Coronavirus: Rosenheimer Apotheker macht Rückzieher von Schnelltests

Ruhig Blut zu bewahren, ist in Zeiten der Pandemie schwierig. Gerade um Antikörpertests macht sich Verwirrung breit. Unser Foto zeigt Andreas Wieser von der LMU München von Blutproben einer Covid-19-Studie. dpa/Picture Alliance
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Ruhig Blut zu bewahren in Zeiten der Pandemie. Gerade um Antikörpertests macht sich Verwirrung breit. Unser Foto zeigt Andreas Wieser von der LMU München beim Betrachten von Blutproben einer Covid-19-Studie.
  • Michael Weiser
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Ende vergangener Woche der Paukenschlag, nun die Rücknahme: Thomas Riedrich hat seine Corona-Testwoche abgesagt. Der Test, dessen Lieferung er erwartet habe, habe nicht den Vereinbarungen entsprochen. Daraufhin habe er sich entschlossen, die Reihe mit 500 Tests im Raum Rosenheim zu stornieren.

Rosenheim – Es gehe rund, sagte der Apotheker heute, freilich anders, als man sich das als Unternehmer wünscht. „Seit dem Morgen haben sicher schon hundert Menschen angerufen“, sagte er gestern. Manche von ihnen waren schwer enttäuscht über die Absage.

Zu schnell mit Corona-Schnelltest? „Ich war voreilig“

Er habe alle vertrösten müssen, sagt Riedrich und gibt zu: „Ich war voreilig.“ Über Pressemitteilung hatte er kurz vor Ostern herausgeschickt. Inhalt: Vom 20. bis zum 24. April wolle er 500 Tests auf Antikörper gegen das Coronavirus verkaufen. Der Test an der Blutprobe hätte in nur zehn oder 15 Minuten eine Antwort gegeben: Sind Antikörper vorhanden?

Wenn ja, hätte das darauf schließen lassen, dass der Getestete sich bereits mit dem Coronavirus angesteckt und die Krankheit durchgestanden habe. Mit etwa 20 Euro wäre die Gewissheit günstig zu haben gewesen.

Entrüstng nach Rückzug vom Angebot

„Mir war eine Zertifizierung des Tests versprochen worden“, sagte Thomas Riedrich auf Anfrage der OVB-Heimatzeitungen. „Es hat sich dann aber herausgestellt, dass nur die Firma zertifiziert war, nicht aber der Test selber.“ Kurz, so sagt es Riedrich: „Die haben gekniffen, als ich das Zertifikat verlangt habe.“

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Geld habe er noch keines gezahlt, ein finanzieller Schaden sei somit nicht entstanden. Wohl aber dürfte sein Image gelitten haben. Manche Anrufer seien entrüstet, er verstehe das auch, sagt Riedrich. Aber: „Es hilft ja auch nichts, wenn ich die Leute zahlen lasse, dann aber bei der Beratung sage, Sie hatten vor 14 Tagen Covid-19, es kann aber auch eine Grippe oder Erkältung gewesen sein.“

Ungeklärte Fragen nach der Genehmigung

Der Apotheker hatte nach eigenen Worten das Gesundheitsamt über die neuen Tests informiert, aber keine Antwort des Gesundheitsamtes abgewartet. Ob für derlei Tests eine Genehmigung notwendig ist, war bis Redaktionsschluss nicht zuverlässig zu klären: Vom Gesundheitsministerium war vorerst keine Antwort zu bekommen gewesen.

Fest steht aber, dass in der Frage der Antikörpertests Unsicherheit herrscht, auch unabhängig von Riedrichs Vorstoß. Das OVB hatte sich wegen solcher Tests noch vor Ostern mit dem Robert-Koch-Institut (RKI) in Verbindung gesetzt. Die Aussagen des europaweit womöglich renommiertesten Instituts dazu lautete im Kern: Man könne dazu nichts sagen, die Tests habe man bislang weder bewertet noch zertifiziert.

