Endlich schließt sich der Kreis

Martin Klampfleitner (links) und Georg Sommer begaben sich auf die Suche nach dem Grab des gefallenen Großvaters - und fanden es nahe St. Petersburg.
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Martin Klampfleitner (links) und Georg Sommer begaben sich auf die Suche nach dem Grab des gefallenen Großvaters - und fanden es nahe St. Petersburg.

Chiemgau/St. Petersburg - Gefallen an Silvester 1941 irgendwo in Russland: Sieben Jahrzehnte lang waren dies die einzigen Information über den Tod des Großvaters von Martin Klampfleitner und Georg Sommer. Zum 100. Geburtstag des Opas machten sich die Enkel auf, sein Grab bei St. Petersburg zu finden - und begegneten auf der Reise auch sich selbst.

Jahrtag des Veteranenvereins Bad Endorf 2008: Als Schriftführer Georg Sommer am Kriegerdenkmal stand, überkam ihn wie ein Blitz die Erkenntnis: "Ich gedenke der Opfer des Krieges und weiß nicht einmal, wo und wie mein Großvater gefallen ist." Zur selben Zeit begann in Vogtareuths Ortsteil Straßkirchen Sommers Cousin Martin Klampfleitner sich intensiv mit der Ahnenkette seine Familie zu beschäftigen und entdeckte ebenfalls eine Lücke rund um den Tod des Großvaters an Silvester 1941.

Das Schicksal von Franz Fellner aus Rimsting, gefallen an Silvester 1941, ist 70 Jahre nach seinem Tod geklärt worden.

Bei einem Familienfest stellten Sommer und Klampfleitner schließlich fest: Sie verbindet nicht nur die Verwandtschaft, sondern auch ein großes Fragezeichen. Sommer, dessen Mutter die älteste der drei Töchter des gefallenen Großvaters Franz Fellner war, begann zu recherchieren. Persönliche Briefe gibt es nicht mehr, doch auf dem Dachboden seines Elternhauses fand der Elektromeister aus Antwort Auszüge aus dem offiziellen Schriftverkehr des Soldaten. Aus einer dort vermerkten Feldpost-Nummer ließ sich im Internet der Weg des am 8. Februar 1940 eingezogenen und fast zwei Jahre später Gefallenen über den Frankreich-Feldzug, eine kurze Besatzerzeit am Atlantik, einen Heimaturlaub und die Ostfront nachvollziehen. Doch die entscheidende Wende bei der Zusammenfügung des Puzzles ergab sich, als die Enkel mit dem Volksbund der deutschen Kriegsgräberfürsorge Kontakt aufnahmen. In den Archiven fand die Organisation überraschend weitere Unterlagen - und sogar das Soldbuch des Gefallenen. Im Frühjahr konnten die Enkel dank umfangreicher weiterer Recherchen mit Unterstützung der Kriegsgräberfürsorge schließlich ihren Müttern, die keine Chance hatten, ihren Vater näher kennenzulernen, mitteilen: Franz Fellner, damals bereits Vater von zwei kleinen und einem noch ungeborenen Mädchen, war 50 Kilometer entfernt von St. Petersburg gefallen - getroffen bei einem Wachgang von einem Granatsplitter, der den bei minus 40 Grad fast erfrorenen jungen Vater so traf, dass er kaum gelitten haben soll. Begraben worden war der junge Soldat direkt vor Ort in Korkuli, Anfang des neuen Jahrtausends hatte die Kriegsgräberfürsorge ihn und 615 weitere Gefallene umgebettet auf den Sammelfriedhof in Sologubowka. Dank einer Erkennungsmarke konnten die sterblichen Überreste Franz Fellners sogar exakt zugeordnet werden.

Für die Enkel stand nach der zweijährigen erfolgreichen Recherche fest: Die Suche nach dem Großvater ist erst abgeschlossen, wenn sie persönlich das Grab gesehen haben. Und so machten sich die Cousins im Sommer dieses Jahres auf den Weg nach Russland, am 29. Juni standen sie dann wirklich am Grab von Franz Fellner. Auf der Anlage nahe St. Petersburg, in der 46000 Soldaten begraben sind, hatte der 44-jährige Betriebswirt Klampfleitner - wie von einer unsichtbaren Hand geführt - ohne Kartenmaterial auf Anhieb die richtige Stelle gefunden. Zwei Stunden verbrachten er und Sommer am Grab - in tiefer Verbundenheit mit dem Verstorbenen, der ihnen auf einmal nicht mehr fremd war. "Es war, als hätte sich auch für uns der Kreislauf des Lebens endlich geschlossen", erinnern sich die Cousins. Beide entdeckten während der Reise auch Stätten, an denen der Großvater als Soldat im russischen Winter gewesen war - etwa einen Zarenpalast, der damals von den Deutschen besetzt war - und waren dem Großvater ein zweites Mal ganz nah.

Dieses Gefühl ist den Enkeln nicht fremd: Denn beide spürten schon Jahre vor der Grabsuche eine Verbindung zu dem unbekannten Gefallenen. Franz Fellner, ein in Grassau geborener und in Rimsting lebender Eisenbahner und Straßenbauer, liebte das Meer, baute im Heimaturlaub kleine Schiffchen aus Holz für die Kinder, ging gerne zum Baden, haben Recherchen der Enkel ergeben. Auch Sommer und Klampfleitner sind seit ihrer Kindheit echte Wasserratten. Klampfleitner konnte sich außerdem jahrelang seine Leidenschaft für Russland nicht erklären - ebenso wenig wie Sommer die Tatsache, dass der verschollene Großvater immer wieder in seinen Träumen auftauchte.

Dass die Enkelgeneration auf die Suche nach einem Gefallenen geht, ist trotzdem eine Seltenheit. Doch für Sommer und Klampfleitner steht fest: "Die erste Nachkriegsgeneration war zu nah dran am Geschehen, es brauchte Abstand, um den Faden der Erinnerung wieder aufzunehmen." Tief berührt haben den Vogtareuther und Endorfer auch die von der Kriegsgräberfürsorge organisierten Begegnungen mit russischen Veteranen und Zeitzeugen der deutschen Belagerung von St. Petersburg. Ein Soldatenfriedhof, wo 600000 verstorbene Russen liegen, gehörte ebenfalls zum Reiseprogramm. "Die Völkerverständigung wird intensiv gelebt, beim Gedenken an die Opfer des Krieges unterscheidet vor Ort keiner zwischen deutschen und russischen Opfern", haben Klampfleitner und Sommer festgestellt.

Ihr Besuch am Grab des Großvaters in Russland hat auch in ihren Familien eine neue Auseinandersetzung mit dem Zweiten Weltkrieg und seinen Opfern ins Leben gerufen. "Wir sollten die Chance nutzen, auch mit den letzten noch lebenden Zeitzeugen zu sprechen, denn das Detailwissen stirbt aus", finden sie.

Für die Cousins ist seit ihrer Reise zum Grab des Großvaters nichts mehr wie es vorher war. Sie fühlen sich neu geerdet im Gefühl, eine große persönliche Lücke gefüllt zu haben. Und wenn sie auf dem Rimstinger Friedhof am Gedenkstein für Franz Fellner stehen, haben sie heute das Gefühl, "dass das leere Grab für ihn in Deutschland doch mit seinem Geist gefüllt ist."

Heike Duczek/Oberbayerisches Volksblatt

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