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Größte DAV-Sektion weit und breit

Alpenverein Rosenheim: Langzeitchef Franz Knarr zieht nach einer Gratwanderung Bilanz

Platz an der Sonne: Franz Knarr ist nach wie vor oft am Brünnsteinhaus und an der Hochrieshütte anzutreffen.
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Platz an der Sonne: Franz Knarr ist nach wie vor oft am Brünnsteinhaus und an der Hochrieshütte anzutreffen.
  • Michael Weiser
    VonMichael Weiser
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Naturnützer und Naturschützer: Es ist eine Gratwanderung, die Rosenheims Alpenvereinssektion immer wieder unternimmt. Auch im Balanceakt zwischen Tradition und Orientierung in die Zukunft. Ein Verein im Wandel - nichts macht dies deutlicher als die Bilanz seines Langzeit-Vorsitzenden Franz Knarr

Rosenheim – Es ging alles gut am Ende, „wir haben die Kurve gekriegt“, sagt Franz Knarr (76) und wirkt ehrlich erleichtert. 33 Jahre lang war er der Vorsitzende der DAV-Sektion Rosenheim, ein prägender Chef, das finden viele. Und ein bisserl Sonnenkönig, das meinen wohl auch einige. Dass nun der Verein in den Händen einer neuen Vorstandschaft liegt, scheint Knarr als sein wahres Erbe zu begreifen.

Sein Abschied bedeutet eine Zäsur. Seine Bilanz als Sektionschef zeigt auch, wie sich der größte Verein weit und breit gewandelt hat.

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Das längste Stück seines Weges als Vorsitzender der Sektion Rosenheim ging er zusammen mit Kassier Dieter Vögele. „Ein Tandem“, das seien er und Vögele gewesen, unterschiedlich, aber einander gut und vertrauensvoll ergänzend. So gut, dass ihnen die Abstimmung mit dem Rest der Sektion manchmal schwer gefallen zu sein scheint. „Wir haben uns was überlegt, und die andern haben zugestimmt“, so sagt es Franz Knarr. Entscheidung nach Akklamation, nicht nach Diskussion, so kann man das Verfahren nennen. „Vorsitz nach Gutsherrenart“, das habe er manchmal zu hören bekommen, sagt Knarr.

Zwei Jahre Basteln an der Vorstandschaft

Man vermeidet so Reibungen, man kürzt Wege ab, das aber zu einem Preis. Denn wer alles alleine machen möchte, muss irgendwann alles allein machen. „Wenn du den Menschen immer die Entscheidungen abnimmst, dann wollen sie auch nicht mehr entscheiden“, sagt Knarr. Die Suche nach Nachfolgern gestaltete sich also schwierig. So schwierig, dass Knarr allein darüber eine halbe Stunde lang erzählen kann. Erleichtert, wie gesagt, weil es am Ende ja gut ging. „Zwei Jahre lang habe ich daran gebastelt“, sagt er.

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Am Ende habe es bei der Hauptversammlung einstimmige Voten für jeden Posten gegeben, erzählt Knarr, an der Spitze Josef Müller als neuer Chef. Zuvor schon hatte er Christoph Schnurr installiert, als hauptamtlichen Geschäftsstellenleiter, als Betriebswirt und Bergführer in Personalunion ein Glücksfall für die Sektion.

Ein Verein im Umbau

Im Archiv der Sektion findet sich ein Foto aus dem Jahr 1924, das viel erzählt. Darüber, dass die 1913 erbaute Hochrieshütte als erste Skihütte des Alpenvereins überhaupt der Stolz der Sektion ist. Auch darüber, wie sehr Bergsteigen Sache der Familie Knarr ist. Denn das Foto zeigt Franz Knarrs Vater und einige Bergkameraden beim Ausbau der Hochrieshütte. Am Verein insgesamt, so kann man sagen, haben die Bauarbeiten nie mehr aufgehört.

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In den fast 100 Jahren seitdem hat sich der Alpenverein stark gewandelt, von organisierter Bergkameradschaft zum vielseitigen Verein mit zahlreichen Aufgaben gegenüber der Gesellschaft, wie Franz Knarr sagt. so etwas wie ADAC der Berge, Reiseveranstalter, Sportverein, Gastronomie-Unternehmer, Wegebauer, Freizeitanbieter, Schule des Lebens, Umweltverein und Aufpasser, und das alles unter dem Zeichen des Edelweiß‘.

