Corona-Schaden: Wie Rosenheims Wiesn-Aus die Wirtschaft schockt

Abstand schwer zu wahren: Distanz zum Mitmenschen ist bei Herbstfest und Co. eher die Ausnahme. Foto: Ruprecht
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Die Hoffnungen waren in den vergangenen Wochen gen Null gesunken, für viele Rosenheimer die Nachricht am Dienstagabend dennoch ein Schock: Das Rosenheimer Herbstfest legt eine Zwangspause ein. 2021 aber soll es eine glanzvolle Neuauflage geben: Dann wird Rosenheims Wiesn 160 Jahre alt.

Update 29. April, 20.30 Uhr 

OB Bauer: "Wäre ein Signal der Hoffnung gewesen"

Die noch amtierende Rosenheimer Oberbürgermeisterin, Gabriele Bauer, sieht ihren Abschied von Corona und den Folgen überschattet: "Ich weiß, wieviel dieses Fest den Rosenheimerinnen und Rosenheimern und den Menschen in unserer Region bedeutet", sagte sie den Heimatzeitungen des OVB. "Gerade in dieser schweren Zeit der Ausgangsbeschränkungen, der Geschäftsschließungen und der Quarantäne wäre das Herbstfest auch ein Signal der Hoffnung, der Zuversicht und der Normalität gewesen." 

Auch die Sorgen von Schaustellern und vielen anderen verstehe sie. Die Absage jedoch sei "unabwendbar" gewesen: "Die Gesundheit der Menschen muss auch über dem Herbstfest stehen." 

Zum Ticker: Coronavirus in der Region

Ihr Nachfolger Andreas März hätte beim Herbstfest 2020 eine besondere persönliche Premiere und einen öffentlichkeitswirksamen Termin wahrgenommen. Den wird er voraussichtlich 2021 wahrnehmen, wenn das Herbstfest 160. Geburtstag feiert. Er sei entschlossen, mit Begeisterung ans Werk zu gehen und sich nicht "von fehlenden Spielräumen und Einschränkungen" abschrecken zu lassen, sagte März. Er wolle mit "praktikablen Lösungen das Leben in die Stadt zurückbringen. "Rosenheim ist eine robuste Stadt, die Menschen sind optismistisch, ich bin ganz sicher, dass wir noch stolz sein werden, wie wir das gemeinsam geschafft haben werden."

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29. April, 16 Uhr 

Den Schaden gering halten

Rosenheim - Stadt Rosenheim und Wirtschaftlicher Verband sagten die Wiesn für 2020 in einer gemeinsamen Erklärung ab - „im Hinblick auf die kursierende Infektionsgefahr durch die Corona-Pandemie“.

Die Stadt Rosenheim und der Wirtschaftliche Verband seien sich einig, dass „angesichts der zwingenden Notwendigkeit, Infektionsketten zu durchbrechen und eine weitere Verbreitung des Corona-Virus zu unterbinden, die Absage des Rosenheimer Herbstfests im Jahr 2020 unumgänglich ist“, erklärten der Vorsitzende des Wirtschaftlichen Verbandes Reinhold Frey und Rosenheims Wirtschaftsdezernent Thomas Bugl. „Eine frühzeitige Absage des Herbstfests ermöglicht es allen Beteiligten, sich hierauf rechtzeitig einzustellen und einen möglichen wirtschaftlichen Schaden so gering wie möglich zu halten.“

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Der Schaden ist ohnehin gewaltig. Auf 1,3 Milliarden Euro schätzt die Stadt München den Wert des Oktoberfests mit seinen sechs Millionen Besuchern. Die Stadt Rosenheim verzeichnet bei weitem nichtso viel internationalen Besuch, darf aber durch den Wegfall eines Festes mit einem Sechstel des Münchner Volumens mit einem Ausfall eines „hohen  Millionenbetrags“ ausgehen , sagt Verbandssprecher Klaus Klaus Hertreiter.

Vielen Wirten droht die Pleite

Martin Kupferschmied vom Happinger Hof ist nicht der einzige Gastronom, der von einem drohenden „Totalschaden“ spricht. „Wenn der Staat nicht hilft, ist Corona der Todesstoß“, sagt der Rosenheimer Hotelier angesichts von Totalausfällen und laufenden hohen Kosten. Marisa Steegmüller von Flötzinger hatte schon zuvor darauf hingewiesen, wie viele Bereiche - vom Brauer über den Bäcker bis zur Bedienung - am Herbstfest hängen. Von Auerbräu war gestern bis Redaktionsschluss niemand zu erreichen gewesen. 

