Von der Dunkelheit ins Licht: Jana Zeh ist Missbrauchsüberlebende – und hilft nun anderen Opfern

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Will anderen Missbrauchsopfern helfen: Jana Zeh hat eine schlimme Vergangenheit. Aufgegeben hat sie trotzdem nie.
  • Anna Heise
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Sie ist jung, erfolgreich und sie hat eine schlimme Vergangenheit: Jana Zeh (20) aus Eggstätt. Jetzt spricht sie über zwei Vergewaltigungen, die sie für immer verändert haben. Eine Geschichte über eine junge Frau, die sich zurück ins Leben gekämpft hat.

Eggstätt – Zeh will Prävention betreiben. Jana Zeh hat eine angenehme Stimme. Sie lacht viel, macht Scherze. Sie erzählt von ihrem Studium in Gesundheitswissenschaften und der geplanten Veröffentlichung ihres ersten Buches. Sie spricht schnell, kommt nur selten ins Stocken. Auch dann nicht, als sie über ihre Vergangenheit spricht. Über die tiefe Traurigkeit, die Leere im Herzen und die beiden Männer, die sie vergewaltigt haben. „Ich bin eine Missbrauchsüberlebende“, sagt sie dann nur. Ganz ruhig, ohne ein Zittern in der Stimme. Das Wort Opfer mag sie nicht, fügt sie hinzu. Hat sie noch nie. 

Sie macht die Geschichte ihrer Vergewaltigung öffentlich

Lange hat Jana Zeh überlegt, ob sie ihre Geschichte erzählen soll. Ob sie den Teil von sich preisgeben soll, über den sie jahrelang geschwiegen hat. Schließlich entscheidet sie sich dafür. Kein einfacher Schritt, weiß auch Prof. Dr. Peter Zwanzger, der ärztliche Direktor des Inn-Salzach Klinikums in Wasserburg. „Vergewaltigung gehört definitiv zu den schlimmsten Traumaerfahrungen“, sagt er. Viele seiner Patientinnen empfinden Scham, fürchten sich davor, „dass ihnen nicht geglaubt wird“. 

Jana Zeh weiß, wovon der Psychiater spricht. Trotzdem entscheidet sie sich dazu, ihren Freunden und ihrer Familie von den Vergewaltigungen zu erzählen. Anschließend postet sie in den sozialen Medien ein Video von sich. Länge: 3:42 Minuten. 

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Bitte schaut euch das Video zu Ende an! Trotzdem eine Triggerwarnung, falls ihr euch nicht stabil fühlt oder durch das Thema "Sexualdelikte" getriggert fühlt, würde ich euch bitten das Video nicht anzuschauen. Ich habe lange überlegt, ob ich dieses Video posten soll. Ich habe mir überlegt, wie die Reaktionen sein könnte. Ob das alt bekannte "wenn du darüber sprichst, kann es dir gar nicht widerfahren sein" oder "du möchtest doch nur Aufmerksamkeit " kommt. Doch schlussendlich habe ich mich gegen meine eigenen Zweifel gestellt. Denn wenn ich nur einer Person das Gefühl geben kann, damit nicht allein zu sein, den Mut geben kann, dass sie/er sich jemanden anvertraut oder dass vielleicht sogar jemand den gleichen Schritt wie ich geht und eine Anzeige erstattet, wenn es nur einen Menschen da draußen gibt, dem ich mit diesem Video helfen konnte, egal in welcher Hinsicht, hat es sich gelohnt, gegen meine Bedenken zu handeln. Dieses Video soll unter anderem auch aufrütteln. Sexualdelikte passieren in der Welt und nur weil man nicht drüber redet, werden es auch nicht weniger. Bitte tabuisiert dieses Thema nicht und gebt Betroffenen den Raum darüber zu reden. Es ist so wichtig! Hilfe und Informationen findet ihr unter www.weisser-ring.de. Der @weisser_ring ist eine Hilfsorganisation für Opfer von Kriminalität. Egal ob ihr Fragen bzgl. einer Anzeige, weiteren Hilfsangeboten habt oder jemanden zum Reden braucht, sie stehen euch zur Seite. Ihr seid nicht allein! Und es gibt Möglichkeiten und Wege wie man das Erfahrenen verarbeiten kann. Ich gehe mit meinem Erlebten mittlerweile sehr offen um. Dadurch konnte ich bereits schon vielen die Möglichkeit geben, sich zu öffnen und ihr Schweigen zu brechen. Teilt das Video und tragt ein Stück weit mehr dazu dabei, dass diese Thema nicht tot geschwiegen wird. • #abusesurvivor #mentalhealth #mentalhealthrecovery #borderline #depression #anxiety #mentalhealthawarness #mentalhealthblogger #mentalhealthmatters #mentalillness #mhms #ptsd #ocd #selflove #selfcare #beyourself #loveyourself #abuse #recovery #respectdepression #suicideprevention #mentalhealthsupport #mentalhealthadvocate #mentalhealthquotes #endthestigmaofmentalhealth

