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Verpasste Chancen, gekränkte Pflegekräfte und voreilige Sommer-Gefühle

Diese Spahn-Aussage hält Rosenheimer Klinik-Chef für „größten Fehler des Pandemie-Managements“

Tägliches Geschäft: Ein Covid-Patient wird in die Romed-Notaufnahme eingeliefert.
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Tägliches Geschäft: Ein Covid-Patient wird in die Romed-Notaufnahme eingeliefert.
  • Michael Weiser
    VonMichael Weiser
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Rosenheim – Belastete Kliniken, ausgelaugte Mitarbeiter: Die Romed-Kliniken befand sich auch 2021 wegen Corona in einer fordernden Lage. Über verpasste Chancen, gekränkte Pflegekräfte und voreilige Sommer-Gefühle spricht Romed-Geschäftsführer Dr. Jens Deerberg-Wittram mit den OVB-Heimatzeitungen.

Und immer wieder grüßt Corona: Vor gut einem Jahr saßen wir bereits zusammen. Damals bedauerten Sie, dass die Weihnachtsfeier ausfallen muss.

Dr. Jens Deerberg-Wittram: Ja, leider. Tatsächlich hatten wir vergangenes Jahr genau um diese Zeit herum das Gefühl, es gebe gute Gründe zum Feiern, sich auf die Schultern zu klopfen für das Erreichte. Das ging nicht. Zum Sommer hin haben wir es auch verpasst, weil wir ja so lange im Lockdown waren. Keiner von uns hat damals die Kraft gehabt, etwas zu planen. Im Sommer war es dann zu spät. Und heuer wird’s nun wieder nichts.

Romed-Geschäftsführer Dr. Jens Deerberg-Wittram.

Ja, man hat das Gefühl, in einer Endlosschleife gefangen zu sein. Wann wird es denn mal wieder normal?

Deerberg: Also, Normalität kann erst dann wieder geben, wenn eine möglichst breite Immunisierung der Bevölkerung erreicht ist. Sprich, wenn das Virus schlicht keinen Wirt mehr finden kann, den es infizieren kann. Bei einer Rate von 80, 85 Prozent vollständig Geimpften oder Genesenen kann man davon ausgehen, dass es zu keinen krisenhaften Ausbrüchen oder Wellen mehr kommt. Die beiden einzigen Möglichkeiten sind also die Infektion oder die Impfung. Und da wir von flächendeckenden Infektionen absehen sollten – wir wissen aus anderen Ländern, dass es dann immer viele vermeidbare Todesfälle gibt –, ist die einfachste und segensreichste Lösung die Impfung.

„Haben den Effekt der Auffrischung unterschätzt“

Womit wir uns in einem Wettlauf mit einer neuen Variante befinden.

Deerberg: Die Omikron-Variante, die sich jetzt mit rasender Geschwindigkeit ausbreitet ist nach Expertenschätzungen drei- bis fünfmal so infektiös wie die bisher dominierende Deltavariante. Die Bedeutung der schnellen und vollständigen Impfung aller ist jetzt also größer denn je.

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Man hätte seit dem Sommer wissen können, dass der Effekt der Impfung nachlässt. Haben wir das Boostern verpennt?

Deerberg: a. Wir haben diesen aus Israel bekannten Effekt in der Tat unterschätzt. Man hätte die Bevölkerungsgruppen, die am meisten unter der Infektion leiden, viel früher boostern müssen. Auf der anderen Seite sollten wir jetzt aber nicht in Panik verfallen: auch wenn der Impfschutz nach vier Monaten langsam nachlässt, blieb bisher in der Regel eine gute und gesunde Immunantwort bestehen, die vor schweren Verläufen schützte. Wir müssen hoffen, dass das auch für Infektionen mit der Omikron-Variante so gilt. Die Patienten, die auf die Intensivstation gekommen oder gestorben sind, obwohl sie geimpft waren, waren in aller Regel Menschen mit schweren Grunderkrankungen. Bei diesen sehr geschwächten Patienten hätte jede andere schwere Infektion auch zum Tode hätte führen können. Die Behauptung ist schlicht Blödsinn, auf den Intensivstationen stürben auch viele Geimpfte und deshalb sei die Impfung also wirkungslos. Richtig ist vielmehr, dass viele Infizierte wegen der Impfung keine schweren Verläufe erleben, und deshalb gar nicht erst ins Krankenhaus und gar auf die Intensivstation kommen.

