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Die Auswirkungen der Corona-Krise auf die psychische Gesundheit

Rosenheimer Psychotherapeut: „Es gibt seit Corona drei Gruppen von Menschen mit Angst und Panik“

  • Jennifer Bretz
    VonJennifer Bretz
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Die Politik diskutiert über einen härteren Lockdown, um die Infektionszahlen zu senken. Psychologen sorgen sich um negative Folgen der Corona-Politik. Der Rosenheimer Psychotherapeut Wolfgang Lederhuber berichtet von seinen Erfahrungen während der Corona-Krise.

Corona stellt die meisten Menschen seit über einem Jahr vor Herausforderungen. Wer vor allem leidet, ob ein gesellschaftliches Klima krank machen kann und wie sich die Corona-Krise und die damit verbundenen fortgesetzten Lockdowns auf die psychische Gesundheit der Menschen auswirken, erklärt Wolfgang Lederhuber, seit 1989 Psychoterapeut in eigener Praxis in Rosenheim, im Gespräch mit rosenheim24.de:

Interview mit Psychotherapeut Wolfgang Lederhuber

Redaktion: Wie ist seit der Corona-Pandemie die Nachfrage in ihrer Praxis. Merken Sie eine Veränderung?
Wolfgang Lederhuber: Ja definitiv. Seit Beginn der Pandemie habe ich deutlich mehr Anfragen.
Redaktion: Sind seit Beginn der Corona-Krise und den damit verbundenen Lockdowns neue psychische Probleme und Symptome aufgetreten, die es davor so vielleicht noch nicht gab?
Wolfgang Lederhuber: Ja. In meiner Praxis und auch in meinem privaten Umfeld beobachte ich neuerdings drei Gruppen von Menschen, die von Angst und Panik befallen sind.
Das sind zum einen Menschen mit Virenpanik.
37 Prozent der Menschen in Deutschland haben laut einer Umfrage von Infratest dimap große oder sehr große Angst, demnächst schwer oder sehr schwer an COVID zu erkranken. Das ist eine massive Überschätzung des Erkrankungsrisikos. Diese Menschen sind von Angst und Panik vor dem Virus geflutet.
Dann gibt es Menschen, die Angst und Panik vor Existenzvernichtung haben.
Dazu zählen die von den Lockdowns betroffenen Selbstständigen z.B. im Kunst- und Kulturbereich, Gastronomie und Hotellerie, Fremdenverkehr, Fitnessstudios, Geschäfte, Sportveranstalter, Freizeitparks und noch viele mehr. Dabei geht es ihnen nicht nur um die materielle Existenz, sondern auch um die Ohnmacht, ein Lebenswerk nicht weiterführen zu können.
Und die dritte Gruppe sind die Menschen, die Angst um unsere Demokratie haben.
Das sind die Menschen, die die zentralen Grundrechte in Gefahr sehen, wie es beispielsweise Heribert Pranktl ausdrückt: z.B. die freie Entfaltung der Persönlichkeit, die ungestörte Religionsausübung, die Versammlungsfreiheit, die Freizügigkeit, die freie Berufsausübung und so weiter. Diese Menschen sehen unverhältnismäßige Verordnungen, eine Missachtung der Gewaltenteilung, ein Klima des gesellschaftlichen Misstrauens, der Denunziation und fragen sich: „Bleibt das so? Wird das gar noch schlimmer?“
Die Ängste und Panik all dieser Menschen sind jeweils sehr ernst zu nehmen. Es schafft eine tiefe gesellschaftliche Kluft, eine andere Gruppe z.B. mit Etiketten wie „Corona-Leugner“ oder „Covidioten“ zu beleidigen, um nur die gängigsten Etiketten zu nennen. Ein solches gesellschaftliches Klima macht letztendlich krank.
Redaktion: Wie kann ein gesellschaftliches Klima aus psychologischer Sicht krank machen?