Viele Partner an einem Tisch

Viele Rosenheimer hatten sich bereits nach der gemeinsamen Erklärung von Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) zur Absage der Münchner Wiesn gefragt, wann denn der Wirtschaftliche Verband als Gastgeber das Herbstfest absagen werde. Ein Großfest in Rosenheim abzuhalten, das sogar noch drei Wochen vor dem Münchner Oktoberfest begonnen hätte - vielen Menschen schien das von vornherein undenkbar. „Mitterteich und Rosenheim waren der Multiplikator“, sagte ein Rosenheimer via Facebook und sprach damit für die große Mehrheit: „Das brauchen wir heuer nicht noch einmal. Herbstfest und Oktoberfest canceln.“

Klaus Hertreiter vom Verband erklärte gestern, warum man sich Zeit genommen habe. Unter anderem ist es daraum gegangen, die Beteiligten an einen Tisch zu bekommen, von der Stadt über die Schausteller und Wirte bis hin zum Ausrichter, dem Wirtschaftlichen Verband.

Vorsicht vor Regressforderungen

„Jede Stadt, jedes Fest hat andere Voraussetzungen“, sagte Herteiter auf Anfragen der OVB-Heimatzeitungen. „Mit uns als privatem Verein gibt es eine nochmals besondere Situation.“ Der Wirtschaftliche Verband habe wie stets vorab bereits Verträge geschlossen, „die muss man berücksichtigen“, sagte Hertreiter. „Da dürfen wir erst recht keine überstürzten Entscheidungen fällen.“

Auch andere Städte warten ab

Andere Städte lassen sich noch mehr Zeit als die Rosenheimer und Straubing, das sein Gäubodenfest ebenfalls schon abgesagt hat. Warum andere noch länger zögern? Der Grund sind meistens die Regressforderungen von Geschäftspartnern im Großunternehmen „Volksfest“, die in solchen Fällen im Raum stehen könnten.

In Rosenheim war man sich offenbar am Dienstag einig, der Nachmittag ging dann über dem Feilen an der gemeinsamen Erklärung ins Land. Es gebe da eben auch viele Interessen zu berücksichtigen, sagte Hertreiter dem OVB.

Herbstfest: Absage schon erwartet gehabt

Von der Absage persönlich und als Vertreter seiner Zunft getroffen ist Schaustellersprecher Max Fahrenschon aus Großarolinenfeld. „Wir haben damit gerechnet gehabt“, sagt er. „Es ist ja in den vergangenen Wochen viel darüber gesprochen worden.“

Allerdings, so sagt Fahrenschon, hoffe man, dass das letzte Wort noch nicht gesprochen sei. „Eine Herbstdult, ohne Bierzelt, etwas in der Art“, sagt er. Sein Bruder, so erzählt er, improvisiere in Gmund, dort gebe ein Volksfest „zum Mitnehmen“, eben mit Imbiss statt Bierzelt. Denkbar sei für Rosenheim doch zum Beispiel eine Herbstdult ohne Bierzelt.

Unternehmer wollen - unternehmen

Er wirbt um Verständnis für seine Kollegen. „Es handelt sich dabei meistens um kleine Unternehmer, die sich hochgearbeitet haben“, sagt er. „Es will sich niemand um sein Lebenswerk gebracht sehen.“ 

Staatliche Hilfe besteht für ihn nicht zuletzt in Lockerungen der Corona-Regeln. „Wir sind Unternehmer, wir verdienen unser Geld lieber selber, als Almosen vom Staat zu erhalten.“

AfD stellt Strafanzeige

Der Rosenheimer AfD-Landtagsabgeordnete Andreas Winhart hat derweil Strafanzeige gegen die Stadt Rosenheim gestellt, und zwar wegen der Genehmigung des Starkbierfestes Anfang März. „Hier steht der Verdacht im Raum, dass die Rosenheimer Politik für ein wenig Aufmerksamkeit vor der Kommunalwahl die Gesundheit der Bevölkerung aufs Spiel gesetzt hat.“ Gleichzeitig äußerte Winhart sein Bedauern über die Absage des Herbstfestes, die er als „unverhältnismäßig“ kritisierte. „

Hier wäre gegebenenfalls ein Mittelweg mit höheren Hygieneauflagen und weiteren Tischabständen erstrebenswert gewesen.“ Die Auswirkungen auf die Gastronomie, aber auch zahlreiche andere Gewerbetreibende seien „katastrophal“.

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