Viele Menschen wollten Corona im Sommer richtig hinter sich lassen, mit Fußball-EM, Reisen, Kneipen. Was dachten Sie da?

Deerberg: Das kam für mich zu früh. Wir waren ja noch bis April im Lockdown gewesen und damit in einer Situation, die für die Mitarbeiter bei RoMed sehr bedrohlich war. Andererseits habe ich mich über den schönen Sommer auch gefreut, auch darüber, dass ich mich in vielerlei Hinsicht frei bewegen konnte. Aber wir haben hier bei Romed schon früh begonnen alle Mitarbeiter auf Intensivstationen und in anderen Risikobereichen nach dem Schema der Charité ganz früh zu boostern. Wir haben die Pandemie also nie unterschätzt. Trotzdem muss ich zugeben, dass ich mir auch keine Gedanken darüber gemacht habe, ob man schon im Spätsommer die Menschen in den Pflegeheimen hätte boostern müssen.

2020 hatten wir von Anfang November bis April einen Lockdown, und das bei geringeren Klinik-Auslastungen. 2021 passierte erst mal gar nichts. Lag es an der Bundestagswahl, dass die Politik so spät reagiert hat?

Deerberg: Ja, der Wahlkampf hat sicherlich eine erhebliche Rolle gespielt. Das erste Jahr der Krise war durch Tatkraft und eine beeindruckende Schnelligkeit von Entscheidungen geprägt, für die es auch einen breiten politischen Konsens gab. Es waren eigentlich nur politische Randgruppen, die aus diesem Common Sense für Lockdown und Maskenpflicht ausgeschert sind. Das hat sich mit dem Wahlkampf im Sommer sehr verändert. Wir hatten im Spätsommer dann sogar eine Phase, in der überhaupt keine Entscheidungen mehr getroffen wurden. In dieser Zeit der politischen Tatenlosigkeit kam mit dem Abschluss der Bundestagswahl das Argument ins Spiel, man könne auf Ebene des Bundeslandes gar nichts machen, weil ja Berlin nichts entscheiden würde. Das fand ich bemerkenswert, weil noch im Jahr zuvor in München immer wieder betont wurde, man mache die Corona-Politik in München nicht abhängig von Vorgaben aus Berlin. In Bayern begann zum Beispiel der Lockdown im Herbst 2020 fünf Tage vor dem Bundes-Lockdown. Diese Tatkraft der Staatsregierung war mit der Wahl weg und sie kommt erst jetzt wieder zurück.

Mitarbeiter im Gesundheitswesen nicht stigmatisieren

Gesundheitsminister Jens Spahn hatte frühzeitig versichert: Keine Impfpflicht!

Deerberg: Aus meiner Sicht der größte Fehler des gesamten Pandemie-Managements. Es wäre zu diesem Zeitpunkt das einzig richtige gewesen, die demokratischen Parteien darauf einzuschwören, dass Impfung die einzige Möglichkeit ist, aus der Pandemie wieder herauszukommen. Es hätte dafür genügend wissenschaftliche Anhaltspunkte gegeben, auch historische Beispiele; man hätte sich darauf verständigen müssen, dass man mit dem Thema nicht gegeneinander Wahlkampf macht. Das hatte in den Monaten zuvor ja auch geklappt. Bis vor wenigen Wochen hat man stattdessen noch diskutiert, ob stellvertretende Ministerpräsidenten sich impfen lassen müssen. Wenn man so etwas durchgehen lässt, bekommt man das, was wir vom ersten Tag an vom Virus bekommen haben. Nämlich eine trockene und brutale Mischung aus Infektionen, Erkrankungen und Tod: Das Virus hält immer Wort.

Reicht es nicht, bestimmte Berufsgruppen wie im Gesundheitswesen zu impfen?

