„Ein Nein ist ein Nein“: Gericht veurteilt 27-jährigen Vergewaltiger aus Grassau zu Haftstrafe

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Er hatte sich an einer 19-jährigen Arbeitskollegin vergangen – und muss dafür nun ins Gefängnis: Die Zweite Strafkammer am Landgericht Traunstein verurteilte jetzt einen 27-jährigen Afghanen, der in Grassau lebt, zu einer Haftstrafe von 4,5 Jahren.

Von Monika Kretzmer-Diepold

Traunstein/Grassau – „Ein Nein ist ein Nein. Das hat ein Mann zu akzeptieren. Der Angeklagte hat das nicht getan.“ Diese Worte gab die Zweite Strafkammer am Landgericht Traunstein mit Vorsitzendem Richter Erich Fuchs einem 27-jährigen Flüchtling aus Afghanistan bei der Verurteilung gestern zu viereinhalb Jahren Gefängnis wegen schwerer Vergewaltigung und vorsätzlicher Körperverletzung mit auf den Weg. Der Angeklagte hatte eine 19-jährige Arbeitskollegin im September 2019 in seiner Wohnung in Grassau vergewaltigt, die Tat bei der Polizei und vor Gericht jedoch bis zum Schluss geleugnet.

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Der anerkannte Asylbewerber und die junge Frau kannten sich erst wenige Wochen von der gemeinsamen Arbeitsstelle her. Am Tag des Michaeli-Markts, am 28. September 2019, setzten die Eltern die Tochter mittags an der Wohnung des 27-Jährigen ab. Im Wohnzimmer rutschte der Angeklagte während der Unterhaltung plötzlich zu der 19-Jährigen rüber, packte sie an den Handgelenken und fesselte sie mit einem Schal. Auf die Frage, was das solle, erwiderte der Mann, ihr werde nichts passieren. Dann legte er sie auf eine am Boden liegende Matratze, verband ihr die Augen und entkleidete sie.

Vergeblich versucht, sich zu wehren

Die Geschädigte versuchte vergeblich, sich zu wehren und rief um Hilfe. Niemand hörte sie. Ihren Widerstand brach er letztlich mit der Drohung, er sei beim Militär gewesen und wisse, „wie man solche Dinge regelt“. Dann übte er mehrmaligen Geschlechtsverkehr mit dem Opfer aus. Dabei war ihm laut Vorsitzendem Richter bewusst, dass die 19-Jährige nicht einverstanden war.

Erich Fuchs erinnerte an die Angaben des 27-Jährigen in dem Prozess. Er hatte behauptet, die junge Frau habe Sex von ihm verlangt. Alles sei einvernehmlich geschehen. Die Nebenklägerin hingegen habe den Sachverhalt der Anklage bestätigt. „Wie in Schockstarre“ habe sie alles über sich ergehen lassen, zitierte der Vorsitzende Richter die 19-Jährige. Im Ergebnis habe die Kammer die Aussage des Opfers als voll glaubhaft bewertet.

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Bei der Konstellation „Aussage gegen Aussage“ seien die Angaben einer Belastungszeugin umfassend zu prüfen. Objektiv stehe fest, dass es zu einem Geschlechtsverkehr gekommen sei. An der Geschädigten seien Spermaspuren des 27-Jährigen nachgewiesen worden, dazu Hämatome, die mit der Opferaussage in Einklang zu bringen seien – auch nach Ansicht eines Rechtsmediziners.

In der Aussage der 19-Jährigen gebe es – wie beim Angeklagten – einige Widersprüche, „nicht jedoch zum Kerngeschehen“. Insgesamt seien die Angaben der Geschädigten konstant, schlüssig und detailreich: „Eine so vielschichtige Schilderung wäre bei einer Falschbelastung nicht zu erwarten.“ Die 19-Jährige habe kein Motiv, den 27-Jährigen falsch zu bezichtigen, habe außerdem keinen Belastungseifer gezeigt. Bis zu der Tat habe man sich nach ihren Worten bestens verstanden.

Belastungseifer nicht erkennbar

Von Zeugen sei dem Angeklagten ein guter Leumund ausgestellt worden. Auch sei er nicht als gewalttätig oder aggressiv aufgefallen, vielmehr als „guter Mensch“ beschrieben worden, fuhr Erich Fuchs fort. Und weiter: „Sexstraftaten werden aber auch von Leuten begangen, denen man sie nicht zutraut.“ Der 27-Jährige habe das vertrauensselige Verhältnis der Geschädigten zu ihm ausgenutzt.

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Insgesamt sei die Kammer überzeugt, „dass der Angeklagte die Vergewaltigung begangen hat“, hob Erich Fuchs heraus. Für eine Entscheidung zugunsten des 27-Jährigen mit Freispruch nach dem Grundsatz „in dubio pro reo“, „im Zweifel für den Angeklagten“, existierten keine Aspekte. Ein minderschwerer Fall der schweren Vergewaltigung sei zu verneinen. Der Strafrahmen betrage zwischen drei und 15 Jahren Haft. Der 27-Jährige habe einen Geschlechtsverkehr eingeräumt und keine massive Gewalt angewandt.

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Die psychischen Folgen für die Geschädigte seien aber ganz erheblich: „Sie ist immer noch schwer belastet und in Behandlung. Sogar eine stationäre Therapie ist angedacht.“ Eine Freiheitsstrafe von vier Jahren sechs Monaten sei schuld- und tatangemessen, schloss der Vorsitzende Richter. Der 27-Jährige nahm das Urteil nach außen hin ruhig auf. Beim Abschied von seiner Freundin hinterher flossen Tränen.

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