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Jana Zeh trägt einen schwarzen Pullover und schaut mit ernstem Blick in die Kamera. In ihren Händen hält sie zehn weiße Din-A4-Blätter. Mit einem schwarzen Stift hat sie auf jedes einen Satz geschrieben. „Hey, ich heiße Jana“ steht da. Sie wartet einige Sekunden, dann tauscht sie das Blatt gegen ein anderes aus. Dort steht: „Ich wurde im Alter von 14 und 17 von zwei verschiedenen Männern vergewaltigt“. Knapp 2000 Menschen haben sich das Video mittlerweile angeschaut. Einige Hunderte haben einen Kommentar hinterlassen. „Super mutig“ steht da, oder „Respekt Jana“. Sie bekommt Nachrichten von anderen Missbrauchsüberlebenden. Einige bedanken sich für ihren Mut, andere fragen nach Rat. „Ich bin froh, dass ich mich getraut habe, darüber zu sprechen“, sagt sie. 

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Sie erzählt von dem Tag vor sechs Jahren im Türkeiurlaub. Sie war 14, ihr Vergewaltiger fast doppelt so alt. Er habe sie auf die Toilette gezerrt, ihr Schreien und Betteln zum Aufhören ignoriert. „Ich wusste damals überhaupt nicht, was passiert ist“, sagt sie. Sie behält es für sich, tut so, als ob nichts gewesen wäre. „Ich habe alle Erinnerungen an diesen Tag komplett verdrängt“, sagt sie. Kein seltenes Phänomen, sagt Zwanzger: „Das Verdrängen ist ein psychologischer Mechanismus, der oftmals hilft mit dem Alltag zurechtzukommen. Er kann aber auch die Aufarbeitung eines Traumas behindern.“ 

Ihr fehlt die Leichtigkeit 

Mittlerweile weiß das Jana Zeh. Damals wollte sie das Geschehene einfach nur vergessen. „Ich wollte wieder ein normales Leben“, sagt sie. Sie geht weiter zur Schule, unternimmt Dinge mit ihren Freunden. Aber die Leichtigkeit fehlt. Sie ist ernster, erwachsener, voller Kummer. Eine Ärztin stuft sie als depressiv ein. Sie verliert Freunde, beginnt sich zu ritzen und versteckt die Narben unter den langen Ärmeln ihres Pullovers. Sie zieht sich immer mehr zurück, versucht, ihren Kummer mit sich selbst auszumachen. 

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Mit 16 vertraut sie sich schließlich ihrer besten Freundin an. Erzählt, was damals in der Türkei passiert ist. „Ich wusste einfach, dass ich mit irgendjemanden darüber reden muss“, sagt Jana Zeh. Es scheint aufwärts zu gehen, wenigstens ein bisschen. Bis sie mit 17 erneut vergewaltigt wird. Dieses Mal von einem Bekannten, wie sie sagt. Für Jana Zeh bricht eine Welt zusammen. „Ich habe mich immer wieder gefragt, was ich falsch gemacht habe.“ 