Deerberg: Vorweg: Ich bin unbedingt der Meinung, dass Menschen, die Kranke pflegen und betreuen, eine besondere Verpflichtung haben, Schaden von ihren Patienten abzuwenden. Deswegen ist es besonders wichtig, dass sich Menschen in Pflegeheimen, Arztpraxen und Krankenhäusern sich impfen lassen. Aber wir müssen aufpassen, dass wir diese Menschen, die ja in der Pandemie eine ganz besondere Last tragen, nicht auch noch zusätzlich stigmatisieren. Das wäre zutiefst ungerecht. Wir wissen außerdem, dass das Infektionsgeschehen überall stattfindet, am Arbeitsplatz, in öffentlichen Verkehrsmitteln. Jeder kann sich infizieren und andere anstecken. Deswegen muss sich auch jeder impfen lassen, ausgenommen die, bei denen es aus medizinischen Gründen nicht geht. Wir sollten auch erstmal eine klare Empfehlung der Stiko abwarten, was das Impfen von Kleinstkindern angeht.

Ist ein Ende der vierten Welle abzusehen?

Deerberg: Seit einigen Tagen sehen wir sinkende Inzidenzzahlen. Mit ein paar Tagen Verzögerung führen diese auch zu einem Rückgang der Krankenhausfälle. Aber es sind auch heute noch etwa ein Drittel der Intensivbetten mit Corona-Patienten belegt. Diese Betten können wir ohnehin nur betreiben, weil wir Kolleginnen und Kollegen aus anderen Arbeitsbereichen und Kliniken zusammengezogen haben. Das ist eine ganz dramatische und sehr belastende Situation, die uns jeden Tag zwingt, Kompromisse bei der Versorgung machen zu müssen, die Patienten gefährden. Deswegen geht es uns als Romed-Verbund insgesamt und den Menschen, die dort arbeiten, nach wie vor schlecht.

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„Für die Kollegen eine tiefe Kränkung“

Warum schafft man nicht mehr Betten an?

Deerberg: Betten haben wir genug, wir haben sogar das Privileg, dass wir eine komplette leere Intensivstation im Altbau haben, weil wir während Corona-Zeiten in ein neues Gebäude umgezogen sind. Wir haben also mehr als genug Betten, und auch Beatmungsgeräte sind auf dem Markt. Das Problem ist das Personal, und das Personal war in diesen hochspezialisierten Bereichen immer schon knapp. Es ist wegen der Belastung in der Krise noch knapper geworden.

Wie viel Personal haben Sie verloren?

Deerberg: Das ist schwer zu quantifizieren. Was wir nur vereinzelt sehen, ist, dass Kollegen von einem Tag auf den anderen kündigen. Wir sehen dafür mehr Mitarbeiter in Teilzeit gehen, weil sie die Belastungen nicht mehr aushalten und einfach einen Tag mehr zum Verschnaufen brauchen. Zweitens haben wir durch Ausfälle von schwangeren Mitarbeiterinnen, die wegen der Pandemie schon früh ins Beschäftigungsverbot müssen. Drittens gehen ältere Kollegen verstärkt in Altersteilzeit. Das Hauptproblem ist aber unsere ganz normale Fluktuation. Es gelingt uns einfach oft nicht mehr, frei werdende Stellen nachzubesetzen wie in den Jahren vor der Pandemie. Dazu kommt ein hoher Krankenstand.

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Was macht es mit Menschen, die auf der Intensivstation schwer arbeiten, wenn Patienten bis zum bitteren Ende mit ihnen streiten, ob Corona nicht doch nur Einbildung ist?

Deerberg: Das ist für die Kollegen eine tiefe Kränkung. Die Menschen, die bei uns arbeiten, bewerten ihre Patienten nicht. Sie fragen nicht, ob ein Patient an seiner Krankheit schuld ist oder nicht. Sie erwarten von den Patienten auch nicht, dass sie vor Dankbarkeit auf die Knie gehen. Aber sie erwarten eine bestimmte Haltung, einen Respekt für ihre Arbeit. Diese beiden Kategorien geraten jetzt manchmal ins Rutschen. Aktiv gegen Ignoranz ankämpfen zu müssen, führt bei Pflegenden und Ärzten zu einer Art Resignation: Ich möchte keine Patienten behandeln, die die Existenz der Krankheit abstreiten und ihre Arbeit nicht wertschätzen. Solche Gedanken führen dann zu einer Erosion des Wertesystems, die meine Kolleginnen und Kollegen stresst.

