CORONA-LAGE IN DER REGION ROSENHEIM

Ein Jahr Corona: Mehr als eine Grippe - das sind die Folgen der Pandemie in der Region Rosenheim

Haben ein Ausnahmejahr hinter sich: die Ärzte und Pflegekräfte an den Romed-Kliniken in der Region – hier auf der Covid-Intensivstation in Rosenheim.
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Haben ein Ausnahmejahr hinter sich: die Ärzte und Pflegekräfte an den Romed-Kliniken in der Region – hier auf der Covid-Intensivstation in Rosenheim.
  • Michael Weiser
    vonMichael Weiser
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Leichtes Fieber, Organschäden oder sogar ein Schlagfall? Die Infektionen mit dem Corona-Virus und deren Folgen haben im vergangenen Jahr eine Vielzahl von Problemen bereitet. Neurologe Dr. Friedemann Müller kennt die schwerwiegenden Folgen des Virus. Das sind seine Erfahrungen nach einem Jahr Corona.

Rosenheim – Ein bisschen wie Grippe. Vielleicht ein bisschen unangenehmer, aber nicht wirklich gefährlich: Diesen Ruf hatte – und hat – Corona bei vielen Menschen. Und dann war da noch die Studie des Robert-Koch-Instituts in Bad Feilbach.

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Es stellte sich heraus, dass viereinhalb mal so viele Menschen die Infektion hinter sich gebracht hatten, als bislang durch positive Tests bekannt gewesen war. Viele von diesen Menschen hatten Corona nur schwach gespürt. Ein Zeichen für die geringe Durchschlagskraft des Virus?

Über 80 besonders gefährdet

Nur sehr bedingt. Wohl sind 95 Prozent der Verstorbenen über 80 Jahre alt, wohl ist bei jüngeren Menschen der Verlauf oft leicht bis unbemerkt. In einem Jahr Pandemie hat sich aber auch gezeigt: Wen es richtig erwischt, den erwischt es nicht selten auch noch richtig lang.

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Wie etwa die Rosenheimer Eishockey-Legende Markus Berwanger. Ein fitter Typ und doch noch Monate nach seiner Covid-19-Erkrankung im April nur bei 60 Prozent seines Lungenvolumens. Ihn traf Corona mit gehöriger Wucht. Andere Überlebende aber haben noch Monate darauf mit schwersten Folgen zu kämpfen.

Ärzte beobachten schwerste Verläufe

Dr. Friedemann Müller, Chefarzt an der Schön-Klinik Bad Aibling-Harthausen, über die Langzeitfolgen.

Dr. Friedemann Müller, Chefarzt an der Schön-Klinik Bad Aibling, kennt die Langstreckenfolgen von Corona aus seiner täglichen Arbeit als Neurologe. Er hat schwerste Folgen bis hin zu Schlaganfällen oder schweren Schädigungen des peripheren Nervensystems durch Corona beobachtet – bis zu dem Punkt, dass die Patienten ihre Atemmuskulatur nicht mehr steuern können.

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Ein Jahr nach Ausbruch der Pandemie sagt er seine Meinung zum Grippevergleich mit einigen Understatement: „Die schwerwiegenden und vielfältigen Organschäden, die Covid-19 verursachen kann, sieht man einfach bei der Grippe nicht.“

Was die Gesellschaft so zudem herausfordert, ist die Ansteckungsgeschwindigkeit. Was die Ärzte vor Probleme stellt, sind die vielen Gestalten und Facetten einer Corona-Infektion. Müller spricht von einer ungeheuren Bandbreite: „Es gibt 95-jährige Menschen, die ohne Symptome das Virus weitergeben, oder junge Erwachsene, die tatsächlich nur die Symptome einer leichten Grippe durchmachen.

Die Altersstruktur der Corona-Fälle in der Region und die Altersverteilung der Covid-Todesfälle seit Beginn der Pandemie vor inzwischen einem Jahr.

Aber es gibt eben auch 25-Jährige, die nach ihrer Erkrankung noch monatelang nichts oder nur Übles riechen und schmecken können.“

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Daten zu Corona-Erkrankungen sammelt man beim Romed-Klinikum in Rosenheim, aber auch in Bad Aibling geht man den Spuren des Virus nach. „Über 60 der Patienten, die wir in einem Jahr Pandemie in der Frührehabilitation nach schwerster Erkrankung behandelt haben, dürfen wir wissenschaftlich nachuntersuchen“, berichtet Friedemann Müller. „Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass viele dieser Patienten wieder mühsam lernen müssen, zu gehen und am Alltag teilzuhaben.“

Gerade im weiteren Verlauf der Genesung auch nach der Entlassung aus dem Krankenhaus sind sie in ihrer körperlichen und geistigen Belastbarkeit noch lange eingeschränkt. Müller: „Oft dauert es Monate, bis man wieder an eine normale Berufstätigkeit denken kann.“

Monate später noch massive Folgen

Was Müller besonders schockt, sind die vorher Gesunden im mittleren Erwachsenenalter, die knapp überlebt haben und deren Leben noch viele Monate von den massiven Folgen geprägt ist.

Markus Berwanger ist jetzt, bald elf Monate nach seiner Erkrankung, halbwegs über den Berg. „Es geht mir so weit gut“, sagt er. Er berichtet von einer multiplen Lungen-Embolie. Ein Medikament muss er noch einige Wochen deswegen nehmen, dann soll‘s ungefähr wie früher sein.

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Er verstehe Menschen, die wegen des Lockdowns murren, weil ihre Existenz als Selbstständiger bedroht ist, sagt er. „Was ich nicht verstehe, sind die Memschen, die behaupten, Corona gibt‘s doch gar nicht. Doch, kann ich nur sagen, den Kas gibt‘s!“

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