„Ich habe schließlich den Schmerz zugelassen“

Lange Zeit glaubt Zeh, dass sie selbst Schuld daran ist, dass sie vergewaltigt wurde. Wie sonst könnte eine so schreckliche Sache gleich zwei Mal passieren. Weil sie mit der Gesamtsituation nicht klarkommt, versucht sie, sich umzubringen. Sie scheitert, entscheidet, sich selbst in eine Klinik einzuweisen. Dort spricht sie zum ersten Mal mit einer Therapeutin über das Geschehene. „Ich habe schließlich den Schmerz zugelassen“, sagt sie. Immer wieder hat sie Flashbacks, erinnert sich an Gerüche, das Gefühl der Hilflosigkeit. „Irgendwie habe ich es geschafft, mich neu zusammenzubauen“, sagt sie.

Sie gründet die Selbsthilfegruppe „Ich bin nicht alleine“, schreibt auf ihrem Blog über ihre Gefühle und nimmt einen Podcast auf. 

Anzeige gegen die beiden Männer 

Die beiden Männer hat sie mittlerweile – nach langen Überlegungen – angezeigt. Einer der beiden wurde bereits zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, die zu einer dreijährigen Bewährung ausgesetzt wurde. Laut Zwanzger komme es aber auch immer wieder vor, dass Missbrauchsüberlebende ihre Täter nicht anzeigen. „Die Scham ist einfach zu groß. Viele wollen die Befragung und die Nachuntersuchung vermeiden“, sagt der Psychiater. 

Noch schwieriger sei es für diejenigen, die ihren Täter kennen – so wie es eben bei Jana Zeh der Fall war. Dass sie sich trotzdem für die Anzeige entscheidet begründet sie so: „Ich wollte einfach verhindern, dass sie das Gleiche einer anderen Frau antun“, sagt Jana Zeh. 

Negative Kommentare 

Heute weiß sie, dass die Vergewaltigungen nicht ihre Schuld waren. Sie hat gelernt, mit negativen Kommentaren umzugehen und sich den Fragen „Was hattest du an?“ oder „Hast du dich genug gewehrt“ zu stellen, ohne ein Schuldgefühl zu entwickeln. „Ein Missbrauchsüberlebender hat niemals Schuld“, sagt sie. Mit jedem Tag, der vorbeigeht, schließt sie mehr Frieden mit sich und ihrer Vergangenheit. Vergessen und Abschließen wird sie aber nie können. „Das Trauma ist eine Verletzung der Seele und hinterlässt bei den Betroffenen für immer eine Narbe“, sagt auch Zwanzger. Jana Zeh fügt hinzu: „Die Männer haben einen roten Handabdruck auf mir hinterlassen. Den werde ich für immer mit mir herumtragen.“

 Ihr Lachen aber, das hat sie wiedergefunden. 

Hilfsangebote und zusätzliche Informationen

Wie das Polizeipräsidium Oberbayern Süd mitteilt, hat es im vergangenen Jahr 17 Fälle von Vergewaltigungen und sexueller Nötigung im Landkreis Rosenheim und neun Fälle in der Stadt Rosenheim gegeben. 2018 gab es im Landkreis 18 Fälle, in der Stadt 12. Eine Anlaufstelle für Opfer und Missbrauchsüberlebende ist der Weiße Ring. Der kann unter der Hotline 116 006 erreicht werden. Betroffene im Landkreis können sich direkt unter Telefon 0151-55164800 bei den Mitarbeitern des Weißen Rings melden. 

Betroffenen wird geraten, nach der Tat, so schnell wie möglich mit den Mitarbeitern des Weißen Rings Kontakt aufzunehmen. Nach der Kontaktaufnahme besteht die Möglichkeit, gemeinsam mit einem Mitarbeiter zur Rechtsmedizin nach München zu fahren, um Spuren zu sichern. Auch bietet der Weiße Ring neben den Gesprächen, Unterstützung beim Umzug oder organisiert ein Erstgespräch mit einem Anwalt. 

Wichtig zu wissen ist, dass der Weiße Ring den Betroffenen die Entscheidung überlässt, ob sie den Täter anzeigen wollen oder nicht. Die Betroffenen können beim Weißen Ring zwischen männlichen oder weiblichen Mitarbeitern wählen.

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