Überlastung der Krematorien - Bestatter aus Rosenheim klärt auf

„Covid-19“ auf Särgen - Bestatter verdienen damit Geld: „Absoluter Schwachsinn!“

Ein Sarg mit einem Verstorbenen mit der Aufschrift „Covid-19“ und dem Zeichen „Biohazard“ wird von einem Bestatter in das Krematorium „Feuerbestattungen Dülmen“ eingeliefert.
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Ein Sarg mit einem Verstorbenen mit der Aufschrift „Covid-19“ und dem Zeichen „Biohazard“ wird von einem Bestatter in das Krematorium „Feuerbestattungen Dülmen“ eingeliefert.
  • Markus Zwigl
    vonMarkus Zwigl
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Krematorien sind an ihrer Belastungsgrenze angelangt, Mitarbeiter arbeiten mittlerweile in drei Schichten. Das hat neben Corona allerdings auch andere Gründe, wie ein Bestatter aus dem Landkreis Rosenheim erklärt. Zudem seien die Gerüchte, Bestatter könnten mit dem Hinweis „Covid-19“ auf Särgen bares Geld verdienen, „absoluter Schwachsinn“.

Rosenheim - Mitte Januar sorgten Bilder aus Meißen für Entsetzen. In dem Corona-Hotspot kam das kommunale Krematorium mit der Einäscherung der Verstorbenen nicht mehr hinterher. Die Aufnahmen zeigten übereinander gestapelte Holzsärge mit Toten in Andachtsräumen, teils nachlässig umwickelte Leichen mit Plastikfolie. Auf einigen Särgen standen die Schriftzüge „Covid“ oder „Corona“ - mit Kreide oder Edding geschrieben, manche verwischt.

Diese Bilder sind furchtbar und sind nicht der Normalzustand“, ordnete Stephan Neuser, Generalsekretär des Bundesverbands Deutscher Bestatter, sofort ein. Dennoch sorgte das Thema für viel Diskussionsstoff.

Geld vom Staat für „Covid-19“-Beschriftung? „Schwachsinn!“

Denn einige unserer Leser kommentierten die Bilder mit Aussagen wie: „Wenn im Totenschein ‚Covid19‘ stehen darf, wird die Beerdigung bezahlt.“ oder „Wie viel extra Kohle bekommt man denn für das Covid auf dem Sarg? 200? 300? Oder sogar 500 Euro?“

„Das ist absoluter Schwachsinn. Wir bekommen doch kein Geld vom Staat, nur weil wir irgendetwas auf den Sarg malen“, erklärt ein Bestatter aus dem Landkreis Rosenheim, der anonym bleiben möchte, im Gespräch mit rosenheim24.de. „Der Totenschein darf nur von einem Arzt ausgestellt werden, wir Bestatter haben damit nichts zu tun“. Und dies ist auch im Gesetzestext so festgehalten.

Nur Ärzte dürfen Totenscheine ausstellen

„Die Ausstellung der Todesbescheinigung ist keine bloße Formalität. Für die Feststellung des Todes besteht eine besondere Sorgfaltspflicht. Mit der Ausstellung der Todesbescheinigung werden die Weichen gestellt, ob die Leiche zur Bestattung freigegeben wird oder ob weitere Ermittlungen im Hinblick auf einen nicht natürlichen Tod erforderlich sind.“ Und weiter heißt es: „Um Fehler zu vermeiden, hat die Ärztin/der Arzt nach §3 Abs.1 BayBestV grundsätzlich die Leichenschau an der vollständig entkleideten Leiche unter Einbeziehung aller Körperregionen einschließlich aller Körperöffnungen, des Rückens und der behaarten Kopfhaut durchzuführen“.

