Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.


Dr. Andreas Menke im Interview

Depression kann jeden treffen: Ein Bernauer Experte gibt wertvolle Tipps zur Prävention

Depressionen könnensich wie schwarze Wolken über das Leben eines Menschen legen. Alles erscheint negativ, alles fällt schwer.
+
Depressionen könnensich wie schwarze Wolken über das Leben eines Menschen legen. Alles erscheint negativ, alles fällt schwer.
  • Alexandra Schöne
    VonAlexandra Schöne
    schließen

Bernau – Depression hat viele Gesichter. Und sie kann jeden treffen. Die Krankheit ist eine der häufigsten in Deutschland. Laut der Stiftung Deutsche Depressionshilfe erkranken 8,2 Prozent der Deutschen zwischen 18 und 79 Jahren im Laufe eines Jahres an einer depressiven Störung. Die gute Nachricht: Sie ist behandelbar. Dr. Andreas Menke ist Ärztlicher Direktor der Fachklinik für Psychosomatik Medical-Park Chiemseeblick in Bernau.

Im Interview spricht er über Therapiemöglichkeiten, wie Menschen selbst gegen die Krankheit vorbeugen können und wie die Pandemie Depressionen fördert.

Herr Dr. Menke, warum werden Menschen depressiv?

Dr. Andreas Menke:Viele Faktoren sind dafür verantwortlich, dass Menschen depressiv werden. Aus Studien wissen wir, dass zu rund 40 Prozent Gene bei der Entwicklung eine Rolle spielen, zu 60 Prozent Umweltfaktoren. Es gibt auch nicht das eine Depressionsgen, sondern wie bei ein Mosaik spielen viele zusammen.

Heißt das, Depressionen sind vererbbar?

Dr. Menke:Tatsächlich ist es häufig so, dass bei Betroffenen auch Familienmitglieder schon Depressionen hatten. Von ein paar Genen heißt es. dass sie ganz besonders zum Risiko einer Erkrankung beitragen. Zum Beispiel das Gen des Serotonin-Transporters. Das kann verändert sein. Hat man eine kurze Variante, ist klar: Je mehr stressvolle Ereignisse man im Leben hat, desto höher wird das Risiko, an einer Depression zu erkranken.

Dr. Andreas Menke ist Ärztlicher Direktor der Fachklinik für Psychosomatik Medical-Park Chiemseeblick

Und die 60 Prozent Umweltfaktoren?

Dr. Menke:Das sind meist chronische Stressoren. Dazu gehört die Arbeit, wenn man zum Beispiel das Gefühl hat, man ist in einem Hamsterrad gefangen und kann überhaupt nichts selbst beeinflussen. Schlecht laufende Partnerschaften können auch psychischen Stress auslösen. Oder die Pflege von Angehörigen, selbst eine chronische Erkrankung zu haben und auch Arbeitslosigkeit. Je ärmer man ist, desto schlechter geht es einem psychisch und physisch. Auch soziale Isolation ist ein chronischer Stressfaktor.

Das hat auch die Pandemie deutlich gemacht.

Dr. Menke:In der Pandemie wurden diese ganz klassischen Stressfaktoren nochmal verstärkt. Die, die allein waren, waren richtig alleine und konnten nicht mehr raus. Die, die Arbeit hatten, haben mehr gearbeitet. Andere sind in Kurzarbeit gegangen oder wurden arbeitslos. Auch Partnerschaftskonflikte waren häufig.

Sind in der Pandemie mehr Menschen an Depressionen erkrankt?

Dr. Menke:Davon gehen wir aus, ja.

Besonders junge Menschen sind wohl betroffen. Das Institut für Bevölkerungsforschung hat ermittelt, dass im ersten Lockdown 2020 zusätzlich 477000 Jugendliche im Alter von 16 bis 19 Jahren von depressiven Symptomen betroffen waren. Eine krasse Zahl.

Dr. Menke:Ja. Bei Corona sind Kinder und Jugendliche wirklich die Leidtragenden. Die Schulschließungen, das Homeschooling, das oft nicht funktioniert hat, die soziale Isolation haben zum Leid beigetragen. ADHS-Erkrankungen wurden nicht erkannt und behandelt. Auch häusliche Gewalt ist weniger aufgefallen. Die Kinder- und Jugendpsychatrien sind voll.

Haben Sie das im Medical Park auch gespürt?

Dr. Menke:Na ja, wir sind hier eh immer ausgebucht. Aber wir haben gemerkt, dass Corona auch die Patienten immer mehr belastet hat. Es gibt zwei Effekte der Corona-Pandemie. Die indirekten Effekte entwickeln sich durch die Pandemie-Maßnahmen, die chronische Stressoren auslösen oder verschlechtern. Darüber hinaus gibt es auch die direkten Effekte des Virus. Es ist neurotrop. Das bedeutet, es hat eine direkte Wirkung auf das Nervensystem. Es gibt mehrere Studien, die zeigen, dass Patienten mit einer Corona-Infektion ein deutlicheres Risiko hatten, eine psychische Erkrankung wie eine Depression zu bekommen. Mechanismen sind vermutlich eine Veränderung des Immunsystems. Das geht aber auch in die andere Richtung. Wenn man eine psychische Erkrankung hat, wie Schizophrenie oder Depressionen, hat man ein höheres Risiko, an Corona zu erkranken. Da gibt es verschiedene Theorien, zum Beispiel bezüglich des Immunsystems. Bei Depressionen ist das Immunsystem verändert und das begünstigt eine Corona-Erkrankung. Man hat auch gesehen, dass psychisch Kranke doppelt so häufig ins Krankenhaus eingeliefert wurden, wenn sie Corona hatten, wie gesunde Menschen. Und sie sind leider auch doppelt so häufig an Corona gestorben.

