreisen, um an ihren Wohnort in Deutschland zurückzukehren, eine verbindliche zweiwöchige Quarantäne angeordnet wird“, sagt Bundespolizeisprecher Thomas Borowik.

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