Corona-Virus sorgt für Chaos und Unruhe in der Region Rosenheim - auch bei Ärzten und Schulen

„Desinfektionsmittel ausverkauft“ melden derzeit viele Drogeriegeschäfte und Apotheken in der Region, wie hier in einem Drogeriegeschäft an der Münchener Straße in Rosenheim. Aerzbäck
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Sprachreisen abgesagt, Schüleraustausch gecancelt – und einzelne Schüler und Lehrkräfte, die dem Unterricht fernbleiben müssen. Das Corona-Virus mit seinem Rattenschwanz an Regelungen hat auch die Region Rosenheim erreicht. Alarmiert ist auch die Ärzteschaft im Raum Rosenheim.

Rosenheim – Geraume Zeit hat das Corona-Virus einen Bogen um die Region gemacht – doch seit dem Wochenende und dem ersten bestätigten Fall, ein 55-jähriger Skiurlaub-Rückkehrer (angesteckt in Südtirol) aus dem Landkreis, rückt das Thema näher. Und die Unruhe in der Bevölkerung wie auch in der Ärzteschaft steigt.

Schutzbekleidung Mangelware

Denn: Schutzbekleidung wie Handschuhe, Ganzkörperanzüge und Gesichtsmasken sind inzwischen offenbar Mangelware, selbst für Mediziner. Davon weiß auch der Leiter des Gesundheitsamtes Rosenheim, Dr. Wolfgang Hierl, zu berichten: „Die Ärzte beklagen in der Tat, dass es schwierig ist, an Schutzausrüstung zu kommen. Wir hoffen aber, dass die Kapazitäten für die Herstellung bald erweitert werden können.“

„Ärzte riskieren Leib und Leben“

Von Hysterie auf Patientenseite, aber auch von mangelnder bis ungenügender Schutzausrüstung auf Ärzteseite kann auch Dr. Nikolaus Klecker, Bezirksvorsitzender im Bayerischen Hausärzteverband und aus Rosenheim, ein Lied singen. „Die Schutzkleidung ist bei vielen knapp oder nur unvollständig vorhanden, das ist tatsächlich ein Problem“, erklärt er auf Anfrage.

Gleichzeitig würde von Seiten des Gesundheitsamtes erwartet, dass die niedergelassenen Ärzte Tests auf Corona-Virus möglichst selbst vornehmen. „Wenn dann einer nicht ausreichend mit Schutzausrüstung versorgt ist, setzt er ja Leib und Leben aufs Spiel.“

Gut gerüstet fühlen sich nach wie vor die Romed-Kliniken, wie auf Anfrage bestätigt wurde.

Unternehmer: „Ein einziges Chaos“

Von einem „einzigen Chaos“ spricht ein Branchenteilnehmer und Hersteller von Schutzbekleidung aus der Region, der einen Blick hinter die Kulissen gewährt: Gesichts- und Atemschutzmasken – Fehlanzeige. Denn eine maßgebliche Produktionsstätte für das Unternehmen liegt in China, noch dazu in Wuhan – und dort sei die Fabrik seit 8. Januar von Soldaten besetzt, die Produktion werde abgegriffen, müsse im Land verbleiben. „Nichts geht mehr raus“, beklagt der Unternehmer, der nicht namentlich genannt werden will.

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Ähnliche Verhältnisse an einer weiteren Produktionsstätte des Unternehmens in Italien: Auch dort würden inzwischen 70 Prozent der Produktion vom Land beschlagnahmt, nur ein geringer Anteil werde exportiert. Und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat ganz aktuell die Beschlagnahmung sämtlicher Atemschutzmasken, die in seinem Land hergestellt werden, angekündigt. „Wir hatten uns gerade noch eine halbe Million Masken aus Frankreich gesichert, jetzt wissen wir nicht, was überhaupt noch bei uns ankommen wird“, schildert der Unternehmer die Lage.

Unternehmer: Ethanol geht zu Neige

Und er zeigt weitere Schwierigkeiten auf: Ethanol für die Produktion von Desinfektionsmitteln ginge zur Neige; die Preise für medizinische Produkte hätten sich blitzschnell vervierfacht – komme es tatsächlich zur Pandemie, sieht der Unternehmer, der unter anderem Kliniken und Krankenhäuser zwischen Wien und München versorgt, kritische Zeiten auf Deutschland zukommen.

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Sein Rat, den er aktuell auch in einem Schreiben an die Bundesregierung richtet: Zumindest Pandemie-Vorratslager einzurichten, um entsprechend gewappnet zu sein – und, wenn möglich, die Produktion von Schutzutensilien, die zwischenzeitlich aus Kostengründen zu einem Großteil in Asien erfolgt, wieder nach Deutschland zurückzuholen.

Schüler und Lehrer bleiben zuhause

Die ersten Auswirkungen von „Corona“ machen sich auch an den Schulen in der Region bemerkbar. Aufgrund den Empfehlungen des Bayerischen Gesundheitsministeriums für Schüler und Lehrkräfte, die sich zuletzt in Risikogebieten (unter anderem Lombardei und Emilia-Romagna) aufgehalten hatten, dem Unterricht fern zu bleiben, taten sich in den Klassen in der Tat einzelne Lücken auf.

In den Schulklassen tun sich Lücken auf

An den Grund- und Mittelschulen im Landkreis blieben nach Auskunft des Staatlichen Schulamtes Rosenheim insgesamt 17 Schüler und drei Lehrkräfte (von gesamt 18 000 Schülern) nach den Faschingsferien „risikobedingt“ zuhause.

Und auch an den weiterführenden Schulen in der Region blieben einzelne Schüler und Lehrkräfte dem Unterricht fern, da sie sich in Risikogebieten aufgehalten hatten – unter anderem eine Schülerin am Karolinengymnasium Rosenheim, je zwei Schüler am Gymnasium Bruckmühl und Prien, ein Junge an der Johann-Rieder-Realschule Rosenheim sowie je eine Lehrerkraft am Gymnasium Bad Aibling und an der Johann-Rieder-Realschule Rosenheim, wie unsere Recherchen ergaben.

Schüleraustausch abgesagt

Ebenfalls betroffen: Austauschprogramme und Sprachreisen an vielen Schulen in der Region. Die (Mädchen-)Realschule Rosenheim hat unter anderem eine Sprachreise nach England abgesagt; der Spanien-Austausch wird indes durchgeführt. Gestrichen ist sowohl am Gymnasium Raubling wie auch am Gymnasium Bruckmühl jeweils ein in Kürze geplanter Austausch mit Ligurien/Italien.

Ebenfalls abgesagt: der aktuell geplante Besuch einer japanischen Austausschülergruppe am Gymnasium Bad Aibling, ebenso der Besuch von griechischen Schülern („Kreta-Austausch“) am Finsterwalder-Gymnasium Rosenheim.

Jugendparlament gecancelt

Auf eine ganz besondere Veranstaltung muss das Karolinen-Gymnasium Rosenheim aufgrund der Corona-Entwicklungen verzichten: Auch das für März geplante Internationale Jugendparlament der Alpenkonvention (YPAC) mit Vertretern von zehn Schulen aus dem Alpenraum ist gecancelt.

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