Der Arzt stellt daraufhin einen Totenschein mit Todesursache aus. „Wir erhalten zwei Formulare, einen nicht-vertraulichen Teil mit Informationen über den Toten und einem möglichen Warnhinweis wie „Infektionssymptome“, den wir einsehen können, und einen vertraulichen Teil, welchen wir bei einer Feuerbestattung der Polizei übergeben müssen. Die Beamten überprüfen dann das versiegelte Formular, geben den Leichnam zur Einäscherung frei und übergeben uns die Unterlagen neu versiegelt zurück“, so der Bestatter. „Im Anschluss müssen wir den Todesfall bei dem zuständigen Standesamt noch anzeigen. Dies ist der vorgeschriebene Prozess.“

Finanzieller Mehraufwand und erhöhtes Risiko bei infektiösem Leichnam

Ergeben die ärztlichen Untersuchungen, dass eine Person an oder mit einer Covid-19-Erkrankung gestorben ist, müssen Bestatter besondere Schutzmaßnahmen treffen und Vorschriften beachten. „Es ist natürlich ein finanzieller Mehraufwand, einen infektiösen Leichnam abzuholen. Denn die nötige Ausrüstung und Desinfektionsmittel kosten viel Geld. Und der größte Faktor ist das Risiko. Wenn ich in ein Altenheim reingehe, habe ich natürlich ein erhöhtes Risiko selbst zu erkranken. Dann kann es passieren, dass Arbeitskräfte für zwei Wochen ausfallen oder der gesamte Betrieb ruhen muss. Die zusätzlichen Kosten und das unternehmerische Risiko lassen sich Bestatter von den Angehörigen verständlicherweise auch vergüten“, ergänzt der Bestatter.

Die Kennzeichnung der Särge sei auch Teil seiner Arbeit, denn ein Bestatter ist gesetzlich dazu verpflichtet. Bei ihm werde der Sarg allerdings nicht mit „Covid-19“ beschriftet, „es reicht ein kleiner Aufkleber mit dem Hinweis ,infektiös‘“. Wobei hier zu beachten sei, dass es sich auch um einen Krankenhauskeim oder ähnliches handeln könnte. Auch vor Corona habe diese Beschriftung stattgefunden, um zum Beispiel die Teilnehmer einer Beerdigung darauf hinzuweisen, dass von diesem Sarg noch eine Ansteckungsgefahr ausgehen könnte.

Krematorien schon vor Corona am Limit

„Dass die Krematorien am Limit sind, ist kein Geheimnis. Natürlich haben wir aufgrund von Corona eine höhere Mortalität, aber die Überlastung der Krematorien hat andere Ursachen.“ Seit den 1990er Jahren ist die Feuerbestattung weiter auf dem Vormarsch. Während die Verteilung in Westdeutschland im Jahr 1993 laut Aeternitas e.V., Verbraucherinitiative Bestattungskultur, bei 40 Prozent Feuerbestattung und 60 Prozent Erdbestattung lag, hat sich das Bild im Laufe der Jahre drastisch verändert. Im Jahr 2019 lag der Anteil der Feuerbestattungen bei 70 Prozent.

„Diese Entwicklung hat verschiedene Gründe“, so der Bestatter. Während der Corona-Pandemie spiele vor allem der Zeitfaktor eine übergeordnete Rolle. Bei einer Erdbestattung gelte eine 96-Stunden-Frist, die man einhalten müsse. „Bei einer Einäscherung kann man auch warten, bis wieder mehr Menschen zu einer Trauerfeier zugelassen werden.“ Auch sei die Feuerbestattung die umweltbewusstere Variante. „Die Krematorien haben sündhaft teuere und spezielle Filter. Bei einer Erdbestattung, sollte der Verstorbene Medikamente eingenommen haben, weiß man nie wo diese Stoffe hingelangen.“ Und zuletzt sei die Grabgestaltung bei einer Urnenbestattung einfacher. „Hier müssen die Grabumrahmungen nicht versetzt werden, das Grab sieht zwei Tage später wieder sauber und ordentlich aus.“

Trend hin zur Feuerbestattung

Der Trend hin zur Feuerbestattung mache sich in den Krematorien natürlich besonders bemerkbar. Bestatter im Raum Rosenheim hätten eigentlich nur die Möglichkeit, die Krematorien in Fürstenzell, München, Traunstein oder Salzburg zu nutzen. Das Vorhaben, in Kolbermoor eine Feuerbestattungsanlage zu errichten, wurde Ende 2019 von den Bürgern abgelehnt.

Thomas Engmann, geschäftsführender Gesellschafter der EHG Dienstleistung GmbH, hätte das Krematorien in Kolbermoor betrieben und sagte bereits damals: „In etwa zwei Jahren wird in Traunstein die Kapazitätsgrenze der dortigen zwei Ofenlinien erreicht sein.“

mz

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