Alles, was Sie gesagt haben, widerspricht den Behauptungen, Depressionen seien Einbildung. Warum ist dieses Bild in der Gesellschaft immer noch so präsent?

Dr. Menke:Das ist eine gute Frage. Zweifellos ist das so. Deshalb gibt es viele, die daran arbeiten, dass Depressionen entstigmatisiert werden. Wir haben hier das Chiemseer Bündnis gegen Depression gegründet. Die Botschaft ist klar: Die Depression ist eine Krankheit, die man diagnostizieren und richtig gut behandeln kann.

Wie sieht das Krankheitsbild aus?

Dr. Menke:Bei Depressionen ist das Gehirn krank. Wenn man depressiv ist, sind das Immunsystem und das Stresshormonsystem dauerhaft aktiviert. Das Risiko für Herzerkrankungen. Schlaganfälle und Diabetes steigt. Es beginnt zunächst mit Konzentrations- und Merkfähigkeitsstörungen. Die Leute sind energielos, Interesse und Motivation nehmen ab. Manche sind sehr traurig, andere fühlen gar nichts mehr. Einige sind sehr gereizt. Die Menschen sind instabil und nicht mehr belastbar. Man kann sich auch getrieben fühlen. Schlimmstenfalls hat man psychotische Symptome wie Wahnvorstellungen. Das alles kann sich in einen Lebensüberdruss steigern. Schlimmstenfalls kommt es zu Suizid.

Kann man bei sich selbst Frühwarnzeichen erkennen?

Dr. Menke:Man sollte vor allem auf Konzentrations-, Merkfähigkeits- und Schlafstörungen achten. Das Problem ist, dass es bei der Psyche keine einfach zu messenden Parameter gibt, ab wann der Punkt zur Krankheit überschritten ist – wie zum Beispiel beim Blutdruck. Das muss man selbst einschätzen und dann einen Arzt aufsuchen.

Das fällt aber vielen Betroffenen schwer.

Dr. Menke:Es gibt auch soziale Dienste, an die man sich wenden kann. Selbsthilfegruppen sind sicherlich auch eine gute Anlaufstelle. In der Schule gibt es Schulpsychologen. Ein Hausarzt kann einen zum Psychiater oder zum Psychotherapeuten überweisen.

Wie läuft die Diagnose ab?

Dr. Menke:Es gibt drei Hauptsymptome: Antrieb, Stimmung und Interesse. Zwei davon müssen für mindestens zwei Wochen gestört sein. Dann hat der Mensch eine Depression.

Was kann man prophylaktisch für sich selbst tun?

Dr. Menke:Gesund leben. Dazu gehört zum Beispiel Sport. Bei chronischem Stress schrumpft der Hippokampus im Gehirn, man kann sich schlechter konzentrieren. Durch regelmäßigen Sport wächst er wieder. Auch wenn es lapidar klingt: Man sollte versuchen, chronischen Stress zu vermeiden. Gesunde Ernährung ist auch wichtig. Es sollte eine Diät mit viel Gemüse, wenig Fleisch, mit viel Fisch und Omega-3-Fettsäuren sein. Und wenig industriell-prozessiertes Essen. Bei Winter-Depressionen helfen Tageslichtlampen. Soziale Kontakte sind auch gut. Wenn Sie Freunde haben: Treffen Sie sich mit ihnen.

Und wenn man aber generell ein Einzelgänger ist?

Dr. Menke:Das ist auch okay. Dann trifft man sich mit niemandem. Solange man sich dabei wohlfühlt. Sport und Ernährung sind allerdings für jeden wichtig.

Was ist mit den Angehörigen?

Dr. Menke:Man sollte Betroffene ernst nehmen und respektvoll mit ihnen umgehen. Aber man sollte sie auch nicht in Watte packen oder bevormunden. Jemand, der Suizidgedanken hat, sagt das auch meist. So etwas abzutun, wäre ganz sicher falsch. Ansonsten kann man die Person auch danach fragen.

Wie können Depressionen therapiert werden?

Dr. Menke:Wir haben zwei Behandlungssäulen: Die eine ist die Psychotherapie, die ist sehr wirksam. Die andere Säule ist die Medikation, also eine Therapie mit Antidepressiva. Die ist ebenso sehr wirksam.

Viele haben Vorbehalte gegen Medikamente.

Dr. Menke:Die klassischen Mythen sind, dass sie abhängig machen und nicht die Krankheit an sich behandeln, sondern nur Symptome. Und dass sie die Persönlichkeit verändert. Das ist alles falsch. Vielmehr behandeln sie die Erkrankung an sich. Sie müssen auch nicht das ganze Leben eingenommen werden, sondern erstmal über sechs bi zwölf Monate. Die Behandlung der Depression sollte auf jeden Fall leitliniengerecht erfolgen. Das heißt, bei einer leichten Episode kann erst gewartet werden, bevor mit Psychotherapie oder einem Antidepressivum angefangen wird. Eine mittelgradige Episode sollte mit Psychotherapie oder einem Antidepressivum behandelt werden, eine schwere Episode sollte unbedingt mit einer Kombination aus Psychotherapie und Antidepressivum behandelt werden.

Kommentare