Wolfgang Lederhuber: Indem es die Menschen unter dauerhaften Stress setzt. Unser Organismus ist auf die Bewältigung von kurzfristigem Stress ausgerichtet. Dann muss er sich allerdings entspannen und erholen können. Unser derzeitiges gesellschaftliches Klima ist jedoch geprägt von Daueralarm, seit über einem Jahr, während unsere Möglichkeiten zur Erholung durch den Lockdown massiv eingeschränkt sind. Dieser anhaltende Daueralarm versetzt viele Menschen in dauerhafte Anspannung, überfordert die Fähigkeiten zur Stressbewältigung und macht letztendlich krank. Diese chronische Stresssituation mündet in zunehmender emotionaler und körperlicher Erschöpfung. Typische Symptome sind: Gereiztheit, Konzentrationsschwierigkeiten, man hat keinen Antrieb mehr, die Lebensfreude geht verloren, nicht selten wird Ausgleich durch übermäßiges Essen oder Alkohol gesucht. Es geschieht schließlich ein seelischer Einbruch, meist in Form einer depressiven Entwicklung.
Redaktion: Was ist in dieser Situation aus psychologischer Sicht hilfreich?
Wolfgang Lederhuber: Leider das genaue Gegenteil von dem, was ein bekanntes Corona-Video der Bundesregierung empfiehlt. Dort wird angeraten, mit einer Getränkedose und Chips auf der Couch zu liegen und vor dem Fernseher nichts zu tun. Das würde bedeuten: Keinerlei Bewegung, ungesunde Ernährung, Vereinsamung und Berieselung mit Nachrichten, die Alarmstimmung verbreiten. Genau das macht uns mit Sicherheit krank. Das kann man in jedem Psychologie-Lehrbuch nachlesen.
Hilfreich ist hingegen das, was unser Immunsystem stärkt. Und das Folgende kann man auch in jedem Psychologie-Lehrbuch nachlesen:
Erstens: Reduzieren wir die Dauerbeschallung mit panikbesetzten Nachrichten. Einmal am Tag reicht völlig aus. Der Daueralarm macht uns krank.
Zweitens: Bewegung, regelmäßig und draußen und möglichst maskenfrei, das stärkt unser Immunsystem. Und zugleich eine gesunde Ernährung. Die Bewegungsarmut macht uns krank.
Drittens: Pflegen wir unsere sozialen Kontakte zur Familie, zu Freunden. Natürlich im erlaubten Rahmen. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Isolation und Vereinsamung machen uns krank.
Viertens: Zuletzt der psychologische Faktor zur Stärkung des Immunsystems: Sorgen wir in unserem Dasein für Lebensfreude. Was bedeutet das konkret? Lebensfreude bedeutet, dass wir uns wiederkehrende Momente der Euphorie, d.h. wiederkehrende Flow-Erlebnisse organisieren. Das ist für jeden Menschen natürlich etwas Anderes. Die Einen gehen gerne in die Berge, Andere tzanzen gerne zu ihrer Lieblingsmusik, wieder Andere gehen in ihrem Garten auf oder spazieren zu ihren Lieblingsorten usw..
Ich trage hier psychologische Gesundheitstipps vor, die seit Jahrzehnten bekannt sind, weil in den Leitmedien hierzu fast nichts zu sehen oder zu hören ist. Wo sind die Sonderseiten in den großen Zeitungen und die regelmäßigen Sondersendungen zur besten Sendezeit mit dem Titel: „Wie stärken wir unser Immunsystem?“ Wo sind die täglichen Erfahrungsberichte, Studien, Analysen hierzu?
Redaktion: Wie sehen Sie die Entscheidungen der Bundesregierung im Hinblick auf die psychische Gesundheit und was könnte die Regierung Ihrer Meinung nach dagegen tun, dass die in ihrer Praxis beobachteten Probleme weniger werden?
Wolfgang Lederhuber: Als Erstes muss die Regierung den krankmachenden Daueralarm und die Diffamierung Andersdenkender beenden. Sie sollte die gesamte Bandbreite der medizinischen, ökonomischen, pädagogischen und psychologischen Meinungen in ihre Entscheidungen mit einbeziehen. Das wären Beiträge zur Entgiftung des gesellschaftlichen Klimas.
Darüber hinaus müssen Betriebe, Geschäfte, Kultureinrichtungen und Ähnliche mit erprobten Hygienekonzepten wieder öffnen können. Auch ein Vereinsleben und Urlaube z.B. in Ferienwohnungen oder Wohnmobilen müssen mit Hygienekonzepten wieder möglich sein. Das wären alles Beiträge zur Lebensfreude und damit zur Stärkung des Immunsystems.
Wenn es um unsere Gesellschaft geht, sollten die Entscheidungsträger und vor allem die Medien ihre Aufmerksamkeit der STärkung des Immunsystems widmen. Unser Immunsystem ist unsere entscheidende Waffe - auch und gereade gegen COVID.

jb

Rubriklistenbild: © Vasily Pindyurin/www.imago-images.de

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