Feldkirchen-Westerhamer erwirkt Unterlassungsklage gegen den "Spiegel"

Enthüller gerät selbst in Kritik

Detailliert protokollierte Jobst Spengemann die Vorgänge rund um seine Enthüllungen.

Feldkirchen-Westerham - Ein Pharmakonzern will Journalisten instrumentalisieren. Von Bestechung und Bedrohung ist die Rede. Der Feldkirchen-Westerhamer Journalist Jobst Spengemann hat für das ZDF-Magazin "Frontal 21" mit einem Kamerateam skrupellose Machenschaften der Pharma-Industrie aufgedeckt (wir berichteten). Jetzt wurde Spengemann durch einen Bericht im Magazin "Spiegel" selbst zum Bösewicht erklärt. Ihm wird vorgeworfen, einst die gleichen Praktiken betrieben zu haben. Gegen den Artikel hat Spengemanns Anwalt beim Landgericht Berlin eine Unterlassungklage erwirkt. Der "Spiegel" will gegen die Klage Widerspruch einlegen.

Spengemann hatte in der Sendung vom 18. Januar in "Frontal21" einen Beitrag über zwei skrupellose Pharmahändler gesendet. Demnach wollten diese mittels Schmutzkampagnen und gekaufter Journalisten einen unliebsamen Zeugen diffamieren, der Beweise für gefälschte Krebsmedikamente eines Pharma-Konzerns habe. Gezahlt worden seien den verdeckten Reportern rund 10000 Euro, um den Kronzeugen mundtot zu machen.

Jetzt wird dem Feldkirchen-Westerhamer das selbe Handeln sowie das "Sich-instrumentalisieren-lassen" in einem "Spiegel"-Bericht vorgeworfen. So habe Spengemann erst mit der Recherche für seinen ZDF-Beitrag begonnen, nachdem ein Bekannter von ihm, ein Pharma-PR-Mann, Streit mit dem von Spengemann angeklagten Konzernchef gehabt habe. Doch der Feldkirchen-Westerhamer erklärt, er sei mit seinem Team schon Wochen vorher an der Geschichte dran gewesen. "Das können wir belegen", so der freie Journalist.

Dies schreibt sogar der "Spiegel" selbst und beruft sich auf Spengemanns Zeugen, der dessen Angaben diesbezüglich gegenüber dem Magazin bestätigt hat. "Damit sind eigentlich alle Vorwürfe noch in dem Bericht selbst entkräftet", zeigt sich Spengemann ratlos über die Vorgehensweise. Er ist überzeugt, dass die Autoren den Namen seines Informanten haben wollen. Diesen will das ZDF aber aus Quellenschutz nicht herausgeben.

"Fassungslos" hat Spengemann den "Spiegel"-Artikel gelesen. "Ich werde in den Schmutz gezogen", erklärte er gegenüber unserer Zeitung. Über seinen Anwalt habe er sofort Unterlassungsklage eingereicht, der das Landgericht Berlin stattgegeben habe.

"Spiegel"-Sprecher Hans-Ulrich Stoldt erklärte gegenüber unserer Zeitung, dass das Magazin wiederum seine Anwälte beauftragt habe, gegen die Unterlassungsklage Widerspruch einzulegen. Doch laut Spengemann stimmt die "Spiegel"-Darstellung nicht: "Das ist aus der Luft gegriffen."

Als Beleg für ihre Mutmaßungen, dass Spengemann selbst für Geld Personen diffamiert haben soll, geben die "Spiegel"-Autoren in ihrem Beitrag eine E-Mail des Feldkirchen-Westerhamers aus dem Jahr 2006 an. Darin übermittelte er im Auftrag eines Pharma-PR-Mannes Daten von Gegnern des damaligen Medikamentenprüfers Peter Sawicki, welche diesen diskreditieren sollten: "Ich habe diese E-Mail lediglich weitergeleitet - mit meinem eingetragenen Redaktionsbüro, und nicht, wie es der Spiegel nannte, mit meiner PR-Agentur. Ich erfüllte Aufträge für den Pharma-PR-Mann und fungierte als Überbringer." Wortwörtlich hieß es in Spengemanns E-Mail laut "Spiegel": "Herr Massad bat mich, Ihnen folgende Informationen beziehungsweise Telefonnummern zuzusenden."

Kurios in Spengemanns Augen: Die E-Mail habe der "Spiegel"-Autor erhalten, als dieser noch bei der Illustrierten "Stern" tätig war. In seinem aktuellen Artikel berufe er sich auf seinen eigenen damaligen Bericht.

Der Feldkirchen-Westerhamer überlegt nun, weitere gerichtliche Schritte einzuleiten: "Ich werde schließlich mit skrupellosen Pharmahändlern verglichen. Einer ist nach unserem Beitrag bereits verhaftet worden. Diese Händler verdienen mit falschen Hoffnungen bei Krebs-Patienten viel Geld."

Der "Spiegel" empfiehlt in seinem Bericht abschließend dem ZDF, besser zu prüfen, wen sie als "Enthüller" einsetzen. Denn dann wäre dem Sender bei der Internetsuche sofort aufgefallen, dass Spengemann ein Seminar unter dem Titel "Marketing und Werbung in der ärztlichen Praxis" gehalten habe, was seine "Doppelrolle PR-Trompete/Reporter" offengelegt hätte. Doch dieses Seminar hat es laut Spengemann nie gegeben. "Es gab 2003 diesbezüglich eine Anfrage von einer Anwaltskanzlei, die Idee wurde aber fallen gelassen", so der Journalist.

"Frontal 21", befragt zu den Vorwürfen, betonte, dass der gesendete Beitrag unabhängig recherchiert und gefertigt worden sei. Dies hätte die Redaktion dem Spiegel auch vorab mitgeteilt und belegt. "Interessengeleitete Berichterstattung findet bei Frontal 21 nicht statt", so die Aussage.

von Silvia Mischi

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