"Eigene Grenzen erforschen"

OVB
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400 Kilometer führte der Wettlauf auf Skiern durch die eisigen Weiten bis an den Südpol.

Die Antarktis zählt zu den lebensfeindlichsten Orten der Welt. Das Rennen zum Südpol zwischen dem Norweger Roald Amundsen und Robert Scott vor 100 Jahren endete mit dem Tod der englischen Expedition. Auch heute noch trauen sich nur wenige Menschen in die Wüste aus Eis und Schnee. Die Rosenheimerin Claudia Beitsch ging dieses Wagnis ein.

Rosenheim - Für die ZDF-Sendereihe "Der Wettlauf zum Südpol" trat sie im deutschen Team an. Vor zwei Tagen wurde das Finale ausgestrahlt. Claudia Beitsch verfolgte den Fernsehbeitrag vom gemütlichen Sessel aus mit und konnte gar nicht mehr so richtig glauben, dass sie diese Strapazen wirklich auf sich genommen hat.

Wo man auch hinsieht, nur Schnee und Eis. Temperaturen um die 40 Grad unter null sind ganz normal. Wer sich in die Antarktis wagt, ist endloser Weite und völliger Einsamkeit ausgesetzt. Aber was dieses Wissen in der Realität wirklich bedeutet, kann nur begreifen, wer es selbst am eigenen Leib erfährt.

So erging es auch Claudia Beitsch. Die 31-Jährige hörte durch Zufall im Radio von der Suche nach Teilnehmern für den ungewöhnlichen Fernseh-Wettkampf. "Mich hat immer schon gereizt, einmal meine Grenzen zu erforschen", erzählt die Rosenheimerin, die in ihrer Freizeit gerne Marathon läuft. Was ein Ausflug in die Antarktis aber wirklich bedeutet, das hat sie erst so richtig begriffen, als sie fünf Stunden lang in einer Kältekammer saß: "Vorher dachte ich immer, das kann man schon aushalten. Doch Kälte raubt die Lebenskräfte." Danach habe sie kurz ans Aufhören gedacht. "Doch man unterschreibt Verträge und steckt in dieser Sache voll drin. Also macht man weiter", erzählt die Rosenheimerin ganz offen.

Am Schluss setzte sie sich gegen über 1000 Bewerber durch. Claudia Beitsch ist sich sicher, nicht sportliche Leistung war entscheidend: "Es ging um Teamfähigkeit und mentale Stärke."

Die Rosenheimerin arbeitet als Diplom-Ingenieurin für Biotechnologie und ist tagtäglich unter anderem damit beschäftigt, Schnelltests für den Nachweis von Krankheiten zu entwickeln. Am 9. Dezember stieg Claudia Beitsch für vier Wochen aus diesem Alltag aus und brach auf in eine Welt, in der es sogar viele Krankheitserreger nicht schaffen, zu überleben.

Die Expedition brachte Claudia Beitsch bis an ihre Grenzen.

Möglichst nahe wollte das ZDF mit seiner Sendereihe den Bedingungen kommen, die die beiden Südpolpioniere Amundsen und Scott vor 100 Jahren vorfanden. Allerdings ganz genauso konnte der "moderne" Wettlauf nicht ablaufen. Denn Amundsen nahm Schlittenhunde mit, Scott Ponys. Tiere sind aber heute wegen der extremen Bedingungen in der Antarktis nicht mehr erlaubt. Das bedeutet, man muss die Schlitten selbst ziehen. "Dafür habe ich mit einem Autoreifen geübt", erzählt die Südpol-Bezwingerin.

Beide Teams bestanden aus vier Teilnehmern. Für die deutsche Seite starteten neben der Rosenheimerin ZDF-Moderator Markus Lanz, Extremsportler Joey Kelly und Triathlet Dennis Lehnert.

Nach einer Eingewöhnungsphase fiel der Startschuss für den Wettlauf am 20. Dezember. Am 2. Januar traf die Siegermannschaft am Pol ein. Dazwischen lagen Schneestürme, Gewaltmärsche und auch viel tägliche Routine mit Zeltaufstellen und Wasser schmelzen.

Trotz der ewigen Weite - Intimsphäre gab es während des Wettkampfs nicht. "Angesichts von Qual und Strapazen verliert aber vieles seine Wichtigkeit", stellt Claudia Beitsch fest.

Die ersten Tage waren für sie besonders schlimm. Da wollte sie beinahe aufgeben: "Mir tat alles weh und die drei Männer gingen einfach immer weiter. Das war so demotivierend." Anstatt mit Mitgefühl hätten die Männer mit Zorn reagiert. "Da machte es Klick. Ich wollte es denen zeigen. Von da an funktionierte ich wie eine Maschine", erzählt die mutige Frau. Die Kälte habe ihr weniger zugesetzt als die Müdigkeit. Irgendwann fange man an zu halluzinieren: "Ich glaubte, durch Dörfer mit Häusern zu gehen. Das war so real".

Zur Hälfte des 400 Kilometer langen Weges war schon klar, dass die Österreicher weit vorne liegen, obwohl ein Teilnehmer wegen Erfrierungen aufgeben musste. Aus einem Sieg wurde damit nichts. Doch das war für Claudia Beitsch am Ende gar nicht mehr so entscheidend. Sie weiß noch, wie es war, als sie die silberne Kugel erreichte, die diesen südlichsten Punkt der Welt symbolisiert. "War es das jetzt schon?", habe sie sich gedacht. Danach sei es endlich zum Duschen gegangen: "Das war dann das echte Erlebnis".

Der Alltag hat die Rosenheimerin schon seit vielen Wochen wieder. Am Anfang sei es schwer gewesen, sich in die Zivilisation einzufügen. Gewonnen habe sie durch die Extremerfahrung auf jeden Fall einiges: "Ich bin daran gewachsen".

Das Expeditionsfieber lässt die Rosenheimerin nun wohl nicht mehr los: "Ich spüre schon wieder eine Abenteuerlust in mir. Vielleicht breche ich eines Tages an den Nordpol auf."

von Karin Wunsam

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