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LANGE HAFTSTRAFE FÜR „MADAME“

„Das ist Sklaverei“: Traunsteiner Richter findet deutliche Worte für 34-Jährige Zuhälterin

Prostituierte warten auf einem Straßenstrich auf Freier, denen sie ihre Dienste anbieten können. Vor dem Landgericht in Traunstein musste sich jetzt eine 34-jährige Nigerianerin verantworten, weil sie eine Landsfrau (19) zur Prostitution zwingen wollte.
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Prostituierte warten auf einem Straßenstrich auf Freier, denen sie ihre Dienste anbieten können. Vor dem Landgericht in Traunstein musste sich jetzt eine 34-jährige Nigerianerin verantworten, weil sie eine Landsfrau (19) zur Prostitution zwingen wollte.
  • VonMonika Kretzmer-Diepold
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Eine Zuhälterin aus Nigeria ist vor dem Landgericht Traunstein jetzt zu einer Haftstrafe verurteilt worden. Die 34-Jährige hatte eine 19-jährige Landsfrau nach Europa gelockt, um sie dort zur Prostitution zu zwingen. Eine Zugfahrt hatte die junge Frau letztlich vor dem Martyrium bewahrt.

Traunstein/Rosenheim – Deutliche Worte fand Richter Thilo Schmidt, als er eine „Madame“, eine 34-jährige, aus Nigeria stammende Zuhälterin, jetzt zu drei Jahren neun Monaten Haft verurteilte. Die Angeklagte hatte eine 19-jährige Landsfrau aus ärmlichsten Verhältnissen nach Italien gelockt, um sie zum „Abarbeiten“ von 30 000 Euro Schleuserlohn in Deutschland zur Prostitution zu zwingen: „Das ist Sklaverei und nichts anderes. Dass in Europa und – nicht nur hier – Sklaven gehandelt werden, das darf nicht sein, das kann nicht sein.“

Drei gefälschte Ausweisdokumente

Bei einer Kontrolle der Bundespolizei Rosenheim am 15. Juni 2016 in einem aus Italien kommenden Zug nahe Kiefersfelden hatte die damals 19-Jährige drei gefälschte Ausweisdokumente vorgezeigt. Sie hatte die Papiere – wie ein auf kriminelle Weise besorgtes echtes Online-Ticket der Bahn – von der zu jener Zeit in Gifhorn in der Nähe von Braunschweig auf dem Wohnwagenstrich arbeitenden Angeklagten bekommen.

Diese befand sich im gleichen Zug, aber in einem anderen Abteil. Die Angeklagte reiste zunächst unbehelligt weiter nach Gifhorn und kehrte später nach Perugia zurück. Festgenommen wurde sie nach langwierigen Ermittlungen und mithilfe von Europol vor einigen Wochen in Italien.

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Die inzwischen 23-jährige Zeugin lebt derzeit als Asylsuchende in Bayern. Sie kannte die Mutter der Angeklagten von Nigeria her. Die Frau sei auf sie zugetreten, habe von der Tochter in Europa erzählt, die Hilfe brauche. Die Tochter würde über für sie tätige Mädchen Essen und Kleider verkaufen. Die damals 19-Jährige wollte in Deutschland für sich und ihre Familie „mit den Händen arbeiten und in die Schule gehen“, schilderte sie vor dem Schöffengericht Traunstein. Die Mutter sei bereit gewesen, ihr das Geld für die Reise zu leihen.

Über das Mittelmeer nach Europa

Durch die Sahara über Libyen gelangte die Zeugin mit Hilfe von Schleusern über das Mittelmeer in ein italienisches Flüchtlingscamp, wo die Angeklagte sie abholte. Eine Woche war sie bei der 34-Jährigen in deren Haus eingesperrt. Dort eröffnete „Madame“ der jungen Frau, sie müsse anfangen, als Prostituierte zu arbeiten – um 30 000 Euro für die Schleusung zurückzuzahlen. Wo, habe sie nicht erfahren.

Die 23-Jährige wörtlich in dem Prozess: „Ich sagte, oh Gott, das kann ich nicht machen. Sie sagte, ich müsse das machen.“ Den Einwand, ihre Mutter habe was von Verkauf von Essen und Kleidung gesagt, habe die Angeklagte ignoriert. Auf Nachfragen berichtete die 23-Jährige, sie sei mit „Umbringen“ bedroht worden. Auch Drohungen gegen ihre Familie seien erfolgt.

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Die Sachbearbeiterin der Bundespolizeiinspektion Kriminalitätsbekämpfung in München sprach von Organisierter Kriminalität. 2016/2017 sei ein großes Ermittlungsverfahren wegen Computerbetrugs an der Deutschen Bahn gelaufen. Über den Täterkreis, vor allem Schwarzafrikaner, sei man auch auf Menschenhandel gekommen.

Der angeklagte Fall sei der erste dieser Art gewesen. Die gefälschten Ausweispapiere hätten alle aus einer Fälscherwerkstatt in Neapel gestammt, die 2017 ausgehoben worden sei. Die Bundespolizistin informierte weiter, diese Bande habe auch die besagten E-Tickets verkauft. Bei der Angeklagten sei im Juli 2016 in Gifhorn ein Online-Ticket aus der gleichen Quelle gefunden worden.

Prepaid-Kreditkarte gehört der Angeklagten

In nigerianischen Kreisen werde die weibliche Zuhälterin „Madame“ genannt. Eine bei der Zeugin entdeckte Prepaid-Kreditkarte sei auf den Namen der Angeklagten gelaufen. Die Bundespolizistin fuhr fort, der hohe Schleuserlohn von 30 000 Euro sei ein Indiz für „Menschenhandel“ und „klassische Ausbeutung“. Eine Zwangsprostituierte müsse für 30 000 Euro „Minimum acht bis zehn Jahre“ arbeiten. Die Polizistin unterstrich, die Glaubwürdigkeit der Zeugin sei „sehr, sehr hoch“. Ihre Angaben hätten sich mit allen Ermittlungen gedeckt.

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Die 34-Jährige wies alle Vorwürfe zurück und sprach von „Lügen“. Sie habe die Zeugin „zufällig“ in Perugia getroffen und habe seither nichts mehr von dem Mädchen gehört. Die Zeugin versuche, „die Gefühle deutscher Behörden zu erhaschen, um den Status als Flüchtling und Schutz zu erhalten“.

Verteidiger fordert Freispruch

Während Staatsanwalt Chris-Dominik Kempel der 23-Jährigen Glauben schenkte und für die Angeklagte eine Freiheitsstrafe von dreieinhalb Jahren forderte, plädierten die Verteidiger Korbinian Ortner und Christina Kraus aus Traunstein auf Freispruch. Die Vorwürfe hätten sich nicht bestätigt.

„Schwerer Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung, illegale Schleusung und Verschaffen falscher amtlicher Ausweise“ – zu diesem Schuldspruch kam Vorsitzender Thilo Schmidt im Urteil. Alles, was die Zeugin, „ein eher unbedarftes, naives Mädel“, berichtet habe, entspreche der Wahrheit.

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Die Angeklagte habe sich der damals 19-Jährigen letztlich „durch eine List bemächtigt“. Deren Traum auf ein besseres Leben sei zerplatzt und habe „in einem Albtraum geendet – wo sie wie ein Stück Vieh über viele Jahre einen riesigen Betrag abzuarbeiten gehabt hätte“.

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