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"Wir wollten uns intensiv integrieren"

Asylbewerberin soll abgeschoben werden – Gemeinde kämpft um die Zukunft der Familie

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Das Ehepaar Sofia und Ali Pustovoitova-Hussaini mit Sohn Ali Waris und Tochter Hanna. Die Familie soll auseinandergerissen, Sofia Pustovoitova und Tochter Hanna abgeschoben werden. Dagegen formiert sich Widerstand.

Eine Bad Endorfer Familie soll getrennt werden, weil die Mutter aus Russland kein Asyl mehr bekommt. Sie müsste ihren Mann und den gemeinsamen Sohn zurücklassen und auch ihre Tochter würde verlieren, was für sie jetzt Heimat ist.

Bad Endorf – Die Abschiebung von Asylbewerbern, die kein Aufenthaltsrecht erhalten haben, aber oft gut integriert sind, lässt nur wenige Menschen kalt. Jüngstes Beispiel: Ein Fall in Bad Endorf. Dort soll die Familie Pustovoitova-Hussaini auseinandergerissen werden. Grund: Mama Sofia Pustovoitova stammt aus Russland, einem nach Einschätzung Deutschlands sicherem Herkunftsland. Ihr Asylantrag ist abgelehnt worden, derzeit wird der Einspruch geprüft. Papa Ali Hussaini aus Afghanistan dagegen wird derzeit „geduldet“. 

Anstellung als Pflegehelferin 

Seit 2015 lebt die vierköpfige Familie am Rande des Chiemgaus. Sofia Putovoitova hat seit 1. April eine Anstellung in einem Seniorenheim als Altenpflegehelferin. Sie könnte sich über den Vertrag richtig freuen – wenn da nicht der Bescheid des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (Bamf) die Familie wie ein Blitzschlag getroffen hätte. Sofia und ihre viereinhalbjährige Tochter Hanna müssen im kommenden Monat ihre neue Heimat Bad Endorf verlassen und nach Russland zurückkehren. Wenn nicht noch ein „Wunder passiert“, wie die junge Frau sagt. 

Denn sonst würde die Familie auseinandergerissen, der gemeinsame dreijährige Sohn Ali Waris seine Mutter und seine Schwester verlieren. Putovoitovas Ehemann Ali Hussaini hat erst vor ein paar Monaten rechtskräftigen Abschiebeschutz zugesichert bekommen und bleibt mit seinem Sohn zurück. 

Gesamter Gemeinderat unterschreibt Bitt-Brief an Verwaltungsgericht

Seit dem Bekanntwerden der Abschiebung regt sich in Bad Endorf Widerstand gegen den Beschluss des Bundesamtes. Inzwischen wurden mehrere Unterstützungsschreiben verfasst, die dem Anwalt zur Weiterleitung an die Behörden vorliegen. Sogar der gesamte Gemeinderat hat parteiübergreifend den bewegenden Brief von Bürgermeisterin Doris Laban an das Verwaltungsgericht unterschrieben. Bitt-Brief an die Behörden Auch der Kirchenvorstand der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde sowie mehrere Privatpersonen unterstützen mit Briefen und Unterschriften den Kampf gegen die Abschiebung von Sofia Putovoitova und ihrer Tochter Hanna. Zudem hat Ehemann Ali Hussaini einen Bitt-Brief an die Behörden verfasst. 

Elisabeth Haus ist aktiv im Helferkreis Bad Endorf und im Kirchenvorstand der evangelischen Kirchengemeinde. Sie kennt die Familie von Anbeginn und weiß um die traumatischen Erlebnisse, die sie bereits durchgemacht hat. „Es ist eine richtige Freundschaft entstanden,“ sagt Haus. So wirkt es auch, wenn die Familie Pustovoitova-Hussaini mit einer großen, selbst gebackenen Torte, einem Topf mit orientalischem Gericht sowie kleinen Leckereien für die Kinder von Elli Haus zur Tür hereinkommen. Die Frau aus Russland und ihr Ehemann aus Afghanistan wollen damit ihre Dankbarkeit für die Hilfe und Zuwendung im Ort ausdrücken. „Wir fühlen uns hier so wohl und aufgenommen, weil uns die Menschen in Bad Endorf immer unterstützt haben“, erklärt Sofia. „Wir haben uns vom ersten Tag an vorgenommen, uns intensiv zu integrieren und im Ort zu engagieren“, sagt sie. Und das sei doch gelungen. 

Beide besuchen regelmäßig und mit großem Erfolg Deutsch- und Integrationskurse. Hussaini hilft bei der Endorfer Tafel, Pustovoitova engagiert sich in der Kirchengemeinde, Hanna singt im Kinderchor Jakobus-Spatzen und Ali Waris ist einer der Lieblinge im Hummelsnest, dem integrativen Kindergarten im Ort. Das künstlerische Talent von Pustovoitova, das sie nach ihrer Aussage von der Großmutter geerbt hat, ist eine Bereicherung für die Kirchengemeinde. Bei Festen und Veranstaltungen gestaltet sie Dekorationen und hilft tatkräftig mit. In der Ausstellung „Bad Endorfer Fluchtgeschichten 1945 – 2015“ im evangelischen Gemeindesaal hängen mehrere Bilder von ihr. Im „Buchcafé Gleis 1“ am Bahnhof in Rosenheim stellte sie ihre Bilder unter dem Titel „Und dann kamen die Farben zurück“ aus. 

Russland wird aus deutscher Sicht als sicherer Herkunftsstaat eingestuft. Aber Sofia hat keine verwandtschaftlichen Beziehungen mehr in diesem Land und Hanna, als Mischlingskind, droht in Russland Diskriminierung. „Ich kenne die rechtlichen Hintergründe leider nicht genau. Aber ich weiß, dass durch das Auseinanderreißen einer Familie die heiligen Grenzen überschritten werden,“ sagt Pfarrer Dr. Dietrich Klein von der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde. 

Pfarrer Dr. Dietrich Klein

„Die Familie, auch wenn sie zusammengewürfelt ist, sind Wunschasylbewerber, aktiv, offen, integrationsbereit und weitgehend integriert und mit einem unterschriebenen Arbeitsvertrag auf dem besten Weg zur Selbstversorgung“, schreibt die Bürgermeisterin in ihrem Brief an die Behörde.

Klage eingereicht 

Einen Lichtblick, dass die Russin Bad Endorf zumindest vorerst nicht verlassen muss, gibt es aber. „Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hat den Asylantrag von Sofia Pustovoitova am 28. Februar 2019 abgelehnt. Gegen diese Entscheidung wurde am 15. März fristgerecht Klage eingereicht. Aus diesem Grund ist eine mögliche Abschiebung derzeit kein Thema“, teilte das Landratsamt Rosenheim auf Anfrage der OVB-Heimatzeitungen mit. Aussagen, die für Familie Pustovoitova-Hussaini und die vielen Unterstützer Hoffnung bedeuten. Hoffnung, dass die vierköpfige Familie doch eine Zukunft in der Marktgemeinde hat und Wunder möglich sind.

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