Robert-Koch-Institut testet - auch in Rosenheim?

Wenige Stunden später aber versendete das RKI eine Mitteilung, in der zu lesen stand, dass man ab 20. April seinerseits Antikörpertests durchführen lasse, unter anderem in Gebieten mit besonders hohen Covid-19-Zahlen. Dass Stadt und Landkreis Rosenheim als eine der am härtesten betroffenen Regionen Bayerns zu den Testgebieten gehören könnte, erscheint zumindest denkbar.

Möglicherweise dienen die Studien des RKI gar nicht der Einschätzung der Corona-Lage insgesamt, sondern nur als Testlauf für die Tests. Derzeit werden nach Auskunft des Bayerischen Landesamtes für Gesundheit verschiedene Antikörper-Nachweisverfahren entwickelt und getestet, deren Leistungsfähigkeit noch ermittelt werden muss. "Dazu dienen die genannten Studien des RKI und der genannten Institutionen", hieß es. Die Möglichkeit zum Nachweis von Antikörpern gegen SARS CoV-2 wird aktuell am Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit etabliert. Derzeit wird der erste Test auf seine Leistungsfähigkeit geprüft.

500.000 Coronavirus-Tests täglich wären möglich

Experten sind in Sachen Antikörpertests zurückhaltend. Ja, es gebe wohl zuverlässigere Tests als noch vor ein paar Wochen, sagt Hendrik Borucki von

Bioscientia

, einem Laborverbund mit Standort unter anderem in Karlsfeld in Dachau. Aber nein, diese Tests geben noch keine Gewissheit.

Und: Es droht ein Engpass. Wie auch bei den sogenannten PCR-Tests, die das Coronavirus selbst im Körper eines Infizierten nachweisen können. Allein Bioscientia beispielsweise kann an seinen 19 Standorten 25.000 Tests diagnostizieren, und das jeden Tag.

Bioscientia ist einer der Anbieter aus der privaten Wirtschaft, die ungefähr 80 Prozent der Tests abdecken. Insgesamt könnten 500.000 Tests täglich durchgeführt werden. Voraussetzung: Das Material für Tests muss auch da sein. Und da dürfte es in den kommenden Tagen hapern, sowohl bei Erreger- als auch bei Antikörpertests.

Antikörper belegen nicht unbedingt guten Ausgang

Was bringen Antikörpertests allein? Das Vorkommen von Antikörpern ist ein Beleg dafür, dass der Körper sich mit den Viren erfolgreich angelegt hat. „Wenn wir positiv getestet wären, dann wäre eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass wir Corona hinter uns haben“, sagt Borucki.

Aber: „Es ist auch Kreuzreaktion mit anderem Erregern möglich.“ Kreuzreaktion heißt vereinfacht gesagt: Der Körper kann den gewissen Antikörper auch gegen täuschend ähnliche Viren gebildet haben.

Covid-19 lässt den Menschen dumm aussehen

Neueren Tests sagen die Hersteller eine Zuverlässigkeit von 97 Prozent nach. Heißt bei einem falsch positiven Testergebnis: Wenn sich 100 Getestete im Vertrauen auf das Resultat des Tests zurück in den Dienst begeben, sind drei darunter, die Corona noch bekommen können. „Gehen die in eine Pflegestation, werden die womöglich zum Todesengel.“ Ein höchstes Maß an Zuverlässigkeit erreicht man nur in Verbindung mit PCR-Tests auf Erreger.

Und überhaupt, bedeutet das Vorkommen von Antikörpern Immunität gegen Covid-19? Man nimmt es an. Wirklich wissen tut’s wohl niemand. „Wir alle, in Deutschland, auf der Welt, haben zu wenig Erfahrung mit der Aussage von Antikörpertests“, sagt Borucki. Man weiß zu wenig, um Garantien abgeben zu können.

Vielleicht war es auch diese Feststellung, die Thomas Riedrich von seiner Testreihe Abstand nehmen ließ.

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