Erinnerungen an das Rosenheimer Herbstfest: Von der Bavarizität des Mongdrazerls

Antn statt Ant‘n, Knödl statt Knöd‘l: Allerlei Köstlichkeiten bringt die Irmi hier auf der Wiesn 2006.
+
Antn statt Ant‘n, Knödl statt Knöd‘l: Allerlei Köstlichkeiten bringt die Irmi hier auf der Wiesn 2006.
  • Ludwig Simeth
    vonLudwig Simeth
    schließen

Neues Jahrtausend, alte Sprache: Zum Millennium feiert auf dem Herbstfest nicht nur die boarische Tracht eine Renaissance, viele Menschen in Rosenheim und im Umland entdecken auch die Liebe zu ihrer Heimatsprache neu.

Rosenheim – Es wird wieder mehr und bewusster „boarisch gredt auf da Wiesn“ – auch dank der gleichnamigen Serie der OVB-Heimatzeitungen im Jahr 2010.

Für Dosige und Zuagroaste befasst sich OVB-Autor und Bairisch-Experte Armin Höfer („Vo Ort zu Ort“) in 14 Folgen mit Aussprache, Bedeutung und Schreibweise von ganz speziellen Wörtern, Begriffen und Redewendungen mit Rosenheimer Herbstfestbezug. Dabei bekämpft er – aus heutiger Sicht mit bemerkenswert großem Erfolg – unter anderem die unschöne „Apostrophitis“ im Schriftboarischen, also die vielen „Haggerl“, die Mundart-Texte und Speisekarten jahrzehntelang verunstaltet haben.

Das Beispiel, ja die Schlüsselfrage schlechthin: Heißt es nun Wies’n oder Wiesn? Für Höfer gibt es da keine zwei Minungen: „Chic schaut’s scho aus, des Haggerl in Wies’n“, schreibt er, „awa es is üwaflüssig, ma kunnt a song: a Schmarrn!“

Apostroph verschwindet

Und so werden neben der Wiesn selbst auch viele Wiesn-Klassiker von der verunstaltenden Haggal-Sucht befreit: Das Brathend’l wird endlich zum Brathendl, die Lederhos’n zur Lederhosn, die Brez’n zur Brezn, der Knöd’l zum Knödl und die Supp’n zur Suppm (das „m“ steht hier wegen des vorausgehenden „p“. Gleiches gilt für Antn (Ente), Gröstl, Haferl, Kaiserschmarrn, Schweinswürstl und Leberkäs. Wenn die Brotzeit kommt, wünscht man sich jetzt an Guadn ohne Apostroph – und das Mog’ndrazerl, von so manchem „Preißn“ als „Morgen-Appetitanreger“ missverstanden, wird zum Mongdrazerl. Das sind übrigens auch lautgeschichtlich und grammatikalisch betrachtet die korrekteren Schreibweisen.

OVB leistet Pionierarbeit

Diesbezüglich hatte unsere Zeitung aber schon lange vorher Pionierarbeit geleistet. Armin Höfer dazu: „Des OVB hod 1996 fei ois erschde Zeidung ,Wiesn‘ gschriem. Fast olla andan Zeidunga ham dann nochzong, vo da ,Süddeutschen‘ bis zur Bild-Zeidung.“

Aus Fass wird Fass – aus der Miß die Miss

2007 dann der nächste Meilenstein: Mit der Überschrift „Tschüss, Maß! Servus, Mass!“ schaffen Höfer und die OVB-Heimatzeitungen ein weiteres Sprach-Dilemma aus der Welt und leiten nach der Rechtschreibreform das Mass-Zeitalter in Bayern ein. Schließlich ist der Fluß inzwischen zum Fluss geworden, das Faß zum Fass und die Miß zur Miss. Da ist der Abgesang auf die Maß Bier überfällig, es geht ja um ein Stück bayerisches Kulturgut. Und da muß, nein, jetzt heißt es muss, das Reinheitsgebot nicht nur bei den Zutaten für die Mass Bier greifen, sondern auch bei der Bezeichnung.

Unterschiedliche Aussprachen

„Hier in Altbayern sprechen wir bei der ,Mass‘ den a-Laut doch kurz und den s-Laut ganz, ganz scharf“, liefert der Vorsitzende des Rosenheimer Landesverbandes im Förderverein Bairische Sprache und Dialekte auch gleich die phonetische Begründung dazu, übrigens mit Verweis auf Adolf Gondrells legendäre Rezitation des „Münchners im Himmel“. Dort heißt es ja auch: „Und dann dringgda noo a Mass, und noo a Mass, und do sitzda heid noo.“

Über das Beseitigen von orthografischen und phonetischen Sündendreht sich die Boarisch-Offensive aber vor allem darum, Besonderheiten, Eigenheiten, Nuancen, Charme und Sprachwitz des Altbairischen zu entdecken.

Ned jeder Eigsaamta mit vui Diridari glei a feina Maxe

Schließlich ist, diese folgenden weißblauen Halbweisheiten kann man nur im O-Ton widergeben, ned jeder Eigsaamta mit vui Diridari glei a feina Maxe scho gar ned jeda Milli-Bauer a Milli-Onär, oda a Bierdimpfe no lang koa Noagalzuzla oda Friebierlätschn ohne Buifa.

Gar nicht so gern hat man es auf dem Herbstfest, wenn attraktive Mädchen und Jungs ein leckeres Essen zu sich nehmen. Viel besser kommt es an, wenn se de feschn Buam und Madln a gschmackige Brotzeit schmegga lossn. Dann erst kommt „die Bavarizität des Mongdrazals voll zur Geltung.

2021: „Gehma zu mir oder gehma zu dir?“

Leider sind Sprüche wie „Ruck ma hoid zsamm“, „Geh weida, hogg di zuawa! oder „Herzerl, griag i a Busserl vo dir?“ in Zeiten der Corona-Schutzmaßnahmen unerwünscht – was ja zum Wiesn-Aus geführt hat.

Aber 2021 hoaßt’s dann hoffentlich wieder: „Ozapft is.“ Und glei drauf: „Seids olle do? Hobds a Gejd aa?“ Und dann, oiwei wieder: „Oans, zwoa, drei – gsuffa.“ Und ganz zum Schluss: „Gehma zu mir oder gehma zu dir?“

Kommentare