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Damit die Geschichte nicht zerfällt

In Metallkörben werden die Bücher und Dokumente der Kunden verpackt und mit einer Schutzhülle versehen. Dann geht es auf einem Wagen in eine der drei Vakuumkammern.  Foto
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In Metallkörben werden die Bücher und Dokumente der Kunden verpackt und mit einer Schutzhülle versehen. Dann geht es auf einem Wagen in eine der drei Vakuumkammern. Foto

Wo Geschichte geschrieben wird, da ist auch Papier dabei. Bücher oder Dokumente, die zwischen 1830 und 1990 hergestellt wurden, sind aber durch die damals verwendeten Rohstoffe vom säurebedingten Papierzerfall betroffen.

Das heißt, das Papier vergilbt und wird brüchig - ein Problem für Bibliothekare, Museen oder Firmenarchive. Die Firma Nitrochemie in Aschau am Inn hat mit Papersave swiss ein industrielles Verfahren entwickelt, Papier zu entsäuern und so der Nachwelt zu erhalten.

Aschau am Inn - Beinahe schon andächtig streichen Archivare über ihre alten Buchbestände, blättern vorsichtig in alten Akten und sichten historische Schriften. Hier wird die Geschichte der Menschen der letzten Jahrhunderte lebendig. Doch der Zahn der Zeit nagt an dem Papier und ist normalerweise nicht aufzuhalten.

Bereits im Jahr 1990 erkannten die Schweizerische Nationalbibliothek und das Schweizerische Bundesarchiv den Bedarf, betroffene Bestände zu konservieren. So wurde ein Projekt zum Bau einer Entsäuerungsanlage ins Leben gerufen. Die Nitrochemie verfügt über langjährige Erfahrung auf dem Gebiet der Zellulosechemie und wurde daher zum Partner für die Umsetzung dieses Projektes. Im Jahr 2000 wurde eine der damals größten und modernsten Papierentsäuerungsanlagen im schweizerischen Wimmis in Betrieb genommen. Mit ihren zwei Behandlungskammern kann sie pro Jahr rund 120 Tonnen Bücher oder Dokumente entsäuern, sagt Geschäftsführer Markus Reist.

Fünf Millionen Euro investiert

In der Zwischenzeit konnten in Wimmis bereits mehr als 700 Tonnen Bücher und Archivalien entsäuert und damit den zukünftigen Generationen erhalten werden. Die wertvollen Dokumente werden bewahrt, indem die im Papier befindlichen Säuren mittels eines Magnesiumsalzes neutralisiert werden. Dieses Salz bindet die Säure. Überschüssiges Magnesiumsalz wird zusätzlich durch die Luftfeuchtigkeit und Kohlendioxid in eine alkalische Reserve verwandelt, die das entsäuerte Papier auch gegen zukünftige Säureangriffe wirksam schützt.

Von der 15-jährigen Erfahrung in der Schweiz kann die Papierentsäuerungsanlage in Aschau, die Anfang Juni in Betrieb genommen wurde, profitieren. Rund fünf Millionen Euro hat die Firma Nitrochemie, ein Tochterunternehmen der Rheinmetall AG, in den Bau des Betriebsgebäudes investiert. Hier gibt es drei Behandlungskammern. Das Behandlungsvolumen soll auf rund 180 Tonnen pro Jahr ausgedehnt werden, sagte Dr. Georg Lingg, Geschäftsführer der Nitrochemie Aschau.

Im Herbst 2014 haben die Bauarbeiten auf dem Gelände der Nitrochemie begonnen. Mittlerweile ist das Bauvorhaben abgeschlossen, die drei Vakuumkammern, wo die Bücher entsäuert werden, sind eingebaut, die Technik installiert. Bei wochenlangen Probeläufen wurde zum einen überprüft, ob die Technik reibungslos funktioniert, zum anderen, ob bei den Mitarbeitern jeder Handgriff sitzt. "Wir verwenden kein Kundenmaterial, bevor nicht alles hundertprozentig klappt", versichert Vertriebsleiterin Sofia Hilgevoord.

Bücher und Dokumente, die entsäuert werden sollen, werden von den Nitrochemie-Mitarbeitern vor Ort beim Kunden gesichtet und ausgewählt. Sie werden in entsprechende Metallkörbe verpackt und mit einer Schutzhülle versehen. In Aschau angekommen, werden sie erfasst und kommen anschließend in eine der drei Vakuumkammern.

Dort werden die Dokumente erst einmal kontrolliert erwärmt, so dass die natürliche Feuchte des Papiers auf unter ein Prozent reduziert wird. Anschließend wird die Kammer mit einer speziellen Behandlungslösung geflutet. Das Vakuum sorgt dafür, dass die Lösung vollständig in das Papier eindringt. Die neutralisierenden Stoffe werden dabei ins Papier übertragen. Die Behandlungslösung, die aus Magnesium- und Titanalkoholaten, die in Hexamethyldisiloxan gelöst werden, besteht, ist ungiftig, umweltverträglich und mit allen Buch- und Archivmaterialien verträglich.

Drei bis vier Wochen in den Kammern

Danach folgen diverse Spülzyklen und die Nachtrocknung. Das dauert rund drei Tage. Dann kommen die Behandlungskörbe in die Rekonditionierungskammern. Hier zirkuliert feuchte Luft, bis die Bücher und Dokumente wieder ihre natürliche Feuchte haben. Gerade diese Rekonditionierungskammern sind ein Alleinstellungsmerkmal, das die Entsäuerungsanlage in Aschau von ihren Mitbewerbern unterscheidet, sagt Bernadette Kiehl vom Vertrieb. Drei bis vier Wochen bleiben die Dokumente in den Kammern. Anschließend werden die Bücher und Dokumente, die die Behandlungskörbe während des gesamten Prozesses nicht verlassen, wieder zu den Kunden zurückgebracht. Eine umfangreiche Qualitätssicherung sorgt dafür, dass der Behandlungserfolg nachprüfbar ist und auch dokumentiert werden kann.

Kiehl und ihr Kollege Stephan Feicho sind derzeit in ganz Süddeutschland unterwegs, besuchen Archive, Bibliotheken und Museen und stellen dort das Entsäuerungsverfahren vor, mit dem sich die Firma Nitrochemie in dem Bereich der Konservierung wertvoller Kulturgüter ein zusätzliches, ziviles Standbein schaffen will. Und die Resonanz ist bisher gut, versichert Bernadette Kiehl.

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