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Eine Klinik für Kuscheltiere

Medizinischer Eingriff unter Vollnarkose: eine Kuscheltier-OP. Die Mädchen und Buben dürfen assistieren. Heinz

Wasserburg – Die kleine Judith ist sichtlich besorgt.

Ihr Kuscheltier, ein flauschig-brauner Stofftiger, hat Bauchschmerzen. Jetzt liegt er auf einer Untersuchungsliege und wird von einer Krankenschwester durchgecheckt. Judith darf auch selber ran: Mit einem Stethoskop überprüft sie die Herztöne, zum vorsorglichen Impfen gibt sie ihrem Stofftier eine Spritze. Dann geht es für den Kuscheltiger in das MRT, bevor er für die notwendige Operation vorbereitet wird. Für die kleine Judith ist das alles sehr aufregend, doch im Teddybär-Krankenhaus ist es reine Routine.

Bereits zum vierten Mal fand die Aktion „Teddybär-Krankenhaus“ in der Region Rosenheim statt. In der Wasserburger Romed-Klinik war das Team um Initiator Nico Hanny zum ersten Mal. „Wir wollen den Kindern die Angst vorm Arzt nehmen“, erklärt der Medizinstudent aus Erlangen, der ursprünglich aus Schechen kommt, das Konzept.

Eigentlich gibt es Teddybär-Krankenhäuser nur in Städten mit medizinischer Universität. Als Hanny die Aktion an seiner Uni, der FAU Erlangen-Nürnberg, erlebt hat, entschied er sich, die Idee auch nach Rosenheim zu holen.

Zahlreiche Unterstützer

Unterstützt von zahlreichen Stellen wie Startklar Soziale Arbeit Oberbayern, der Sparkassenstiftung Zukunft oder dem Stadtjugendring Rosenheim ging es im Jahr 2017 in Rosenheim in die erste Runde. Seitdem hatten schon über 1000 Kinder Gelegenheit, ihre kranken Kuscheltiere behandeln zu lassen.

Beim Besuch im Teddybär-Krankenhaus können die Kinder ihre „kranken“ oder „verletzten“ Plüschfreunde begleiten und bei den Untersuchungen selbst mithelfen. Dieser Perspektivwechsel helfe, das Eis zu brechen und die Scheu vor medizinischen Behandlungen zu nehmen, erklärt Hanny.

An diesem Tag herrscht bereits emsiger Betrieb im Teddybär-Krankenhaus in Wasserburg. Am Empfang warten schon mehrere Kinder vom Kindergarten Gänseblümchen. Sie haben Tiger, Bären und Hasen dabei, manche der Kuscheltiere sind mit Pflastern oder Verbänden erstversorgt.

Izabela, die in Wasserburg die Krankenpflegeschule besucht, ist eine der vielen Ehrenamtlichen im Teddybär-Krankenhaus. Sie nimmt die Daten der Kinder auf, wiegt die Stofftiere und vermerkt die Beschwerden der Patienten. „Das macht total Spaß“, sagt sie lachend. Nicht nur für die Kinder, sondern auch für sie selbst sei das eine ganz neue Erfahrung.

Vor dem Untersuchungsraum warten Bendix, Linus und Emile mit ihren Stofftieren. Linus hat einen kleinen Pinguin dabei, der sich wahrscheinlich den Flügel gebrochen hat. Doch das Kuscheltier ist ähnlich tapfer wie sein Besitzer. „Ich hab keine Angst vorm Doktor“, sagt Linus. Immerhin habe er schon mal einen Salto von der Rutsche gemacht und sich dabei wehgetan. „Und eine Spritze habe ich auch schon mal bekommen, das hat gepiekst“, erklärt er. Alles halb so wild!

In der ersten Untersuchungsstation werden die Tiere mit dem Stethoskop abgehört, es wird Blut abgenommen und bei Bedarf geimpft. Dann geht es weiter zum MRT, das der Vater von Initiator Hanny eigens gebaut hat. Schiebt man die Stofftiere in die Röhre, startet darin ein kreisendes LED-Licht. Auf einem Tablet-Computer ist das Ergebnis zu sehen. Die Docs vom Teddykrankenhaus haben dafür Skizzen der am häufigsten verbreiteten Kuscheltiere vorbereitet. So auch beim Röntgen: Hier wird mit einem Overhead-Projektor gearbeitet, der die Tiere „durchleuchtet“.

In Wirklichkeit haben die Teddy-Ärzte auch hier Folien mit dem „Innenleben“ der Kuschelpatienten im Vorrat. Darauf zu sehen ist die häufigste Ursache von Stofftier-Bauchweh: Verschluckte Dinge. In den Bäuchen sind etwa Lineale oder Christbaumkugeln vom letzten Weihnachten zu sehen.

Um die zu entfernen, geht es in den OP-Saal. Dafür werden die Kinder mit OP-Kitteln, Haarnetz und Gesichtsmaske ausgestattet und müssen sich die Hände desinfizieren. „Alleine der Geruch von Desinfektionsmittel sorgt bei vielen schon für Unbehagen“, sagt Hanny.

Keine Scheu vor „maskierten Ärzten“

Für Kinder sei es unheimlich, wenn ein Arzt eine OP-Maske vorm Gesicht habe. Wenn man alles selber ausprobieren darf, sei es hingegen gleich nicht mehr so schlimm.

Im OP wird an allen Tischen operiert. Ganz vorne liegt Einhorn „Eini“. Es war mit starken Bauchschmerzen, einem gebrochenen Flügel und einem angeknacksten Fuß eingeliefert worden. Jetzt, nach der OP, geht es dem kleinen pinken Stofftier wieder gut.

„Sie hatte einen Fußball verschluckt“, erklärt Medizinstudentin Magda, die den Eingriff vorgenommen hat. Der Flügel wurde geschient, der Fuß verbunden. Studentin Magda erzählt, dass die Kinder meist an den ersten Stationen noch etwas schüchtern seien, doch spätestens nach der OP gehe es allen super.

In der Apotheke holen sich die Kleinen dann noch die Medikamente für ihre Stofftiere ab, bevor sie entlassen werden. Spätestens jetzt ist jegliche Scheu verflogen. Fröhlich schnatternd verlassen die Kinder das Teddybär-Krankenhaus mit ihren verarzteten Kuscheltieren im Arm – und sind für den nächsten Besuch beim „echten“ Arzt bestens gerüstet.

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