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32-Jähriger legt vor Gericht Geständnis ab

„Deal“ im Missbrauchsprozess um Rosenheimer Erzieher: Jungen Opfern bleibt Aussage erspart

Mit einer Mappe verdeckt der angeklagte Erzieher sein Gesicht. Im Hintergrund dessen Verteidigerin Eva Krötz.
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Mit einer Mappe verdeckt der angeklagte Erzieher sein Gesicht. Im Hintergrund dessen Verteidigerin Eva Krötz.
  • Michael Weiser
    VonMichael Weiser
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Über 230 Mal soll er sich an schutzbefohlenen Kindern vergangen haben. Jetzt wird einem 32-Jährigen aus dem Landkreis Rosenheim der Prozess gemacht. Nach dem ersten Tag vor dem Landgericht in Traunstein stand das Wichtigste schon mal fest.

Traunstein – Mollige Figur, Brille, Jeans und kariertes Hemd, ein Mann wie ein Teddybär: So präsentierte sich am Dienstag der 32-jährige Erzieher aus dem Landkreis Rosenheim an der Jugendkammer des Landgerichts Traunstein, wo er sich unter anderem wegen des sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen in über 200 Fällen verantworten musste.

Das wichtigste Ergebnis, die Schuld des Erziehers, stand bereits am Vormittag des ersten Verhandlungstages fest. Über seine Anwältin Eva Krötz ließ der 32-Jährige die Vorwürfe einräumen. Er selber äußerte, dass ihm seine Übergriffe „wahnsinnig“ leid täten. Vor allem bedauere er, dass er das Vertrauen von Kindern und Eltern missbraucht habe. Er betonte, dass es in seinem Umgang mit den Acht- bis Elfjährigen nicht zum Äußersten gekommen sei. Derlei habe er sich nicht einmal vorstellen können.

Erfolgreiches Rechtsgespräch

Das frühe Eingeständnis würde man in einem amerikanischen Krimi als „Deal“ bezeichnen. Denn der Entschluss des Angeklagten, reinen Tisch zu machen, war das Ergebnis einer Unterredung zwischen Richterin, Verteidigern und Staatsanwalt, eines sogenannten „Rechtsgesprächs“.

So konnte das Gericht den Kindern eine Aussage ersparen, der Angeklagte wiederum konnte seine Strafe reduzieren: Für drei bis vier Jahre wird der Erzieher demnach hinter Gitter wandern, danach dürfte eine Therapie auf ihn warten. Richterin Will hatte sich ins Zeug gelegt, um den Kindern eine Einvernahme als Zeugen zu ersparen. Sie hatte dem Angeklagten ins Gewissen geredet und ihm klar gemacht, dass er nur mit einem Geständnis seine Situation verbessern könne.

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So war nach Unterbrechungen von über einer Stunde das Wesentliche bereits am Vormittag geklärt. In über 230 Fällen hat der Mann aus dem Landkreis Rosenheim nach eigenem Eingeständnis Kinder berührt, sie unter der Kleidung gestreichelt oder „durchsucht“, sie aufgefordert, sich hinzuknien oder teilweise auszuziehen. Den Schutzbefohlenen näherte er sich außerhalb der Hortzeiten. Per Whatsapp hielt er den Kontakt mit ihnen.

Angst gehabt, „weil er so war“

Die Kinder äußerten sich nach der Aussage einer Polizeibeamtin als beeindruckt oder gar eingeschüchtert. Sie hätten seine Aufforderungen nicht etwa deswegen befolgt, weil er sie direkt bedroht habe. Sie hätten vielmehr Angst gehabt, „weil er so war“. Die Szenen mit ihm sollen die Kinder sogar in ihrem Spielen nachgeahmt haben.

„Weil er so war“: Wie genau der 32-Jährige so ist, darüber wollte sich das Gericht Aufschluss verschaffen. Seine Erklärungen gab der Mann jedenfalls in einer präzisen, strukturierten Sprache ab, die in auffälligem Gegensatz zu seinen tapsigen Bewegungen stand. So wohlgesetzt erzählte er auch von seinen Minderwertigkeitskomplexen, wegen der er sich auch schon habe behandeln lassen.

Einschüchternd, aber auch beliebt

Aus den Schilderungen der Kinder, wiedergegeben von der Polizeibeamtin und einem ihrer Kollegen, schien klar zu werden, dass dem Mann vor allem die Kontrolle über die Kinder und ihre Züchtigung Lust bereitete. Damit mag er Kinder eingeschüchtert haben, beliebt aber war er wohl auch. Das hielt Richterin Wil fest, das belegen aber auch die Aussagen von Kindern.

Erstaunlich scheint, dass der Mann schon vor längerer Zeit einmal aufgefallen war. Bereits 2010 war ihm vorgeworfen worden, sich als Polizeibeamter ausgegeben zu haben, sich Kindern zu nähern. Das Verfahren wurde eingestellt, im Führungszeugnis nichts vermerkt. Nur so hatte der heute 32-Jährige auch die Chance, sich in dem Integrationshort nochmals Kindern beiderlei Geschlechts zu nähern.

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Diesmal wird der Erzieher nicht ohne Strafe davonkommen, auch wenn der Vorwurf der Körperverletzung fallen gelassen wurde. Am „Zeitkorridor“ von drei bis vier Jahren Haft für ihn wird sich dadurch nichts ändern, das machte Richterin Will deutlich. „Es sei denn, Sie würden noch etwas Außergewöhnliches wie einen Mord einräumen.“

Immerhin wurde am Dienstag klar, wie erfolgreich der Mann seine Vergehen vor sich selbst schöngeredet haben muss. Glaubte er streckenweise ernsthaft an erzieherische Motive seines Handelns? Das zumindest ließ der 32-Jährige durchblicken. Erst in der Untersuchungshaft sei ihm klar geworden, dass sein Verhalten einen sexuellen Hintergrund habe. Er wisse nunmehr, dass er Hilfe benötige und nehme bereitwillig eine Therapie auf sich.

Urteil soll am Mittwoch fallen

Am Mittwoch, 6. Oktober, soll das Urteil verkündet werden, zuvor tritt der psychologische Gutachter auf. Dafür, dass der Spruch des Gerichts Bestand haben könnte, tat Richterin Will am Dienstag schon mal Entscheidendes. Nachdem festgestellt worden war, dass die Zuschauertür zum Saal 136 zeitweise abgesperrt gewesen sei – ein Umstand, durchaus tauglich als absoluter Revisionsgrund – ließ sie Teile der Hauptverhandlung im Eiltempo wiederholen.

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