Schüler üben am Amtsgericht den Perspektivwechsel

Eine Straftat und ihre Folgen

Mit Humor, aber trotzdem so realistisch wie möglich, spielten Schüler der Berufsschule II einen Gerichtsfall im Amtsgericht Rosenheim nach.  Foto wunsam
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Mit Humor, aber trotzdem so realistisch wie möglich, spielten Schüler der Berufsschule II einen Gerichtsfall im Amtsgericht Rosenheim nach. Foto wunsam

Rosenheim - Die Zahl der Straftaten ist in der Stadt Rosenheim seit einigen Jahren rückläufig. Sorge bereitet allerdings die Jugendkriminalität. Denn die steigt. Laut der Kriminalitätsstatistik 2010 waren ein Viertel der Tatverdächtigen Kinder, Jugendliche oder Heranwachsende (wir berichteten). Schulsozialarbeiter des Vereins "Pro Arbeit" besuchten jetzt zum ersten Mal mit einigen Schülern das Amtsgericht Rosenheim, um ihnen anschaulich vor Augen zu führen, welche Folgen eine Straftat hat.

Das neue Projekt des Vereins "Pro Arbeit" zielt nicht auf Abschreckung, sondern auf Aufklärung und Information. Die Schüler sollen möglichst real eine Gerichtsverhandlung erleben und Wissen in Sachen "Jugendstrafrecht" und "Jugendgerichtshilfe" vermittelt bekommen.

Immer mehr Jugendliche haben es irgendwann mit einer Straftat zu tun: Als Täter, Opfer oder Zeuge.

Die 18-jährige Isel kann da auch schon mitreden. "Ich habe schon einmal eine Schlägerei beobachtet und musste danach bei der Polizei aussagen", so die junge Frau. Gewalt unter Jugendlichen, so erzählt sie ganz offen, sei auch in der Stadt Rosenheim schon fast "ganz normal": "Häufig geht es um Schlägereien oder um Drogen. Davon hört man immer wieder."

Isel hat es bis jetzt ausschließlich mit Opfern und Zeugen derartiger Vorkommnisse zu tun gehabt: "Nicht die ganze Jugend ist kriminell. Das sind Einzelfälle. Aber man gerät heutzutage schnell einmal in so einen Vorfall auch ganz unschuldig mit hinein."

Diese Erfahrung bestätigt die Schulsozialarbeiterin Claudia Liegl, die dieses Projekt zusammen mit ihren Kolleginnen Monika Arnold, Veronika Wörndl und Isabel Bartel durchführt. "Es reicht schon der Heimweg von der Disco, um schnell einmal mit Gewalt konfrontiert zu werden", so Liegl.

Mit Schülern des Berufseinstiegsjahrs Wirtschaft-Gesundheit der Berufsschule II in Rosenheim besuchte sie nun das Amtsgericht. Vorher stand Wissensvermittlung innerhalb des Schulunterrichts auf dem Programm. Vertreter der Jugendgerichtshilfe und eine Jugendrichterin beteiligten sich daran. Am Schluss des theoretischen Teils zogen die Schüler Lose und schlüpften damit in ihre "Rollen" in einem erfundenen Kriminalfall. Aus Jugendlichen wurden damit "Täter", "Opfer", "Zeugen", "Richter", "Staatsanwälte" und "Schöffen".

Isel mimte das Opfer. Als Isabella zog sie vor das Gericht und schilderte theatralisch, wie sie gemein zusammengeschlagen worden ist. Ganz unschuldig an diesem Vorfall war sie selbst aber auch nicht. "Ich habe als Isabella ein Fahrrad gestohlen", erzählte Isel vor ihrem Einsatz im Gerichtssaal.

Von Aufregung war bei ihr keine Spur. Etwas anders verhielt es sich bei der 16-jährigen Stephanie. "Ich war noch nie zuvor im Amtsgericht. Ich glaube, im Ernstfall hat man da schon Angst", meinte die junge Dame. Doch dann meisterte auch sie ihre Rolle als Zeugin ganz ohne Probleme.

Manche der Schüler nahmen ihren Einsatz mit der Zeit sogar richtig ernst. So wie etwa der 16-jährige Egzon, der als "Schöffe" eine "Zeugin" lauthals aufforderte, sofort mit dem Kauen von Kaugummis aufzuhören. "Dem Gericht muss man schon mit Respekt begegnen", lautete dazu seine Begründung.

Bis zur Urteilsverkündung wurde alles so realistisch wie nur möglich durchgespielt, um den Jugendlichen gut vermitteln zu können, was sich wirklich bei einer Gerichtsverhandlung abspielt.

"Die Schüler waren von Anfang an mit Begeisterung dabei und haben viel gelernt", freut sich Claudia Liegl. Sie will dieses Projekt darum in Zukunft noch öfter durchführen. Geeignet ist es ihrer Ansicht nach für alle Klassen ab der 9. Jahrgangsstufe. Denn zu diesem Zeitpunkt kommen die jungen Leute in ein Alter, in dem sie selbst strafmündig sind. wu

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