Polizei findet keine Beweise

Prozess um Doping im Sport: Keine Ermittlungen mehr gegen Mediziner aus Region Rosenheim

Alles ins Laufen gebracht: Langläufer Johannes Dürr wurde 2014 des Dopings überführt und belastete auch einen Rosenheimer Mediziner.
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Alles ins Laufen gebracht: Langläufer Johannes Dürr wurde 2014 des Dopings überführt und belastete auch einen Rosenheimer Mediziner.
  • Michael Weiser
    vonMichael Weiser
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Mark Schmidt hat gestanden, der Arzt aus Erfurt schilderte im großen Doping-Prozess vor dem Landgericht in München, wie er Athleten leistungssteigernde Mittel verabreichte. Um einen einstigen Mitverdächtigen, einen Arzt aus der Region Rosenheim, ist es ruhig geworden. Was der Staatsanwalt dazu zu sagen hat.

Rosenheim – Mark Schmidt hat Doping gestanden. Welche Rolle aber spielte einer seiner Mitverdächtigen, ein Arzt aus dem südlichen Landkreis Rosenheim? „Die Ermittlungen wurden eingestellt.“ Das meldet die Staatsanwaltschaft Innsbruck auf Anfrage der OVB-Heimatzeitungen zu den Fortschritten der Operation „Aderlass“ in der Region.

Von geständigen Dopingsündern schwer belastet

Der Mediziner (80) war im August vergangenen Jahres unter Verdacht geraten. Die Ermittler schienen damals ihrer Sache sicher. Der Mann, der seit 2006 als leitender Teamarzt für den Österreichischen Skiverband (ÖSV) fungiert habe, sei von geständigen Dopingsündern schwer belastet worden, sagte seinerzeit Staatsanwalt Thomas Willam in Innsbruck.

Die Ermittler haben sich damals vermutlich zu weit aus dem Fenster gelehnt. Von den OVB-Heimatzeitungen nach dem Resultat der Ermittlungen befragt, gibt sich die Behörde jetzt wortkarg. Man habe nichts strafrechtlich Relevantes entdeckt, heißt es schlicht.

Hausdurchsuchung am 79. Geburtstag

Dem Mediziner, selbst begeisterter Radsportler, ist die Genugtuung anzuhören, als er über die Ermittlungen berichtet. Und über eine ergebnislose Razzia an seinem 79. Geburtstag. 13 Beamte von Polizei und Zoll waren damals angerückt, um sein Haus zu durchsuchen.

Das Ergebnis? „Die Polizisten haben alles von unterm Dachboden bis zum Keller auf den Kopf gestellt, aber nichts gefunden“, sagt er. „Beschlagnahmt wurden ein Laptop und ein Handy, dazu zwei alte Handys meiner Frau. Die wurden ausgelesen, aber auch da hat man nichts gefunden.“ Wie schon damals weist er Verdächtigungen zurück. Mit Doping habe er nie etwas zu tun gehabt, beteuert er.

Epo in großem Stil geliefert?

Die Affäre hatte der österreichische Skilangläufer Johannes Dürr ausgelöst. Dürr war 2014 bei den Olympischen Spielen in Sotschi des Dopings überführt worden, er wurde gesperrt, zerstritt sich mit dem Skiverband – und packte aus. In der Folge wurden reihenweise weitere Sportler erwischt – und der Erfurter Mediziner Mark Schmidt geriet als Strippenzieher im grenzüberschreitenden Doping-Netzwerk in den Fokus der Ermittler.

Dürr berichtete den Fahndern erstmals von der angeblichen Verstrickung des Rosenheimer Mediziners in die unsauberen Geschäfte. Eine Angabe, die dann auch noch der Trainer Dürrs, Gerald Heigl: Es sei der Arzt aus Oberbayern gewesen, der Erythropoetin, kurz: Epo, in großen Mengen angeliefert habe.

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Es überrasche ihn nicht, „dass es wieder einen deutschen Arzt erwischt hat“, sagte daraufhin Lars Mortsiefer, Geschäftsführer der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada). Doch nachweisen ließ sich nichts. Die Nada zieht sich auf Nachfrage der OVB-Heimatzeitungen auf Gemeinplätze zurück. Als „maßgebliche Instanz“ für den sauberen Sport gehe die Nada „kontinuierlich“ weiteren Hinweisen auf mögliche sportrechtliche Verstöße gegen Anti-Doping-Bestimmungen nach, lässt ein Sprecher der Stiftung wissen. Soweit sich ein Verdacht erhärte, könne man tätig werden.

Zu erhärten war offenbar nichts. Nach den vagen Entgegnungen von Fahndern und Ahndern darf man sagen: Der Verdacht blieb windelweich. Wer der deutsche Epo-Arzt war – es bleibt vorerst im Dunkeln.

Nur ein Berater, kein Teamarzt

Dass die Ermittler Unrat witterten, dass die Geschichte ominös bleibt, liegt auch am österreichischen Skiverband. Der hatte sich schließlich reichlich hemdsärmelig seines bayerischen Mitarbeiters versichert. 2006, der Mediziner war eben 63 geworden, hatte der Pathologe seine Firma verkauft und den Ruhestand angepeilt.

Doch dann habe das Telefon geläutet. Am anderen Ende der Leitung ein Bekannter: Verbandspräsident Peter Schröcksnadel: „Sag mal, willst du dich nicht um unser Medizin-Management kümmern?“ Das sagt der Arzt. Er habe „mehr mit Verwaltung“ zu tun gehabt. „Ich habe den Präsidenten beraten.“ Berater? Das ist dann doch etwas anderes als verantwortlicher „Teamarzt“, wie es offenbar jahrelang auf der ÖSV-Homepage zu lesen gewesen war.

Erfurter Arzt Mark S. seit eineinhalb Jahren in U-Haft

Der Arzt sei zu keinem Zeitpunkt in einem Dienstverhältnis zum ÖSV gestanden, er habe seine Tätigkeit ehrenamtlich ausgeübt, sagt heute dazu eine Verbandssprecherin. Nachfragen nach der genauen Funktion des Mediziners blieben bislang unbeantwortet.

Mark Schmidt sitzt seit eineinhalb Jahren in U-Haft. Ihm und seinen Komplizen werden 150 Doping-Vergehen vorgeworfen, es droht eine Haftstrafe. Es gibt auch nach dem Geständnis viele Fragen zu klären. Etwa, wie teif sein Netzwerk in die Radsportszene reichte.

Der Arzt-Kollege aus dem Landkreis Rosenheim hingegen ist beim Anruf des OVB-Reporters eben von einer kleinen Runde mit dem Rennrad heimgekehrt. „Ich lebe sehr gesund“, sagt er.

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