Felix ist mittendrin

OVB
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Die Nervosität ist längst verflogen: Felix (rechts) hat in seiner Klasse viele Freunde gefunden.

Vogtareuth - Felix ist neun Jahre alt, Sport ist sein Lieblingsfach, Hausaufgaben mag er nicht. Er geht in die zweite Klasse der Grundschule. Ganz normal hört sich das an, aber das ist es nicht. Felix ist körperbehindert.

Er hat eine inkomplette spastische Tetraparese (unvollständige Lähmung von Armen und Beinen), läuft an Stöcken oder am Rollator, für weite Strecken greift er zum Rollstuhl.

Im Frühjahr 2010 ließen Felix' Eltern bei der Lehrerin für die künftige erste Klasse vorsichtig anfragen, ob sie bereit wäre, ein behindertes Kind aufzunehmen. Sie hatten Angst vor einer negativen Reaktion. Aber die Angst war unbegründet. Für Lehrerin Ute Posch war es überhaupt keine Frage, das Kind aufzunehmen.

So entstand ein gelungenes Beispiel einer Inklusion: Alle Seiten zeigten Offenheit. Der Sachaufwandsbedarf hielt sich in Grenzen, da das Kind dank Petö und dem Verein "Fortschritt Rosenheim" motorisch gut gefördert ist. Auch die Gemeinde Vogtareuth und der Mobile Sonderpädagogische Dienst (MSD) handelten schnell und unbürokratisch.

Felix wird mit dem "kleinen" Schulbus befördert, der die Kinder aus den Weilern abholt. Der Fahrer kümmert sich herzlich um den Buben, so kann er mit seinen Freunden fahren. Eine Rampe an der Schule war vorhanden, am anderen Eingang wurde im Zuge des Umbaus einfach eine weitere angebracht.

Aufgrund seiner Körperbehinderung steht Felix eine Schulbegleitung zu, zwei engagierte Frauen teilen sich die Stelle, die vom Bezirk Oberbayern finanziert wird. Das hat sich in beiden Schuljahren voll bewährt, Felix kommt mit dem Schulstoff gut mit. Die Schulbegleiterinnen meistern den Balanceakt, dem Neunjährigen das abzunehmen, was nötig ist, ihn aber alles selbst machen zu lassen, was möglich ist.

Anfangs waren alle noch sehr nervös, wie das Schulleben mit Felix funktionieren würde. Doch Zweifel wurden bald zerstreut, weil Felix sehr gut spricht und fröhlich ist. So begriffen seine Klassenkameraden schnell, dass Felix zwar nur mit Hilfsmitteln laufen kann und eine nicht so gut funktionierende Hand hat, aber sonst einiges mit ihm anzufangen ist. Er hat Freunde für zu Hause gefunden und wird zu Geburtstagen eingeladen. Die Kinder haben sich wie selbstverständlich auf Felix' Behinderung eingestellt, so dass keiner mehr aufschaut, wenn er mit seinen Stützen an ihnen vorbeiläuft. Im Sportunterricht bleiben die Kinder kurz stehen, wenn es ums Abklatschen geht und Felix kriegt einen Stuhl und Tisch hingestellt, wenn die anderen auf dem Boden malen - alles ohne dass es einer den Kindern gesagt hätte.

Schulisch kommt Felix gut mit und er hat in jeder Hinsicht Fortschritte gemacht. Er ist voll motiviert, da er mitkommen will und ihn die anderen Kinder "ziehen". Ute Posch war überrascht, dass er seine Lernzielkontrollen selbständig ausfüllt und tolle Aufsätze schreibt.

Nachmittags muss Felix viel tun, um seine Bewegungsfähigkeit zu erhalten. Zweimal wöchentlich geht er zur Ambulanten Konduktiven Förderung (eine Methode nach dem ganzheitlichen Ansatz des ungarischen Professors Petö) ins Förderzentrum in Rosenheim-Oberwöhr - eine Einrichtung, die dank einer Elterninitiative im Jahr 2002 gegründet wurde und 2004 durch die OVB-Aktion "Leser helfen behinderten Kindern" ins Blickfeld der Öffentlichkeit rückte. Dort steht zur Zeit eine teilstationäre Reha an. Danach werden Hausaufgaben gemacht. Zwei Nachmittage und der Sonntag sind "frei", damit er seine Freundschaften auch pflegen kann.

Die Eltern von Felix können sich kein größeres Glück vorstellen als das, das sie mit der Inklusion von Felix in Vogtareuth erleben. Felix sollte nicht automatisch, nur weil er körperbehindert ist, auf eine Förderschule kommen, weit fahren müssen und erst am späten Nachmittag heimkommen. Er sollte an seinem Wohnort zur Schule gehen, Normalität erfahren, dabei sein und Freunde haben. Dieser Traum hat sich erfüllt.

re

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