In Wirklichkeit aber stehen Patienten schon längst hintenan. Es werden je wichtige Behandlungen und Untersuchungen verschoben. Wie krank ist das Gesundheitssystem, was ist schiefgegangen?

Deerberg: Man hat schlicht unterschätzt, mit welcher Dynamik sich die Pandemie weiterentwickeln kann. Wir haben die Wucht der ersten Wellen vergessen und offensichtliche Erkenntnisse ausgeblendet. Es war zum Beispiel immer klar, dass die Wildtyp und die Alpha-Variante viel weniger aggressiv sind als die Delta-Variante. Jetzt wissen wir, dass sich Omikron viel schneller ausbreiten wird als alle anderen Varianten. Und obwohl wir das alles wissen, ist die Impfquote unter anderem hier in dieser Region wirklich schlecht, und wir waren nachlässig bei Kontrollen von Testvorgaben und Abstandsregeln. Da hätte man früher viel mehr unternehmen müssen.

„Ich schätze Karl Lauterbach als Fachmann“

Legt Corona nicht nur offen, was zuvor versäumt worden war? Stichwort Pflegekräftemangel.

Deerberg: Wir haben in Deutschland nicht wenig Pflegekräfte. Innerhalb der OECD gibt es kaum ein Land, in dem so viele Pflegende arbeiten. Wir haben 13,9 Pflegekräfte pro 100.000 Einwohner, im OECD Durchschnitt sind es nur 8,8. Das Problem ist: Wir haben zu viele Krankenhäuser und Betten und zu lange Verweildauern im Krankenhaus. Deswegen haben wir einen relativen Pflegemangel, aber keinen absoluten. Ich bin skeptisch, dass das Anwerben ausländischer Pflegekräfte oder höhere Löhne alleine dieses Problem lösen werden. Wir müssen uns uns vielmehr um die Versorgungsstrukturen kümmern, damit die Pflegekräfte effizient arbeiten können und wirklich den Patienten helfen, die professionelle Pflege brauchen.

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Viel Arbeit für die neue Bundesregierung und ihren Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD). Werden Sie dem genauso schreiben wie vor einem Jahr Jens Spahn?

Deerberg: Kann ich mir gut vorstellen. Ich schätze Herrn Lauterbach als Fachmann, der sich mit Epidemologie und neuerdings auch mit Virologie wirklich gut auskennt. Aber auch er wird sich nicht danach messen lassen können, wie viel kluge Sachen er in Talkshows sagt, sondern danach, ob er die Sachen durchgesetzt bekommt. Ich betrachte es natürlich als meine Bürgerpflicht und auch als Teil meiner Rolle bei Romed, die Politik auf Verbesserungsmöglichkeiten hinzuweisen. Tatsache ist, dass es riesigen Handlungsbedarf gibt. Nicht nur wegen der Pandemie, sondern auch hinsichtlich der Versorgungslandschaft in den nächsten Jahren.

Wie sieht Ihre Bilanz dieses Jahres aus?

Deerberg: Wir haben gelernt, dass wir im Verbund sehr gut zusammenarbeiten können. Wir haben auch das trägerübergreifende Zusammenarbeiten in der Region deutlich verbessert. 2021 war ein Jahr, das neben den irren Belastungen und schrecklichen Erfahrungen auch versöhnliche Erfahrungen brachte, weil wir an vielen Stellen als Institution besser geworden sind. Aber wir wissen auch, dass wir 2021 an die Substanz unserer Mitarbeiter gegangen sind. Wir werden erst viel später merken, wie viel davon zurückbleibt. Auf der anderen Seite bin ich unheimlich stolz. Die Leistung, die hier über so eine lange Zeit von so vielen Kolleginnen Kollegen gebracht worden ist, wird nicht nur regional gesehen, sondern auch national und international. Romed ist ein einzigartigen Versorgungssystem, das auch unter schwerstem Beschuss und unter höchster Belastung eine exzellente Versorgung sicherstellt.

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