Von 2000 auf 11 000 Mitglieder

Als Franz Knarr 1988 Erster Vorsitzender wurde, zählte die Sektion noch nicht ganz 2000 Mitglieder, heute sind es 11 000. Die Sektion gehört damit zu den „20 größten in Deutschland“, sagt Knarr. Die Vorstandsarbeit habe er am Wohnzimmertisch erledigt, die Geschäftsstelle „war ein Kabäuschen“ beim Sport Ankirchner.

Das waren die Zeiten, da Wanderer noch in Kniebundhosen und karierten Hemden unterwegs waren. Gleichzeitig mischten verwegene Typen in schrill-bunten Klamotten die Szene auf, Freiklettern kam in Mode. Mit einer kleinen Kletterhalle stellte sich die Sektion auf den Trend ein, neben dem Umzug in die neue Geschäftsstelle an der Von-der-Tann-Straße vielleicht das sichtbarste Zeichen vom Traditionsverein im Wandel.

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„Den typischen Alpenvereinsmenschen, den gibt es nicht mehr“, sagt Knarr heute. „Der Verein ist so vielfältig wie seine Mitglieder.“ Was, zum Beispiel, für die Wirte Arbeit bedeutet. Eintopf und Brotzeit tun es nicht, die Speisekarte muss Vielfalt aus regionaler Vermarktung spiegeln, am besten Bio, auf jeden Fall auch mit vegetarischen Alternativen.

600 000 Euro umfasst der Etat der Sektion, nicht viel Geld, wenn man sich ansieht, wie viel die Sektion allein in den Unterhalt der Hütten und Wege steckt. Die Auflagen der Behörden, ja, die würden jährlich mehr, seufzt Knarr. Natürlich halte einen auch die Vorbildfunktion in Sachen Umweltschutz zum nachhaltigen Bauen an. Es kann nicht einfach sein, die hohen Alpenvereins Standards mit dem nicht ganz so hohen Kassenstand zu vereinbaren, zumal Corona auch den DAV teuer kam.

Steiniger Weg in die Zukunft

Der DAV hält Wege in Schuss, unterrichtet Menschen, bietet Reisen an. Wird selbst zum Seilbahnunternehmer. Wie im Falle der Hochriesbahn. Die Bahn transportiert Wanderer, aber eben auch Nachschub für die Hochrieshütte. Sektion und Gemeinde Samerberg sind Partner, die Zusammenarbeit sei immer „vertrauensvoll und freundschaftlich“ gewesen, sagt Bürgermeister Georg Huber.

Nicht jeder Weg ist dank Aufstiegshilfe so einfach zu meistern. „Wir ringen mit den Geistern, die wir riefen“, sagt Knarr. Sprich: Der Erfolg, das Wachstum des Vereins zieht auch Probleme nach sich.

Spagat für den Traditionsverein

„Wir müssen den Spagat zwischen Naturnützer und Naturschützer“ hinbekommen. So sagt es Geschäftsstellenleiter Christoph Schnurr. Zumal in Corona-Zeiten, „wo alles ander bayerischen Grenze geendet hat, ist aufgefallen, welchen Belastungen die Natur ausgesetzt ist“. Eine Entwicklung, an der die Sektion und der DAV nicht unschuldig sind. „Der DAV versucht, Werbung zu betreiben, mit tollen Bergbildern, und damit locken wir natürlich noch mehr Leute ins Gebirge“, sagt Schnurr. Ein Spannungsfeld, nicht unbedingt neu, aber in Zeiten sozialer Netzwerke von besonderer Bedeutung.

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Mit ihren mittlerweile 11 000 Mitgliedern ist die Sektion immer noch ein Verein. Aber einer mit professionellen Anforderungen. „Allein schon die Anforderungen seitens Finanz- und Gewerbeamt sowie Branschutz überforderten viele Ehrenamtliche. „Zwischen Ehrenamt und Kommerzialisierung müssen wir eine Gratwanderung hinbekommen“, sagt Schnurr.

Nicht mehr vordringlich Franz Knarrs Aufgabe. „Ich glaube, die Nachfolger können ein gut bestelltes Feld der Rosenheimer DAV-Sektion übernehmen“, so sagt es Georg Huber.

Knarrs Söhne sind als Ausbildungsreferent, beziehungsweise Schriftführer engagiert. Er selber kann nun bergsteigen, wandern, Hütten besuchen. Das heißt, wenn er Zeit hat. Er ist nunmehr für die Pressearbeit der Sektion zuständig. Zu erzählen hat er weißgott genug.

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